Was ein halbes Grad plus bedeutet

Laut dem Pariser Klimaabkommen soll die globale Erwärmung zwei Grad nicht übersteigen - besser wäre es noch, es bliebe bei 1,5 Grad. Forscher haben nun untersucht, welche Konsequenzen die beiden Temperaturziele hätten. Die Unterschiede sind beträchtlich.

Heute trifft sich die politische Weltprominenz in New York, um ihr beim Pariser Klimagipfel ausgehandeltes Vertragswerk feierlich zu unterzeichnen.

Mathematisch betrachtet, scheint den Autoren allerdings ein kleiner Fehler unterlaufen zu sein. In Artikel zwei des Vertrags heißt es, die Staatengemeinschaft wolle „die globale Temperaturzunahme unter zwei Grad plus im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter halten sowie Anstrengungen unternehmen, sie auf 1,5 Grad zu begrenzen.“

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Über dieses Thema berichtet heute auch das Morgenjournal, 22.4.2016, 8.00 Uhr.

Wenn beides ernst gemeint ist, dann impliziert Letzteres Ersteres, man hätte sich also den Hinweis auf die zwei Grad sparen können. Tatsächlich ist das natürlich nicht so. Denn die beiden Temperaturziele spiegeln die unterschiedlichen Positionen der Vertragspartner wider.

Die südlichen Entwicklungsländer, vor allem die zusehends gefährdeten Inselstaaten, haben den reichen Nationen das Bekenntnis zu den 1,5 Grad abgerungen. Sowie den Nachsatz: „Wir erkennen an, dass dies (die Begrenzung auf 1,5 Grad) die Risiken und Auswirkungen des Klimawandels erheblich verringern würde.“

Südeuropa geht das Wasser aus

Dieser Satz bekommt nun durch eine aktuelle Studie quantitatives Unterfutter. Forscher um Carl Schleussner vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung haben sich angesehen, welchen Unterschied das halbe Grad machen würde. Fazit: Der Unterschied ist größer als gedacht.

Es sei nämlich falsch anzunehmen, dass alle Regionen gleichermaßen vom Temperaturanstieg betroffen sind, betont Schleussner. Tatsächlich gleichen die Klimafolgen eher einem Mosaik. In manchen Gegenden sind die Auswirkungen moderat, und anderswo sind sie katastrophal.

Zwei europäische Beispiele: Bei 1,5 Grad Temperaturzunahme würde das ohnehin schon knappe Wasser im Mittelmeer-Raum um zehn Prozent zurückgehen. Bei zwei Grad wären es 20 Prozent, also doppelt so viel. Ähnlich das Verhältnis der Wetterextreme. In einer 1,5-Grad-Welt hätte Mitteleuropa jährlich mit vier Wochen langen Hitzewellen zu rechnen. Ein halbes Grad mehr - und die Dauer betrüge bereits sechs Wochen.

Trockenheit und Korallensterben

Nun haben die reichen Nationen, auch das zeigen Studien, noch am ehesten das Vermögen, die Folgen des Klimawandels abzupuffern. Im Gegensatz zum globalen Süden, wo man mangels Technologie und finanzieller Mittel den Unbilden der Natur mehr oder minder ausgeliefert ist.

Totes Rind liegt auf ausgetrocknetem Boden
dpa/EPA/A2800 epa Bothma
Trockenheit: In Westafrika sind die Folgen des Klimawandels schon zu spüren

Laut Schleussners Modellrechnungen sind etwa die Landwirtschaften in Zentralamerika und Westafrika besonders gefährdet. Dort würde sich der Verlust beim Mais- und Weizenanbau verdoppeln, stiege die Temperatur um zwei statt um 1,5 Grad.

Für die ökologisch bedeutenden Korallenriffe sind die 1,5 Grad laut Studie eine Schwelle zwischen Sein und Nichtsein. Anderthalb Grad liegen gerade noch im Bereich des Verkraftbaren, wird es noch wärmer, droht den Ökosystemen der Kollaps - mit entsprechenden Folgewirkungen für die Meeresfauna.

Hochrechnung: Am Ziel vorbei

Die Botschaft der Studie im Fachblatt „Earth Systems Dynamics“ ist deutlich, und doch scheint sie an der Realität vorbeizugehen. Denn was im Pariser Abkommen an Zielen steht, deckt sich nicht wirklich mit den Plänen der Unterzeichnerstaaten.

Rechnet man die bisher abgegebenen Zusagen aller Länder hoch, wird die Erwärmung bis 2100 nicht bei 1,5 oder zwei Grad liegen, sondern mindestens bei drei Grad.

„Das ist richtig“, sagt Schleussner. „Wir wollen und können der Politik nicht vorschreiben, welchen Pfad sie in Zukunft einschlägt. Wir weisen nur darauf hin, mit welchen Klimafolgen zu rechnen ist.“

Robert Czepel, science.ORF.at

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