Das Museum ist ein Seismograph

Historische Museen des 21. Jahrhunderts sind Orte, an denen die Werte einer Gesellschaft sichtbar werden, schreibt die Historikerin Heidemarie Uhl in einem Gastbeitrag. Sie mahnt, diesen Aspekt bei der Debatte um ein österreichisches Haus der Geschichte (HGÖ) stärker zu berücksichtigen: „Museen bringen zum Ausdruck, wer ‚wir‘ sind und sein wollen.“

Das HGÖ und die Undarstellbarkeit von Geschichte

Von Heidemarie Uhl

In den Debatten, ob Österreich ein Haus der Geschichte braucht, wo es sein soll und welche Geschichte darin zu sehen sein wird, geht ein Aspekt nahezu unter: dass Wien auf der Landkarte der neuen europäischen Geschichtsmuseen bislang praktisch eine Leerstelle bildet.

Portrait von Heidemarie Uhl
APA, Robert Jäger

Heidemarie Uhl ist Historikerin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

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Der Boom an historischen Museen, an zeitgeschichtlichen Gedenkstätten und Dokumentationszentren, der in den 1990er Jahren einsetzt, ist ungebrochen: Allein 2015 wurden etwa in Warschau das Museum der Geschichte der polnischen Juden und in München das NS-Dokumentationszentrum eröffnet.

In Budapest wurde auf dem Gelände des ehemaligen Josefstädter Bahnhofes ein – umstrittenes – neues Holocaust-Museum errichtet, die Stadt verfügt bereits seit 2004 über ein Holocaust Memorial Center. Das Museum der Bayerischen Geschichte entsteht in der Regensburger Altstadt und soll 2018, zum 100. Geburtstag des Freistaates, eröffnet werden.

Sein Sammlungsdepot wird übrigens im sogenannten Österreicherstadel, einem denkmalgeschützten Lagergebäude in direkter Nachbarschaft des Hauptgebäudes an der Donaulände, untergebracht sein. Und das ist nicht nur ein europäisches Phänomen: An der National Mall in Washington wird gerade das National Museum of African American History and Culture fertiggestellt.

Ein überfälliges Projekt

Das Haus der Geschichte Österreichs ist somit ein längst überfälliges Projekt, und eigentlich wäre zu diskutieren, warum es in Wien kein zeitgeschichtliches Museum, keine Holocaust-Gedenkstätte und kein NS-Dokumentationszentrum gibt.

Im Blick auf den Museums-Boom der letzten Jahre stellt sich über das österreichische Museumsprojekt hinaus die grundsätzliche Frage, warum Museen, die vor nicht allzu langer Zeit als unrettbar verstaubte Relikte einer längst vergangenen Epoche galten, nun eine solche Bedeutung gewonnen haben.

Eine mögliche Antwort liegt darin, dass sie mehr über die Gegenwart von Gesellschaften aussagen als über ihre Vergangenheit – das erklärt auch ihren Streitwert. Künftige Generationen werden unsere Gegenwart womöglich als Zeitalter des Gedächtnisses bezeichnen.

Erschöpfte Utopien

Gedächtnis wurde erst im ausgehenden 20. Jahrhundert zu einem wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Leitbegriff, also in einer Zeit, in der die optimistische Fortschrittsgewissheit abhandenkam. Jürgen Habermas spricht von der „Erschöpfung der utopischen Energien der Moderne“.

Mit der Erosion der Zukunftserwartungen verblassten auch die ideologischen Auseinandersetzungen im Feld der „competing visions“ über die Zukunft, ja die politischen Ideologien selbst. Damit wurde die Haltung zur Vergangenheit zu einer der wichtigsten Ressourcen für die Identitäts-Kämpfe der Gegenwart.

Jan Assmann, Begründer einer kulturwissenschaftlichen Gedächtnistheorie, hat den Zusammengang von Gedächtnis und Identität auf den Punkt gebracht: „In ihrer kulturellen Überlieferung wird eine Gesellschaft sichtbar: für sich und für andere. Welche Vergangenheit sie darin sichtbar werden lässt, sagt etwas aus über das, was sie ist und worauf sie hinauswill.“

Leitfossilien des Gedächtnisses

Museen sind zu den Leitfossilien der Epoche des Gedächtnisses geworden, sie bringen zum Ausdruck, wer „wir“ sind bzw. sein wollen. An diesen Orten wird nicht nur Geschichte dargestellt - im Museum werden Haltungen und moralisch-ethische Orientierungen sichtbar gemacht.

Hier erzählt eine Gesellschaft über sich selbst und gibt so über ihre gegenwärtige Verfasstheit Auskunft. Historische Museen sind zu gesellschaftlichen Seismographen geworden, und dieses Selbstverständnis hat die Institution Museum selbst grundsätzlich verändert: Das neue historische Museen ist nachgerade die Antithese zum Nationalmuseum des 19. Jahrhunderts.

Ein Haus der Geschichte, das heute noch als naiv-unreflektierter Baumeister einer staatstragenden nationalen Identität agiert, würde sich ins Abseits stellen und zu erkennen geben, dass es die Entwicklungen im musealen Feld versäumt hat oder ganz bewusst negiert.

Die avanciertesten Debatten um die Darstellbarkeit von Geschichte werden heute in den Museum Studies geführt, und österreichische WissenschaftlerInnen sind darin führend vertreten – etwa mit „schnittpunkt. ausstellungstheorie und praxis“ und der Museumsakademie des Universalmuseums Joanneum in Graz.

Engführung der Debatte

Die Kontexte, in denen ein Haus der Geschichte Österreichs steht, gehen somit weit über die Frage hinaus, wo die österreichische Geschichte beginnen soll und wie mit den „heißen“, kontroversiellen Punkten der österreichischen Zeitgeschichte umgegangen werden soll.

Das Haus der Geschichte Österreichs positioniert sich in einer internationalen Museumslandschaft. Der Museumsboom der letzten Jahre hat Standards und Qualitätskriterien des Ausstellens hervorgebracht, an denen sich jede neue Institution orientieren und messen lassen muss.

Das historische Museum des beginnenden 21. Jahrhunderts definiert sich aber vor allem durch Selbstreflexivität, durch die permanente Auseinandersetzung mit der Frage, was man tut, wenn man Geschichte in der Institution Museum ausstellt: welche Gruppen man darin repräsentiert, welche ausgeschlossen werden, wie man auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen reagiert.

Und nicht zuletzt: Wie man vor dem Hintergrund der Undarstellbarkeit von Geschichte die Gemachtheit und Kontingenz der eigenen Geschichtserzählung erkennbar macht und vermittelt.

Dieses Selbstverständnis prägt auch eine neue Generation von „Museumsmenschen“ – KuratorInnen, HistorikerInnen, SammlungsleiterInnen, GestalterInnen, VermittlerInnen. Museen werden zunehmend als Möglichkeitsraum gesehen, der Identitäten und Geschichtsvorstellungen immer wieder neu verhandelbar macht.

Verspätung ein Vorteil?

Das historische Museum ist am Beginn des 21. Jahrhunderts zum Seismographen geworden, der Gesellschaften und ihre Wertorientierungen sichtbar werden lässt. Genau das macht seine Strahlkraft aus, auch für die Wissenschaft, wie die ungemein dynamischen museologischen Theoriedebatten zeigen.

Vor diesem Hintergrund erweist sich die Verspätung des österreichischen Hauses der Geschichte als Vorteil: das HGÖ könnte ein international wahrgenommenes Vorzeigeprojekt für ein selbstreflexives und vielstimmiges zeithistorisches Museum neuen Stils werden.

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