Versteckte Kinder im Frankeich der NS-Zeit

Der Zweite Weltkrieg ist für etliche Menschen noch im Gedächtnis, Teil ihrer ganz persönlichen Geschichte. So wie jene, die in Frankreich als sogenannte enfants cachés – also „versteckte Kinder“ – die Verfolgung durch die Nazis überlebt haben, oft als einzige ihrer Familie. Darunter waren auch österreichische Kinder.

Unerwartet sei der Ansturm, entschuldigen sich die Veranstalter, die Österreichische Gesellschaft für Exilforschung (öge), gleich zu Beginn bei all jenen, die sich hinten in den Gängen drängen und Dienstagabend (5.4.) keinen Sitzplatz bekommen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 6.4., 13:55 Uhr.

Das Thema der Veranstaltung erregt offensichtlich Neugier: Zeitzeuginnen, die von ihren Erinnerungen als versteckte, jüdische Kinder im zweiten Weltkrieg erzählen. Gekommen sind drei lebhafte Damen, Jahrgang 1937, 1939 und 1941. Sie erinnern sich nicht an alles, eher Momente und einzelne Fragmente, aber sie alle spüren genau, wie sehr die Zeit sie geprägt hat – vielleicht erklärt sich so auch der Andrang: Dasselbe lässt sich über dieses Stück Geschichte für unseren Teil der Welt sagen.

Identitätsfrage

Die sogenannten enfants cachés sind Überlebende der Shoa, die sich in Frankreich als Kinder verstecken mussten, um der Verhaftung und Deportation zu entgehen. Ungefähr 10.000 Kinder haben so überlebt. Viele stammten aus jüdischen Familien, die vor dem nationalsozialistischen Regime aus Deutschland und Österreich nach Frankreich geflohen waren.

Versteckt zu sein hieß dabei nicht notwendigerweise irgendwo unterzutauchen, sondern sich eine neue Identität zuzulegen. Es habe bedeutet Lügen zu lernen, erklärt Ursula Stern von der öge, die sich mit den enfants cachés beschäftigt. Auch die kleinsten Kinder hätten lernen müssen, eine neue Identität anzunehmen und Geheimnisse zu bewahren, was für ein Kind ein großer mentaler Spagat sein kann, da sie ja bis dahin eher zum Gegenteil erzogen wurden.

Herkunft verleugnen

Man habe auch öffentlich kein Deutsch mehr sprechen sollen, erzählt zum Beispiel Annie Weich, Jahrgang 1937, die dann schmunzelnd von einer heiklen Situation erzählt: „Da hab ich dann laut gesagt ‚Mama ich muss Lulu!‘, da hat sie mich gleich sozusagen verprügelt, weil ein schreiendes Kind ist besser als eines, das Deutsch spricht.“

Aber generell hätte sie Glück gehabt, erzählt Weich. Sie habe den Großteil des Krieges in einem kleinen Dorf in Frankreich verbracht, wo ihre Familie gut aufgenommen worden war. Der Bürgermeister hätte ihrem Vater den Schlüssel fürs Rathaus gegeben, ihm gezeigt, wo die Ausweisdokumente liegen, und ihm gesagt, er habe keine Ahnung, wie er die Papiere fälschen sollte, aber er möge das bitte selber tun.

Und so kam Familie Hartl – Weichs Mädchenname – zu französischen Papieren. Die Familie war die meiste Zeit beisammen, sogar die Großeltern. Das war aber für die wenigsten enfants cachés so.

Enfants caché
J. Stern
Ursula Stern, Jeanne Gauster-Glaubauf, Anni Weich, Jacqueline Lillie

Warten auf den Vater

Die meisten wurden aus verschiedensten Gründen von ihren Eltern getrennt, um irgendwo in Sicherheit zu sein. Viele der jüdischen Eltern waren in Frankreich aktiv im Widerstand oder auf der Flucht, und konnten zum Beispiel aus diesen Gründen ihren Kindern kein geregeltes oder sicheres Leben bieten.

Einen Ausweg für die Kinder boten aber verschiedene Hilfsorganisationen wie beispielsweise OEuvre de secours aux enfants (OSE) und Eclaireurs israélites (EIF), Familien, die den Widerstand unterstützten und Kinder aufnahmen, sowie religiöse Institutionen, die Verstecke boten.

Die frühere Dolmetscherin Jeanne Gauster-Glaubauf war so ein, in Sicherheit gebrachtes Kind. Sie ist 1937 in Paris geboren – am 1. Mai, „wie sich das für ein Kind kommunistischer Eltern gehört“, wird am Podium gescherzt. Denn Jeannes jüdische Eltern lebten schon seit 1934 in Frankreich im Exil, als Kommunisten Österreichs verwiesen.

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich 1940 flieht die Familie weiter in den Süden, wo die Mutter erkrankt und stirbt. Überfordert und selbst nirgendwo sicher bringt Jeannes Vater sie bei einer Hilfsorganisation unter, sorgt aber weiter, bis sie fünf ist, für ihre Ausstattung wie Kleidung - Jeanne Gauster erinnert sich noch deutlich an ein Kleid mit Schlüsseln darauf - bis er von den Nazis festgenommen und schließlich auch hingerichtet wird.

Davon weiß Jeanne im Kinderheim nichts. Dort hört sie nur immer wieder dasselbe: „Jetzt ist Krieg, und ihr müsst geduldig sein - aber wenn der Krieg vorbei ist, kommen eure Eltern euch abholen.“ Noch bis 1947 ist Jeanne deshalb überzeugt, dass noch nicht Frieden herrscht: „Wenn man mir gesagt hat, der Krieg ist schon längst vorbei, hab ich gesagt: Na, das gibt’s nicht, mein Vater ist noch nicht gekommen.“

Überleben mit „Theater“

Sie erinnert sich an kleine Szenen: Angst vor einem großen Tor auf der Flucht, dass sie es den anderen mit ihrem „Theater“ oft nicht leicht gemacht hat, daran, dass alle Kinder einmal am Abend sich auf einem Feld unter einen Baum legen und Ruhe geben sollten, und sie das schrecklich fand.

Aber sie erinnert sich auch an Kindheitsfreunde, mit denen sie Spaß hatte, und die vielen lieben Menschen, die sie jetzt noch ihre Mütter nennt. Die noch junge Französin Henriette, die Polin Tonia, die sich um sie gekümmert und ihr Geborgenheit gegeben haben.

Irgendwann arrangiert ihre „polnische Mutter“, dass sie mit einem illegalen Kindertransport in die Schweiz kommt – also in die kriegsfreie Sicherheit. Glücklich war sie dort nicht, sie erinnert sich an Hunger und Strenge. Aber überlebt hat sie, weil sie irgendwo bleiben konnte, und so sagt sie mit Blick auf die heutige Situation: „Ich finde es absolut unstatthaft, dass man nicht offene Grenzen schafft, damit die Leute herkommen können. Ich meine, damals wurde ich aufgenommen! Dass es mir mal besser, mal schlechter gegangen ist, ist ein anderes Problem.“

Spuren auf der Seele

Jacqueline Lillie, Jahrgang 1941 und zu Ende des Krieges gerade einmal vier Jahre alt, kann sich nur an wenige Momente wirklich erinnern – ein unglaublich köstliches Honigbrot, einen beeindruckenden Kaminofen in einem alten, französischen Bauernhaus, die schwierige Rückkehr nach Wien zu den Eltern. Die Erinnerungen sind vage, aber das Gefühl bleibt:

„Die Kindheit im Versteck und auf der Flucht, beziehungsweise als ‚ungefragt nach Hause geholtes‘ Kind, hat tiefe Spuren hinterlassen. Auch wenn ich mich an vieles nicht erinnern kann […], so sitzt die Erfahrung doch irgendwo, ganz, ganz tief verschüttet. Aber jede Nachrichtensendung – egal welcher Krieg, wo immer, oder die derzeitige Flüchtlingskrise – trifft genau diesen Punkt. Da genügt dann ein Bild und die Wogen der Angst schlagen besonders hoch.“

Man würde es ihr nicht ansehen, „Contenance“ scheint ein passendes Wort um ihr Auftreten zu beschreiben.

Aber für sie war es lange schwierig zu akzeptieren, dass ihre Eltern sie als Kleinkind verlassen haben. Sie denke viel darüber nach - auch als mehrfache Mutter - was einen zu dieser Entscheidung drängen kann: „Wie viel Angst muss man haben, wie sehr muss man sich fürchten? Woher nimmt man die Gewissheit, dass die Familie getrennt bessere Überlebenschancen hat als gemeinsam?“

Isabella Ferenci, Ö1 Wissenschaft

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