Mehrere Menschen heben glücklich die Hand zum Hitlergruß, während ein NS-Funktionär vor ihnen paradiert

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LIVETICKER

Der „Anschluss“ vor 80 Jahren

Im Morgengrauen des 12. März 1938 marschieren NS-Truppen in Österreich ein - der Beginn des „Anschlusses“ an Hitler-Deutschland: Das Projekt „Zeituhr 1938“ und science.ORF.at hat in einem „historischen Liveticker“ die Ereignisse von damals nachgezeichnet – Minute für Minute.

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Über den historischen Liveticker

Der historische Liveticker verwendet u.a. verloren geglaubte, aber jetzt vom multimedialen ORF-Archiv wiedergefundene zeithistorische Originaltöne und Berichte von Zeitzeugen. Experten und Expertinnen kommentieren anhand dieser Dokumente die Geschehnisse und die sich daraus ergebenden Konsequenzen rund um den „Anschluss“. In Kooperation mit Ö1 findet das von Frederick Baker kuratierte Projekt „Zeituhr 1938“ statt. Dabei wird ebenfalls auf ORF-Archivmaterial zurückgegriffen. Worum es sich genau dabei handelt, erklärt die Zeithistorikerin Heidemarie Uhl:

Was bisher am 11. März geschehen ist

Bundeskanzler Kurt Schuschnigg hat wenige Tage zuvor für Sonntag, den 13. März 1938, eine Volksbefragung angekündigt: „Für ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich!". In einem Film der Wiener Polizei sieht man, wie dafür noch bis zuletzt auf den Straßen geworben wird:

Am 11. März überreichen die nationalsozialistischen Regierungsmitglieder um Arthur Seyß-Inquart Schuschnigg ein Ultimatum von Adolf Hitler, die Volksbefragung zu verschieben. Sie verlangen seinen Rücktritt und die Bildung einer Regierung unter Seyß-Inquart.

Um 13 Uhr unterzeichnet Hitler eine Weisung für den Einmarsch in Österreich, „wenn andere Mittel nicht zum Ziele führen“. Schuschnigg sagt daraufhin die Volksbefragung ab. Er bietet Bundespräsident Wilhelm Miklas seinen Rücktritt an, was dieser nach einigem Zögern akzeptiert. Miklas weigert sich aber vorerst, Seyß-Inquart zum Bundeskanzler zu ernennen.

Mehr zur Vorgeschichte des „Anschlusses“ in einem Gastbeitrag des Historikers Oliver Rathkolb: Drei Tage Demokratie

Miklas lehnt deutsche Forderungen ab

Der deutsche Militärattaché Wolfgang Muff teilt dem Bundespräsidenten Miklas im Bundeskanzleramt mit, dass es bis 19.30 Uhr ein Kabinett Seyß-Inquart geben müsse, oder die Deutschen marschieren ein. Miklas lehnt dennoch ab. Unter Drohung mit Gewalt werde er keinen österreichischen Bundeskanzler ernennen.

Schuschnigg (li.) und MIklas im April 1937

AP

Schuschnigg (li.) und Miklas im April 1937

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Widerstand von Arbeitern in St. Pölten

Der Zeitzeuge Siegfried Nasko erinnert sich: „In den Stadtsälen fand seit 18 Uhr die Wahlversammlung der Gemeindebeamten und Angestellten statt. In diese Versammlung platzte die Nachricht, dass in der Stadt die SS bereits einen Fackelzug durchführe. … Als die Teilnehmer … beim Nachhausegehen in der Innenstadt demonstrativ patrouillierende Nationalsozialisten sahen, die … etwa hundert Mann in Zivil im Hof des alten Brauhauses in der Franziskanergasse in Reserve hielten, kam es zu spontanen, zum Teil argen Schlägereien. Die Entschlossenheit der Arbeiterschaft verblüffte die Nationalsozialisten, die vorübergehend das Feld räumten.“

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

RAVAG berichtet: „Volksbefragung ist abgesagt“

Alfons Übelhör von der Kulturabteilung der RAVAG in der Wiener Johannesgasse verliest im Radio eine Nachricht, die er von der Vaterländischen Front bekommen hat: „Der Bundeskanzler und Frontführer hat sich … entschlossen, die für den 13. März angesetzte Volksbefragung zu verschieben.“

Ein historischer Radioapparat

Zeituhr 38

Radioprogramm ändert sich – und das Straßenbild

Der Chef vom Dienst der RAVAG, Otto Stein, schickt eine Programmänderung an den Leiter der Musikabteilung, Arthur Schuschnigg, den Bruder des Bundeskanzlers: Übergang zu getragener Musik. So schlagartig wie das Radioprogramm ändert sich in Wien das Straßenbild. In der inneren Stadt tauchen Nazis in Massen auf. Hakenkreuzfahnen werden entrollt. Immer lauter ertönen die Sprechchöre zum Marschantritt der Demonstranten, immer weniger werden die Anhänger der Regierung.

Straßenszene in Wien am Abend des 11. März

AP

Straßenszene in Wien am Abend des 11. März

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Unruhen in Hallein

Nationalsozialisten marschieren singend durch die Stadt Hallein in Salzburg, Kommunisten stören die Kundgebung. Dabei wird der Hauptschuldirektor schwer verletzt.

Die Oper spielt Tschaikowski

Die dramatischen Ereignisse hindern Gertrud Seyß-Inquart, die Frau von Arthur Seyß-Inquart, nicht daran, mit ihrer Tochter und deren Verlobten in die Oper zu gehen. Während der österreichische Staat stirbt, spielt die Staatsoper Eugen Onegin von Tschaikowski.

Generaltruppeninspektor will nicht Kanzler werden

Bundespräsident Wilhelm Miklas möchte weiter nicht, dass Seyß-Inquart neuer Bundeskanzler wird, und stattdessen Generaltruppeninspektor Sigismund Schilhawsky mit der Regierungsbildung beauftragen. Dieser lehnt jedoch ab.

Demütigungen und Denunziationen

Noch am Abend kommt es zu ersten Übergriffen v.a. auf Juden und Jüdinnen, die sich in den nächsten Tagen steigern. Die Historikerin Brigitte Bailer: „Eine Armbinde, die den Träger als Nationalsozialist oder SA-Mann auszeichnete, reichte aus, um Geschäfte zu plündern, Menschen aus ihren Wohnungen zu zerren und auf der Straße zu demütigen, Juden und Jüdinnen auf den Knien zu zwingen, die Straßen zu reinigen.“ Das traf den Nerv eines „großen Teils der Bevölkerung“, sagt die Historikerin:

„Es gab zwar tausende Verhaftungen von Widerstandskämpfern, aber die Gesellschaft als Ganzes hat nicht nur das NS-Regime akzeptiert, sondern hat v.a. in der Anfangsphase einen unglaublichen Hang zur Denunziation gehabt“, so der Historiker Oliver Rathkolb:

Kein Schuss soll abgegeben werden

General Wilhelm Zehner, Staatssekretär für Landesverteidigung, gibt den Auftrag an das Bundesheer, keinen Schuss abzugeben und sich zurückzuziehen, wenn deutsche Truppen die Grenze überschreiten.

Der Zeitzeuge Franz Olah findet, dass die Teile des Bundesheers, die noch zu kämpfen bereit waren, hätten kämpfen sollen. „Wer weiß, wie die übrige Welt dann reagiert hätte“, sagt der spätere Innenminister und ÖGB-Präsident:

Mehr dazu in Ö1 Betrifft: Österreich

Innsbruck feiert – ohne Licht

Der Zeitzeuge Hubert Mascher erinnert sich: „Innsbruck hat zur Feier der Machtübernahme das elektrische Licht ausgeschaltet. Es war alles dunkel. … in der Maria-Theresienstraße … war eine riesige Menge, die Straßenbahn ist gestanden und es war kein Strom da, auf dem Dach sind die Leute gestanden, haben „Heil Hitler“ geschrien und das Horst-Wessel-Lied gesungen und weiß Gott noch was, und an allen Fenstern, auch an den Fenstern, wo Juden wohnten, haben Kerzen gestanden, angezündet. Das war ein derartig düsteres Bild, unheimlich.“

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Miklas zögert weiter

Miklas weigert sich noch immer, Seyß-Inquart zum Bundeskanzler zu ernennen.

Porträtfoto von Arthur Seyss-Inquart

AP

Seyß-Inquart

Abschiedsrede Schuschniggs: „Gott schütze Österreich!“

Das Bundeskanzleramt ist über eine direkte Leitung mit der RAVAG, dem Rundfunk-Vorgänger des ORF, in der Johannesgasse in Wien verbunden. Schuschnigg beginnt seine letzte Rede, den Rücken seinen anwesenden Mitarbeitern und Gegnern zugewandt, und spricht in das leere Kanzlerzimmer hinein:

Die gekürzten Worte von Schuschnigg: „Österreicher und Österreicherinnen! Der heutige Tag hat uns vor eine schwere und entscheidende Situation gestellt. … Die deutsche Reichsregierung hat dem Herrn Bundespräsidenten ein befristetes Ultimatum gestellt, nach welchem der Herr Bundespräsident einen ihm vorgeschlagenen Kandidaten zum Bundeskanzler zu ernennen … hätte, widrigenfalls der Einmarsch deutscher Truppen für diese Stunde in Aussicht genommen wurde. … Wir haben, weil wir um keinen Preis auch in ernster Stunde nicht, deutsches Blut zu vergießen gesonnen sind, unserer Wehrmacht den Auftrag gegeben, für den Fall, dass der Einmarsch durchgeführt wird, ohne Widerstand sich zurückzuziehen … So verabschiede ich mich in dieser Stunde von dem österreichischen Volke mit einem deutschen Wort und einem Herzenswunsch: Gott schütze Österreich!“

Sigmund Freud notiert: „Finis Austriae“

Als Sigmund Freud in der Berggasse in Wien von der Schuschnigg-Rede erfährt, reagiert er wütend. „So außer sich hab’ ich den Herrn Professor vorher noch nie gesehen“, erinnert sich Paula Fichtl, die Haushälterin der Familie Freud. „Finis Austriae“ schreibt Freud an diesem Abend des 11. März später in sein Tagebuch.

Sigmund Freud im Juni 1938 nach seiner Emigration nach London mit seiner Tochter Mathilde

AP

Freud im Juni 1938 nach seiner Emigration nach London mit Tochter Mathilde

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

SA und SS vor dem Bundeskanzleramt

Rund 6.000 SA-Männer und 500 SS-Männer stehen vor dem Bundeskanzleramt.

Schaufensterscheiben werden eingeschlagen

Der Zeitzeuge William L. Shirer erinnert sich an die Geschehnisse in Wien: „Durch die Menge kämpfe ich mich zur Kärntnerstraße vor. Überall Massen von Leuten. Jetzt auch singend. Nazilieder brüllend. Einige Polizisten stehen gutmütig dabei. Was tragen sie da an ihren Armen? Eine schwarzweißrote Hakenkreuzbinde! Sie sind also bereits übergelaufen! Ich eile weiter in Richtung Graben. Junge Randalierer werfen die Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte ein. Die Menge jubelt vor Entzücken.“

Straßenszene des 11. März 1938

ORF

Straßenszene des 11. März 1938

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Begeisterung in Leoben

Unter stürmischer Begeisterung und Absingen des Deutschland- und Horst-Wessel-Liedes wird nach 20 Uhr am Rathaus von Leoben eine mächtige Hakenkreuzfahne gehisst. Auch ungezählte Fenster sind mit Hakenkreuzfahnen geschmückt. Gendarmerie, SA und SS sorgen in „mustergültiger Weise für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung“, wie die Tagespost am nächsten Tag schreibt.

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

„Juda verrecke!“ in Bad Vöslau

Die Zeitzeugin Trude Medak erinnert sich an den Abend im niederösterreichischen Bad Vöslau: „Eine halbe Stunde später [nach der Schuschnigg-Rede] sind bereits die Lastwägen vorbeigefahren mit ‚Juda verrecke!‘ und mit vollen Uniformen, Hakenkreuzbinden, Fahnen … Also, es war alles bereits da! Und es soll einem niemand von Gottes weiter Welt erzählen, dass die armen Österreicher vergewaltigt wurden. Sie wurden es nicht!“

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Seyß-Inquart ruft zu Ordnung auf

Seyß-Inquart gibt im Radio bekannt, dass er weiter als Innen- und Sicherheitsminister im Amt sei, und gibt den Befehl, keinen Widerstand gegen die einrückenden deutschen Truppen zu leisten.

Ausschnitt aus seiner Rundfunkansprache:

Film: Begeisterung auf den Straßen Wiens

Ein Polizeifilm des Filmmuseums zeigt die Begeisterung der Bevölkerung auf den Straßen Wiens:

Übernahme der RAVAG

Nationalsozialisten übernehmen den Rundfunksender RAVAG in der Wiener Johannesgasse.

RAVAG-Logo

RAVAG

RAVAG-Logo

Goebbels-Propaganda widerspricht Schuschnigg

In Berlin bemüht sich Goebbels’ Propagandaministerium, der Öffentlichkeit vorzumachen, dass Deutschland keinen Druck auf Österreich ausgeübt habe. Das Deutsche Nachrichtenbüro (DNB) veröffentlicht eine „Richtigstellung“ zu Schuschniggs Rücktrittsrede. Es habe kein Ultimatum von Seiten der deutschen Reichsregierung zur Bildung einer neuen Regierung gegeben, „... sondern österreichische Stellen und österreichische Minister waren es, die sich angesichts der sich immer mehr zuspitzenden Lage in Österreich und der auf eine Katastrophe zusteuernden Politik des Bundeskanzlers Schuschnigg dem Bundespräsidenten derartige Forderungen unterbreiteten. …“

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Hitler gibt Weisung zum Einmarsch

Hitler gibt unter dem Betreff „Unternehmen Otto“ in seiner Weisung Nummer 2 den schriftlichen Einmarschbefehl. Darin heißt es „1. Die Forderungen des deutschen Ultimatums an die österreichische Regierung sind nicht erfüllt worden. 2. Die österreichische Wehrmacht hat Befehl, sich vor dem Einmarsch deutscher Truppen zurückzuziehen und dem Kampf auszuweichen. Die österreichische Regierung hat sich ihres Amtes suspendiert. 3. Zur Vermeidung weiteren Blutvergießens in österreichischen Städten wird der Vormarsch der deutschen Wehrmacht nach Österreich am 11.3. bei Tagesanbruch nach Weisung Nummer 1 angetreten. Ich erwarte, dass die gesteckten Ziele unter Aufbietung aller Kräfte so rasch als möglich erreicht werden. Adolf Hitler"

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Hakenkreuz in Klagenfurt

SS-Formationen haben öffentliche Gebäude in Klagenfurt besetzt. Auf dem Rathaus wird die Hakenkreuzfahne gehisst.

Erste Fluchtversuche aus Wien

Nach Übergriffen auf Juden und Oppositionelle kommt es zu ersten Fluchtversuchen mit dem Zug von Wien nach Pressburg. Da dieser überfüllt ist, müssen viele auf den Zug nach Brünn und Prag um 23.15 Uhr warten.

Siegesfeier auf Grazer Hauptplatz

Als die Nachricht vom Rücktritt der österreichischen Bundesregierung über das Radio bekanntgegeben wird, feiern auf dem Grazer Hauptplatz über 60.000 Menschen die „Machtergreifung“ bis in den frühen Morgen.

Graz am 11. März

Universalmuseum Joanneum - Multimediale Sammlung

Graz am 11. März

Mehr zu Graz, der „Stadt der Volkserhebung“ in der „Zeituhr 1938“

Die SS im Innsbrucker Landhaus

Die SS besetzt das Innsbrucker Landhaus und hisst dort noch vor 21 Uhr eine große Hakenkreuzfahne. Der Führer der Tiroler NSDAP, Gauleiter Edmund Christoph, übernimmt die Funktion des Landeshauptmanns. Noch bevor Bundespräsident Miklas Seyß-Inquart zum neuen Bundeskanzler ernennt, hat die NSDAP die Macht in Tirol an sich gerissen.

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

1.800 Nazis in Wels

Das Polizeikommando Wels meldet, dass 1.800 Nazis vor dem Polizeikommissariat aufmarschiert sind. Sie verlangen, dass Polizisten ihren Dienst mit Hakenkreuzbinden versehen sollen und die Hakenkreuzfahne auf dem Polizeigebäude gehisst wird.

Wels am 11.3.1938

Stadtarchiv Wels

Wels am Abend des 11. März

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Salzburg: Keine Ansätze von Widerstand

Gauleiter Anton Wintersteiger meldet gegen 21 Uhr nach Wien, dass er die Macht in Salzburg ergriffen habe. SA-Männer besetzen Rundfunksender, Fernsprechamt, Landesgericht, Landwirtschaftskammer, das Haus der Vaterländischen Front. Das Bankguthaben der Gewerkschaft wird gesperrt, Nationalsozialisten übernehmen die Führung der jüdischen Geschäfte und setzen kommissarische Leiter ein. Der Chefredakteur der „Salzburger Chronik“ wandert ins Gefängnis. Nirgendwo entwickeln sich auch nur Ansätze eines Widerstandes bei den Behörden.

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Widerstand hat es schwer

Tausende Gegner des NS-Regimes werden schon in den ersten Wochen nach dem „Anschluss“ verhaftet. Der Zeitzeuge Hubert Mascher war dennoch Teil einer Widerstandsgruppe:

„Die Ausgangslage des österreichischen Widerstandes war denkbar schlecht, die Nazi-Repression setzte sofort und mit größter Brutalität ein“, sagt der Historiker Wolfgang Neugebauer:

Mehr dazu in Ö1 Betrifft: Österreich

Grenzübergang Marchegg gesperrt

Tschechische Behörden sperren den Grenzübergang Marchegg, der Zug von Wien nach Pressburg mit Flüchtenden an Bord wird am Grenzbahnhof angehalten.

„Arbeiter haben nicht kapituliert“

Der Zeitzeuge und Sozialist Otto Leichter erinnert sich: „Die österreichischen Arbeiter haben nicht kapituliert; denn nicht sie hatten das Österreich Schuschniggs und Dollfuß’, das Österreich, das für die Arbeiter nur Polizeiarreste, Gerichtsgefängnisse und Konzentrationslager übrig gehabt hatte, zu verteidigen. Sie konnten es auch gar nicht verteidigen, selbst wenn sie dazu bereit gewesen wären, denn es ist von seinen eigenen Trägern kläglich preisgegeben worden.“

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Mussolini zeigt kein Interesse an Österreich

Bundespräsident Miklas stimmt nach längerem Zögern der Regierungsumbildung durch Seyß-Inquart zu. Kurz danach erklärt Benito Mussolini Hitler sein Desinteresse am weiteren Schicksal Österreichs.

Hitler und Mussolini in Italien 1938

ORF/LOOKS Film & TV GmbH

Hitler und Mussolini in Italien 1938

RAVAG: Seyß-Inquart ist Kanzler

Um 23.14 Uhr verkündet die RAVAG eine Meldung des Staatsrats Hugo Jury: „Der Bundespräsident hat unter dem Druck der innerpolitischen Lage den Bundesminister Seyß-Inquart zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung mit der Führung des Bundeskanzleramtes betraut.“

Arthur Seyß-Inquart wird zum Bundeskanzler ernannt

ORF/Phlex Film

Seyß-Inquart wird Bundeskanzler

Verhaftungen und Plünderungen

Der Wiener Bürgermeister Richard Schmitz wird von Nationalsozialisten verhaftet, eine Hakenkreuzfahne auf dem Wiener Rathaus aufgezogen. Eine erste Verhaftungswelle rollt an, jüdische Geschäfte werden in Wien noch in der Nacht geplündert.

Miklas ernennt Seyß-Inquart zum Kanzler

Was die RAVAG schon eine Viertelstunde vorher gemeldet hat, ist nun offiziell: Bundespräsident Miklas hat Seyß-Inquart zum Nachfolger Schuschniggs gemacht. Der zurückgetretene Kanzler und sein Außenminister Guido Schmidt haben Miklas immer wieder dazu gedrängt, und auch Seyß-Inquart hat versucht, für sich selbst zu werben: Er sei doch kein Revolutionär und möchte sein Amt auf legalem Wege übernehmen.

Schmidts Argumente: Die Macht in den Bundesländern sei doch schon in Händen der Nationalsozialisten. Die wenigen, die noch zu einem Widerstand bereit seien, solle man nicht einem Blutvergießen aussetzen, das doch zu nichts führen könne.

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Um 2.00 Uhr präsentiert sich Seyß-Inquart dann auf dem Balkon des Bundeskanzleramts, wie dieser Film zeigt:

Was in der Nacht geschehen ist

Um 2.00 Uhr präsentierte sich die neue Regierung um Seyß-Inquart auf dem Balkon des Bundeskanzleramts. Um 2.30 Uhr befahl Hitler, den Vormarsch der deutschen Truppen nicht mehr zu stoppen; um 4.30 Uhr landeten zwei Flugzeuge auf dem Flugplatz Wien-Aspern, eine mit 27 schwerbewaffneten SS-Männern, die zweite u. a. mit Heinrich Himmler, seinem Stabschef Karl Friedrich Otto Wolff und Reinhard Heydrich; um 5.30 Uhr überschritt die 8. Armee die Grenze.

Grenzübertritt der deutschen Armee

ORF

Grenzübertritt der deutschen Wehrmacht

Wiener Zeitungen von Nazis besetzt

Am frühen Morgen sind in Wien alle Zeitungsredaktionen von Nazis besetzt. Die anders eingestellten Redakteure, vor allem Juden, wurden bereits verhaftet oder hinausgeworfen, Nazis als Redakteure oder Kommissare eingesetzt.

Cover der "Wiener Zeitung" vom 12. März 1938

Wiener Zeitung

Cover der „Wiener Zeitung“ vom 12. März 1938

Dasselbe geschieht in einer großen Anzahl anderer Betriebe. Alle Regierungs- und sonstigen öffentlichen Gebäude, die Nationalbank, alle Gebäude und Lokale der Vaterländischen Front sind am frühen Morgen bereits von Nazis besetzt.

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Truppen in Bregenz

Die ersten deutschen Truppen, ein auf Kraftwagen verladener Schützenzug und ein Panzerabwehrzug, erscheinen um 8.20 Uhr in Bregenz.

NS-Propaganda sehr erfolgreich

Die NS-Propaganda ist nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil sie sehr geschickt die neuen Medien Radio und Film einsetzt, sagt die Historikerin Heidemarie Uhl.

Audio dazu in Ö1-„Radiokolleg“

Bregenz in deutscher Hand

Um 8.45 Uhr meldet sich der deutsche Generalmajor Clößner bei der Landesregierung in Bregenz. Damit ist die erste österreichische Landeshauptstadt etwa zwölf Stunden nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Österreich in deutscher Hand.

Einmarsch der Wehrmacht in Bregenz

Stadtarchiv Bregenz

Einmarsch der Wehrmacht in Bregenz

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Film: Einmarsch der deutschen Truppen in Seefeld

Die Begeisterung der Menschen im Tiroler Seefeld beim Einmarsch deutscher Truppen sieht man in einem Film der Gemeinde:

Graz: Woher kommen all die Fahnen?

Der Grazer Rabbiner David Herzog erinnert sich: „Als ich am Samstag (12. März, Anm.) gegen halb zehn Uhr vormittags in den Tempel ging, erkannte ich die Stadt nicht mehr. Von jedem Hause flatterten die Hakenkreuzfahnen, ja, jedes Fenster war bespickt mit Hakenkreuzfähnchen, und ich fragte mich und frage mich noch heute, wie konnte man in so kurzer Zeit so viele Fahnen anfertigen? Es ist nur so zu erklären, dass bereits seit Langem das alles vorbereitet gewesen ist. Es ist darum töricht zu sagen, Österreich sei überrumpelt worden.“

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Auch der Zeitzeuge und illegale Nazi Wilhelm Michalitz wundert sich, woher die vielen Hakenkreuzfahnen kamen:

Michalitz beschreibt den 12. März als „Revolution“ - eine Bezeichnung, der der Historiker Kurt Bauer heftig widerspricht. „Die illegalen Nazis in Österreich haben getan, was Hitler ihnen befohlen hat - das war bestenfalls etwas, was wie eine Revolution ausgesehen hat“, sagt der Historiker:

Mehr dazu in Ö1 Betrifft: Österreich

Salzburg begrüßt die Wehrmacht

Die Stadt Salzburg begrüßt die deutschen Truppen festlich: „Allenthalben reicher Flaggenschmuck: Fahnen des Dritten Reiches, vereinzelt schwarz-weiß-rote Fahnen mit und ohne Hakenkreuz, schwarz und gelb, rot-weiß-rot, weiß und rot, Farben der Städte mit und ohne Hakenkreuz. Die Bevölkerung in hellen Scharen auf den Straßen, hochgehende Begeisterung, freudigste, nicht enden wollende Zurufe", schreibt Erwin Schmidl in seinem Buch „März ’38 - der deutsche Einmarsch in Österreich“. Um 9.30 Uhr wird im Regierungsgebäude des Landes Salzburg der Divisionsgefechtsstand eingerichtet.

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Kein Zutritt für Juden an der Uni Wien

Der Zeitzeuge Erich Katz erinnert sich: „Am Samstag, dem 12. März 1938, morgens ging ich zur Wiener Universität, wo ich als Student im zweiten Semester inskribiert war. So wie allen jüdischen Studenten wurde mir der Zutritt zum Universitätsgebäude verwehrt und damit der Fortsetzung meines Studiums in Wien ein Ende bereitet.“

Studenten der Fachschaft Evangelische Theologie vor dem mit Hakenkreuzfahnen beflaggten Fakultätsgebäude Liebiggasse 5

Archiv der Universität Wien

Studenten vor dem Fakultätsgebäude der Evangelischen Theologie

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Reißender Absatz von Hakenkreuzen

Der Zeitzeuge Karl Sass: „Ich wandelte durch die Straßen Wiens. Hakenkreuzfahnen wurden überall gehisst. Man versuchte sich in ‚Heil Hitler‘-Grüßen zu überbieten. Fast jeder, der sich als Arier dünkte, steckte sich ein Hakenkreuz in sein Knopfloch. In der Gumpendorferstraße war ein Hakenkreuzproduzent. Dort standen lange Schlangenreihen, um sich das Abzeichen zu verschaffen. Ich glaube, dass dieser Mann weder früher noch später je ein so gutes Geschäft gemacht hatte.“

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Verhaftungswelle und „Reibpartien“

Eine gewaltige Verhaftungswelle läuft, erleichtert durch Polizeiakten und eine Namensliste der sozialdemokratischen Aktivisten. „Reibpartien“, bei denen vor allem Juden und Jüdinnen zum demütigenden Abwaschen von Symbolen und Parolen der geplanten Volksbefragung Schuschniggs gezwungen werden, gehören zum Straßenbild dieses und der folgenden Tage.

Der Zeitzeuge und Künstler Arik Brauer, heute 89 Jahre alt, erinnert sich, wie er als Kind gedemütigt und geschlagen wurde:

„Diese Demütigungsrituale wurden von der jüdischen Bevölkerung als Zivilisationsbruch erlebt. Sie verdeutlichen die Recht- und Schutzlosigkeit, der Juden und Jüdinnen sprichwörtlich über Nacht ausgesetzt waren“, sagt die Historikerin Michaela Raggam-Blesch. Betroffen waren orthodoxe Juden und speziell auch wohlhabend aussehende, wie die Historikerin erzählt:

Mehr dazu in Ö1 Betrifft: Österreich

Hitler landet in München

Hitler landet um 10.10 Uhr mit dem Flugzeug auf dem Münchner Oberwiesenfeld. Nach kurzem Aufenthalt fährt Hitlers Kolonne an marschierenden Truppenverbänden der 8. Armee vorbei zur Inn-Stadt Mühldorf. Damit die Triumphfahrt in allen Einzelheiten festgehalten werden kann, hat Hitler seinen Leibfotografen Heinrich Hoffmann mitgenommen.

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Film: Deutsche Luftwaffe landet in Wien

Der Reichsführer SS Heinrich Himmler ist schon um 4.30 Uhr auf dem Flughafen Wien-Aspern gelandet. Um 10.15 trifft auch die deutsche Luftwaffe in Aspern ein, zuvor hat sie Propagandamaterial über Wien abgeworfen. Ein Film zeigt die Flugzeuge über Wien:

Die Zeitzeugin Lola Blonder erinnert sich an die Flugzeuge und an die Katastrophe, die sich nun anbahnte:

Mehr dazu in Ö1 Betrifft: Österreich

Salzburg bekommt „Adolf-Hitler-Platz“

Der heutige Makartplatz in Salzburg wird in „Adolf-Hitler-Platz“ umbenannt. Bis zum „Anschluss“ hieß er „Dr.-Dollfuß-Platz“.

Adolf-Hitler-Platz in Salzburg

Stadtarchiv Salzburg

Bilder von Demütigungen werden nicht publiziert

„Reibpartien“ und andere Demütigungen, zu denen Juden und Jüdinnen gezwungen werden, werden zahlreich fotografiert und dokumentiert – aber nicht publiziert. Denn die nationalsozialistische Propaganda will keine „beklemmenden Bilder“, erklärt der Historiker Hans Petschar im Videointerview:

Film: Jubel für Seyß-Inquart vor dem Bundeskanzleramt

Ein Film der Wiener Polizei (Quelle: Filmmuseum) zeigt die Luftwaffe über Wien, Bundeskanzler Seyß-Inquart auf dem Balkon des Bundeskanzleramts – und eine begeisterte Menschenmenge darunter.

Erste Sitzung des neuen Ministerrates

An der ersten Sitzung des neuen Ministerrates im Bundeskanzleramt in Wien nehmen teil: Bundeskanzler Arthur Seyß-Inquart, Edmund Glaise-Horstenau (Vizekanzler), Wilhelm Wolf (Auswärtige Angelegenheiten), Franz Hueber (Justiz), Oswald Menghin (Unterricht), Hugo Jury (Soziale Verwaltung), Rudolf Neumayer (Finanzen), Anton Reinthaler (Land- und Forstwirtschaft), Hans Fischböck (Handel) und Staatssekretär Michael Skubl (Sicherheit).

Die neue Regierung Seyss-Inquart

AP

Die neue Regierung

Spucken auf Befehl der SA in Gols

Ein Zeitzeuge aus Gols im Burgenland berichtet: „Es war der 12. März 1938, 12 Uhr mittags. Ich stand vor dem Gemeindeamt und war neugierig, was da eigentlich los war. Nun gingen einige SA-Männer den aufgestellten Reihen entlang und sagten: ,Jetzt müsst ihre gleich alle ,Pfui‘ schreien und spucken.‘ - Dann erst sah man, wem dies galt. Die Gemeindefunktionäre wurden von zwei SA-Männern und einem Gendarmen verhaftet und in das Gemeindeamt gebracht, daher die neugierigen Leute. Und tatsächlich begann die versammelte Menge ,Pfui‘ zu rufen und zu toben. Für mich war dieser Tag kein Jubeltag, denn der zweite Mann, den man vorführte, war mein Vater. Er war ja Vizebürgermeister.“

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Proklamation Hitlers im Rundfunk

Um 12.00 Uhr verliest Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels eine Proklamation Hitlers im Rundfunk. Darin heißt es unter anderem: „Ich selbst als Führer und Kanzler des Deutschen Reiches werde glücklich sein, (...) jenes Land betreten zu können, das auch meine Heimat ist. Die Welt aber soll sich überzeugen, dass das deutsche Volk in Österreich in diesen Tagen Stunden seligster Freude und Ergriffenheit erlebt. Es sieht in den zu Hilfe gekommenen Brüdern die Retter aus tiefster Not.“

Ein Ausschnitt aus der Rede:

Nach der Verlesung dieser Proklamation werden die deutschen Hymnen gespielt, und anschließend folgt eine Funkstille von fünf Minuten.

Film: Menschenmenge lauscht Proklamation

Eine riesige Menge an Menschen vor dem Rathaus in Wien lauscht – fast alle mit Hitlergruß – der Proklamation Hitlers, die via Lautsprecher übertragen wird.

Hitler in Mühldorf am Inn

Kurz nach Mittag erreicht Hitler das Hauptquartier der 8. Armee im bayrischen Mühldorf am Inn, wo ihm General von Bock die bisherigen Truppenbewegungen meldet.

Deutsche Truppen in Linz

Deutsche Truppen treffen um 12.10 Uhr in Linz ein.

Siegesfeier von Seyß-Inquart

Der neue nationalsozialistische Bundeskanzler Seyß-Inquart trifft zu einer Siegesfeier „im kleinen Kreis“ im Wiener Restaurant Meissl und Schadn ein.

Deutsche Soldaten auf dem Brenner

Der deutsche Oberstleutnant Schörner trifft um 12.45 Uhr auf dem Brenner ein, wo er den Kommandanten der italienischen Brenner-Besatzung begrüßt. Er betont in einer kurzen Rede das besonders gute Verhältnis der neuen Nachbarn Deutschland und Italien.

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Wiener Rathausplatz wird „Adolf-Hitler-Platz“

Die neue nationalsozialistische Führung der Stadt Wien richtet eine Depesche an Hitler. „Zur immerwährenden Erinnerung an diesen Tag“ kündigt sie an, den Platz vor dem Rathaus in „Adolf-Hitler-Platz“ umzubenennen. „Diesen Beschluss bitten wir als ersten Treuegruß unserer Stadt entgegennehmen zu wollen.“

Meldung von der Umbenennung des Rathausplatzes

ANNO

„Neue Freie Presse“ vom 13.3.1938

Gestapo verhaftet Pfarrer in St. Kanzian

Die Gestapo verhaftet den langjährigen Pfarrer von St. Kanzian, Vinko Poljanec. Als führender Sprecher der Kärntner Slowenen, der bei der Volksabstimmung am 10. Oktober 1920 offen für Jugoslawien eingetreten ist, wurde er schon früh zum Hassobjekt der Deutschgesinnten. Die Gestapo entlässt Poljanec nach einigen Wochen aus der Haft. Geschwächt von der Haft stirbt Poljanec am 25. August 1938 in einem Klagenfurter Krankenhaus. Gerüchte, wonach Poljanec in der Gestapo-Haft vergiftet worden sei, verstummen nie.

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Hitler Richtung Braunau unterwegs

Nach einem Mittagessen bricht die Kolonne Hitlers im bayrischen Mühldorf am Inn wieder auf, sie fährt Richtung Österreich - nach Braunau, wo sie knapp vor 16.00 Uhr eintrifft.

Hitler auf der Inn-Brücke in Braunau

ORF/MinaPictures/Kreutz Sammlung Hörner/Thomas Hackl

Hitler auf der Inn-Brücke in Braunau

Vorhut der Wehrmacht in St. Pölten

Die Vorhut der deutschen Wehrmacht erreicht gegen 14.00 Uhr St. Pölten. Dort werden die Soldaten auf Befehl des Generals Heinz Guderian aufgehalten, um sich zu sammeln. Guderian will persönlich die Ankunft Hitlers am Abend in Linz miterleben.

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Bürgermeister-Chaos in Villach

So problemlos die „Machtergreifung“ in vielen Orten verläuft, so chaotisch erfolgt in manchen die Installierung neuer Bürgermeister. Villach zum Beispiel hat vom Abend des 11. März bis in die Mittagsstunden des 12. März nicht weniger als vier Gemeindeverwalter.

Szene vom "Anschluss" in Villach

Stadtarchiv Villach

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Beginn der systematischen Judenvertreibung

Mit dem 12. März beginnt die systematische Vertreibung der jüdischen Bevölkerung. Schon sechs Tage später, „am 18. März wird die Israelitische Kultusgemeinde von SS-Männern gesperrt, leitende Funktionäre in Haft genommen“, sagt die Historikerin Gabriele Anderl. Es ist der Beginn einer Entwicklung, die zu mehr als 65.000 jüdischen Opfern in Österreich führt und bei den Nachkommen bis heute nachwirkt, so Anderl:

Mehr dazu in Ö1 Betrifft: Österreich

Radio Prag berichtet

Radio Prag berichtet in seinen Nachrichten auf Englisch von den Geschehnissen.

Ein Originalausschnitt:

Himmler und Seyß-Inquart fahren nach Linz

Heinrich Himmler und Arthur Seyß-Inquart machen sich vom Wiener Westbahnhof mit dem Zug auf nach Linz, um Hitler zu treffen.

Hitler trifft in Braunau ein

Kurz vor 16 Uhr passiert Hitlers Kolonne die österreichische Grenze bei Braunau. Hier ist er vor 49 Jahren auf die Welt gekommen. Im Auto stehend, von den Massen umjubelt, rollt er an seinem Geburtshaus vorüber.

Ausschnitt einer Rundfunkreportage aus Braunau:

Im oberösterreichischen Innviertel ist der Deutschnationalismus besonders stark verbreitet, sagt der Historiker Georg Botz. Dass Braunau Hitlers Geburtsort ist, spielt für die Erwartung der lokalen Bevölkerung eine wichtige Rolle, so der Historiker:

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Kein Jubel im Osten von Wien

Der Zeitzeuge Hubert Wingelbauer erinnert sich: „In Wien gab es fast ein West-Ost-Gefälle. In den westlichen Bezirken, Mariahilfer Straße, bot sich uns ein Bild, durchaus vergleichbar mit dem, was wir schon ab Enns in steigendem Maße erlebt hatten, und dann, wie wir aber durch Simmering über den Rennweg durchgekommen sind, waren auch auffallend viele Leute auf der Straße, doch verhielten die sich gemischter. Im Ostteil von Wien herrschte statt des Jubels Ruhe, eine Ruhe, die uns angesichts des Kontrastes fast wie eine Niedergeschlagenheit vorkam.“

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Kardinal Innitzer dankt für „unblutigen Verlauf“

Kardinal Theodor Innitzer verfasst im Erzbischöflichen Palais in Wien einen Aufruf, der am nächsten Tag in der „Reichspost“ zu lesen ist: „Die Katholiken der Wiener Erzdiözese werden ersucht, Sonntag, 13. D., zu beten, um Gott dem Herrn zu danken für den unblutigen Verlauf der großen politischen Umwälzung und um eine glückliche Zukunft für Österreich zu bitten. Selbstverständlich mögen allen Anordnungen der Behörden gerne und willig Folge geleistet werden.“

Erzbischof Theodor Kardinal Innitzer.

ORF

Kardinal Theodor Innitzer

Mehr dazu in der „Zeituhr 1938“

Seyß-Inquart in Linz

Um 17.07 Uhr erscheint der neue Bundeskanzler, Seyß-Inquart, auf dem Linzer Hauptplatz: Er ist zusammen mit Vizekanzler Glaise-Horstenau und Justizminister Hueber mit dem Flugzeug aus Wien gekommen, um Hitler in Österreich willkommen zu heißen. Auf dem Hauptplatz halten in den folgenden Stunden neben einheimischen Nationalsozialisten auch Heinrich Himmler und der britische Reporter Ward Price (‘Daily Mail’) Ansprachen an die wartende Menge.

Ausschnitt eines damaligen Rundfunkberichts:

Der Historiker Bertrand Perz sieht in der Begeisterung der Menge in Linz einen Hauptgrund dafür, dass der „Anschluss“ Österreichs in einer Ein-Staaten-Lösung durchgezogen wird:

Ansprache von Himmler in Linz

Der Reichsführer SS Heinrich Himmler hält unter riesigem Jubel auf dem Linzer Hauptplatz eine Rede. Er freut sich, dass „Österreich nach Jahrhunderten unzähliger deutscher Geschichten wieder zurückkehrt in die große deutsche Heimat“. Vieltausendfache „Heil-Schreie“ folgen.

Ein Ausschnitt der Rede:

Heinrich Himmler am Rathausbalkon

Archiv der Stadt Linz

Himmler auf dem Balkon des Rathauses in Linz

Hitler erreicht Linz

Um 18.40 Uhr erreicht Hitler Linz. „60.000 bis 80.000 Menschen bescheren ihm auf dem Linzer Hauptlatz einen euphorischen Empfang“, sagt die Historikerin Maria Ecker-Angerer.

Ausschnitt aus einer damaligen Radioreportage:

Die Menschenmenge in Linz

ORF/MinaPictures/Sammlug Thomas Hackl

Die Menschenmenge in Linz

„Hitler war davon so beeindruckt, dass er kurzfristig seine Pläne für Österreich änderte. Statt zwei selbständige Staaten enger aneinander zu binden, wie ursprünglich gedacht, wird Österreich aufgelöst. Schon am 13. März tritt das ‚Anschlussgesetz‘ in Kraft, mit dem Österreich Teil des Deutschen Reichs wird", so Ecker-Angerer.

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Hitler und Seyß-Inquart halten Reden in Linz

Um 20 Uhr kommt es zu einer Großkundgebung in Linz, bei der Seyß-Inquart und Hitler Reden halten. Ein Ausschnitt daraus, erst spricht Seyß-Inquart, dann Hitler über seine „Vorsehung, meine teure Heimat dem deutschen Reich wiederzugeben“:

Hitler in Linz

ORF/Minapictures/Sammlung Thomas Hackl

Hitler in Linz, wo er sich noch bis zum 14. März aufhält

Ende des historischen Livetickers - und ein Ausblick

An dieser Stelle endet der historische Liveticker, der die Ereignisse vom 11. und 12. März 1938 nachgezeichnet hat. Zum Abschluss ein Vorgriff auf das Jahr 1945, nur sieben Jahre, nachdem Hitler euphorisch empfangen wurde: Das Kriegsende wird von vielen Österreichern als Zusammenbruch und nicht als Befreiung empfunden. Ein Gründungsmythos der Zweiten Republik lautet: Österreich war das erste Opfer des Nationalsozialismus. Dieser Opfermythos wirkte als Entlastung nicht nur für das ganze Land, sondern auch auf der individuellen Ebene, sagt die Historikerin Margit Reiter:

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