Wie uns Komik beim Trauern helfen kann

Tragikomödien gibt es nicht nur im Kino oder Theater. Auch im realen Leben liegen Weinen und Lachen oft knapp nebeneinander. Es war vor allem die Psychoanalyse, die dieser Ambivalenz nachgegangen ist. Wie Komik beim Trauern helfen kann, beschreibt der Kulturwissenschaftler Steffen Krüger in einem Gastbeitrag.

Die Rolle des Komischen im Trauern

Von Steffen Krüger

Das Verhältnis von Trauer und Komik ist für die westliche, (nach-)christliche Kultur des 20. und 21. Jahrhunderts kaum erforscht worden, und das vielleicht aus gutem Grund, nimmt doch diese Kultur eine strikte Trennung zwischen den beiden Phänomenen vor. Bereits die Rigidität dieser Grenzziehung jedoch deutet auf die Durchlässigkeit der Grenze hin, denn: Wo keine Übertretungsgefahr bestünde, müsste auch kein Verbot errichtet werden.

Selfie von Steffen Krüger
Steffen Krüger

Steffen Krüger ist Postdoktor und Dozent am Institut für Medien- und Kommunikationsforschung an der Universität in Oslo, Norwegen, sowie beitragender Redakteur der Zeitschrift American Imago, einer 1939 von Sigmund Freud und Hans Sachs gegründeten Zeitschrift für Psychoanalyse und Humanwissenschaften.

Seine bei Hermann Haarmann (FU Berlin) abgelegte Doktorarbeit über den Psychoanalytiker und – während des Zweiten Weltkriegs – Propagandaforscher Ernst Kris erschien im Fink Verlag unter dem Titel „Das Unbehagen in der Karikatur“ (2011).

Ein zusammen mit dem Kunsthistoriker Thomas Röske herausgegebener Aufsatzband über Ernst Kris, „Im Dienste des Ich“, erschien 2013 im Böhlau Verlag. Krügers derzeitiges Forschungsprojekt, „Online Interaktionsformen“, finanziert vom Norwegischen Forschungsrat, nähert sich Online-Diskussionsforen und sozialen Netzwerkseiten vermittels der tiefenhermeneutischen Methode des „szenischen Verstehens“ (Lorenzer).

Er ist derzeit IFK-Gast des Direktors.

Der Soziologe Peter L. Berger schildert eine Situation, die man als gewöhnliche Verletzung der Grenze zwischen Trauer und Komik bezeichnen kann. Eine Gruppe Kinder rutscht bei einer Trauerfeier, in „formellen, quasi-erwachsenen Kleidern“ unruhig auf den Bänken hin und her, kichernd und Grimassen schneidend, unfähig (und unwillig) den Konventionen des Rituals zu folgen.

Berger stellt sich/uns vor, wie diese Szene unweigerlich die Aufmerksamkeit der Versammlung auf sich ziehen wird und wie die so hervorgebrachten Konventionsbrüche die Trauernden erleichtern und trösten werden – und wenn auch nicht alle Trauernden, so Berger, so doch zumindest jene, „die nicht unmittelbar vom Verlust betroffen sind“.

Wechselnde Phasen und Intensitäten

Diese letzte Einschränkung, die Berger an seiner Bewertung der tröstenden Kraft des Tragikomischen vornimmt – nämlich, dass sie nicht die gesamte Trauergemeinschaft erreicht, sondern nur die nicht direkt Betroffenen – führt ein Element des Konflikts in die Trauerarbeit ein, das für die Beziehung zwischen Trauer und Komik zentral ist. Berger räumt hier ein, dass es große Unterschiede in der Intensität und den Nähebereichen, dass es Phasen und Stationen im Trauerprozess gibt.

Es ist das besondere Verdienst der psychoanalytischen Theorie, uns verständlich zu machen, inwiefern diese Unterschiede und wechselnden Intensitäten nicht nur zwischen verschiedenen Menschen auftreten, sondern innerhalb ein- und desselben Menschen, wo sie als Spannungen zwischen mentalen Zuständen und Graden der Involviertheit wahrgenommen – und somit wiederum durchlitten – werden können.

Trauer als Prozess und Arbeitsakt

Sigmund Freud war der erste, der die Trauer als Prozess und Arbeitsakt beschrieb. In „Trauer und Melancholie“ (1917) stellt er diesen Prozess als bemerkenswert gleichfließenden, ruhigen und ungestörten dar, als würde man langsam Fotoalben mit den Bildern des Verstorbenen durchblättern. Ein Foto nach dem anderen wird in Augenschein genommen; man grübelt über ihnen, bleibt an ihnen hängen und nähert sich ihnen, wie Freud entwickelt hat, wieder und wieder, obsessiv und ängstlich.

Schrittweise nimmt man die so erinnerten Szenen auseinander, bis alles Leben und aller Schmerz, alle Verbundenheit mit der toten Person, aus ihnen herausgesaugt ist, oder in Freuds Worten: bis die „Lösung“ vollzogen und der „erforderliche Aufwand zerstreut“ ist.

Erst andere Theoretiker, wie Karl Abraham (1924), Melanie Klein (1940) und Marie Torok (1968) haben auf die unruhigeren, aufwühlenderen und verstörenderen Aspekte des Trauerprozesses hingewiesen. Entgegen Freuds Beschreibung observierten sie Patienten in Trauerphasen, bei denen Gefühle des Verlassenseins auf solche der Erleichterung und der Befreiung stießen, Aggression und Triumphieren auf Schuldempfinden, Angst und Hilflosigkeit.

Triumph des Ich

Marie Torok beispielsweise beobachtete in ihrer Praxis Patienten, deren Trauerprozess von Phasen reger sexueller Lust durchzogen war: „Ich habe mir niemals vergeben“, gibt Torok die Erzählung einer ihrer Patientinnen wieder, „aber ein frivoles Liedchen ging mir durch den Kopf und ließ mich nicht mehr los. Es ging durch die gesamte Mahnwache hindurch. Ich probierte den schwarzen Schleier an wie eine Braut, die sich auf ihren großen Tag vorbereitet.“

Es sind Störungen dieser Art, die den Trauerprozess merkbar zum Komischen hin öffnen. In ihnen zeigt sich für kurze Zeit jener „Triumph des Ich“, den der Wiener Psychoanalytiker Ernst Kris (1934) als den Gewinn des Komischen beschreibt.

Im Trauerprozess jedoch werden solche Triumphe selten als komisch erlebt, eher als Vergehen, die den Trauernden in noch tiefere Depressionen stürzen können. Sie sind Aspekte des Manischen – dem pathologischen Korrelat des Komischen – die Freud einzig der Melancholie zugeordnet wissen wollte.

Verstorbener wird Teil des Gewissens

Mit dem Einzug des Melancholischen in die Trauer aber wird noch etwas anderes denkbar: Auch die Identifikation mit der verlorenen Person, die Freud für die Melancholie beschrieb, wird nun als Teil des Trauerprozesses vorstellbar. Der Verstorbene wird ins Ich des Trauernden aufgenommen, wird dort Teil des Gewissens des Trauernden.

Es ist diese Instanz – das lebende Andenken an den Toten – die den Trauernden für seine Fehltritte verurteilt, verfolgt und bestraft: „Was würde der Verstorbene nur denken, wenn er DAS wüsste?“, so das ängstliche sich Hinterfragen des Trauernden. Gleichzeitig aber erhält die Komik nun ihre Möglichkeiten im Trauern von dieser Instanz her.

Wenn Simon Critchley (2002) für Freuds Konzeption des Humors (1927) beobachtet, dass dort das erniedrigte, entmachtete – das melancholische – Ich Trost vonseiten des aufgeblasenen, dominierenden Über-Ich gespendet bekommt, so lässt sich diese Dynamik des Humors auch auf die Trauer anwenden.

Keine leichte Zeit für beide

Der Tote erhält die Stellung des aufgeblasenen Über-Ich, von dem er nun die Fehltritte des Trauernden mit einem wohlwollenden, elterlichen Blick verfolgt. Durch diesen Blick hindurch kann ich als Trauernder nun selbst erkennen, dass ich mich lächerlich mache; durch diesen Blick hindurch kann ich es mir erlauben, meine Lächerlichkeit komisch zu finden. Komik und Humor erhalten damit ihren Platz im Trauerprozess durch die imaginierte Zustimmung des Verstorbenen.

Wie Critchley klarstellt, ist das daraus resultierende Lachen jedoch nicht das manische Lachen, in dem das Ich sich „in leerer Einsamkeit und infantilen Allmachtsträumen triumphierend aufbläht“.

Vielmehr ist es das Lachen, das darauf beharrt, „dass das Leben etwas ist, was es nicht ekstatisch zu affirmieren, sondern komisch zur Notiz zu nehmen gilt“; es ist das Lachen, „das aus einem greifbaren Gefühl der Unfähigkeit, Impotenz und Inauthentizität entsteht“. ‚Komm, Kleine(r), lass gut sein‘, tröstet uns der geliebte Verstorbene, ‚Du hattest’s schließlich auch nicht leicht in letzter Zeit.‘

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