Der Wert der Geschwätzigkeit

Verliert man in Zeiten Sozialer Netzwerke und Apps die Fähigkeit zur gepflegten Konversation? Barbara Naumann empfiehlt, kurz innezuhalten - und einen Blick in Romane zu werfen. Die Literaturwissenschaftlerin zeigt in einem Gastbeitrag: Geschwätzigkeit kann sehr wohl eine Tugend sein.

Reden Reden Reden ...

In jüngster Zeit lässt sich eine beinahe grenzenlose Expansion und Beschleunigung der Kommunikation beobachten. So genannte soziale Netzwerke, Chats, Blogs und selbst die schon klassisch gewordenen Emails und SMS – sie alle ermöglichen instantane Reaktionen und Gegenreaktionen auf alles und jedes.

Literaturwissenschaftlerin Barbara Naumann
IFK

Die Autorin

Barbara Naumann ist Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich.

Bis Ende Juni forscht sie als IFK-Senior-Fellow in Wien zum Thema: „Geschwätzigkeit. Zur Poetik der ungerichteten Rede im europäischen Roman des 19. Jahrhunderts“.

Am 25.4.2016 spricht in einem Vortrag über ihr Forschungsprojekt. Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Kunstuniversität Linz, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien. Zeit: 18:15 Uhr - 20:00 Uhr

Die neuen Möglichkeiten des Datenflusses, des schnellen Austauschs und der Kommentierung, lassen ältere, immer noch häufig verwandte Formate wie Fernseh-Talkshows, Kritikerrunden oder Diskussionspanels im Radio vergleichsweise langsam, kontrolliert und anspruchsvoll aussehen.

Sie setzen ein Minimum an thematischer Zentrierung und sogar Vorbereitung voraus. Man denkt, bevor man spricht, zumindest in der Regel. Das „Daumen ’rauf“ und „Daumen ’runter“, die „Likes“ und „Dislikes“ der Netzwerk-Kommunikation lassen sich demgegenüber kaum retardierenden oder gar reflexive Einflussnahmen zu.

Das Chatten ist dem traditionellen Klatsch strukturell ähnlich und erlaubt die ungeordnete, enthierarchisierte Zirkulation heterogener Elemente: Eindrücke, Emotionen, Meinungen, Halbwissen und Wissen. Nicht selten werden in Chats Stellungnahmen verkürzt auf spontane Impulse. Impulsiv-eskalierend sind zudem häufig die Reaktionen der Teilnehmer („Shitstorms“).

Zurück zur Konversation?

Der damit einhergehende und scheinbar unvermeidliche Aggressionszuwachs, das Syndrom jeder elektronischen, von sozialer und kognitiver Kontrolle weitgehend freien Kommunikation, wird mittlerweile nicht mehr nur von Eltern und Pädagogen beklagt, sondern zeitigt sogar politische Auswirkungen.

Kein Wunder also, dass die gegenwärtige Medien- und Sozialforschung dem Reden und Schwatzen große Aufmerksamkeit zuwendet und im Zuge einer Rückbesinnung auf die Tugenden der Konversation sogar auf Rettung sinnt: „Reclaiming Conversation“ heißt der Titel eines derzeit viel diskutierten Buchs der amerikanischen Wissenschafts- und Technologiesoziologin Sherry Turkle (MIT).

Ausschnitt Buchcover: "Sherry Turkle: Reclaiming Conversation. The Power of Talk in a Digital Age."
Penguin Press

Literaturhinweise

Sherry Turkle: Reclaiming Conversation. The Power of Talk in a Digital Age. Penguin Press, 2016.

Benedetta Craveri: L’âge de la conversation. Paris: Gallimard 2005. (Zuerst Ital.: Milano: Adelphi 2001).

Madame de Staël: Über Deutschland. [1814]. Hrsg. von Monika Bosse. Übers. Von Friedrich Buchholz. Frankfurt/Main: Insel, 1985.

Sie diagnostiziert eine soziale und psychische Verelendung aufgrund der kommunikativen Dauerabsorption durch das Handy und sieht darin eine grundsätzliche Abwendung vom Anderen, die Vernachlässigung von Kind, Partner, Freund, Kollegen und schließlich auch die Vernachlässigung des Selbst.

Turkle rät zur Rückbesinnung auf das Gespräch, auf die direkte, face-to-face-Konversation, um Hinwendung und Aufmerksamkeit gewissermaßen neu zu erlernen. Sie verspricht sich davon vor allem positiven Einfluss auf die psychische wie kognitive Entwicklung junger Menschen.

Die BBC London brachte im Jahr 2014 einen Beitrag unter dem Titel „Fighting for the ’lost art of conversation’“ und meinte, sogleich einen Trend zur „new conversation“ entdecken zu können, einem „chit-chat intended to oil the wheels of social intercourse.“

Parlieren, Fühlen und Wissen

Unter diesen Bedingungen scheint es lohnend, einen Blick auf die „old conversation“ zu werfen, vor allem auf die reiche literarische Vorgeschichte des Gesprächs und der Konversation. Denn das Vertrauen in die Konversation als Mittel par excellence für die individuelle und soziale Entwicklung und als Medium der Wissensproduktion und –zirkulation ist alles andere als neu.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts, das man auch als „L’âge de la conversation“ bezeichnet hat, entfaltet sich allmählich die Vorstellung eines egalitären Gesprächs, das gesellschaftliche Standes- ebenso wie thematische Restriktionen überwindet und zum fruchtbaren Medium menschlicher Vermittlung avanciert.

Interessant ist, dass die Lizenz zum Ungeordneten, Informellen, zum Parlieren ohne thematische Kontrolle und Restriktion nicht als hinderlich, sondern geradezu als befördernd für das Fühlen und Denken der Beteiligten erachtet wird.

Eine der prominentesten und leidenschaftlichsten Vertreterinnen der Kunst des emphatischen Konversierens und Plauderns ist die französische Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Poetenmuse Madame Anne Louise Germaine de Staël (1766–1817).

Besonders die ziellos mäandrierende Rede hatte es ihr angetan: „In allen Volksklassen Frankreichs fühlt man das Bedürfnis zu schwatzen: die Rede ist hier nicht bloß, wie anderwärts, das Werkzeug zur Mitteilung von Ideen, Gefühlen, Angelegenheiten; sie ist zugleich ein Werkzeug, womit man spielt, und das die Lebensgeister ebenso auffrischt, wie die Musik bei den einen und die starken Getränke bei anderen Völkern.“

Entgrenztes Gespräch und neuer Roman

Der Auffassung der Mme de Staël zufolge ist es die vornehmste Eigenschaft des Plauderns, Rede und Denken auf umwegige Weise auseinander hervorgehen zu lassen. Dieses Denken ist ein unfertiger, vor allem nicht-semantischer Redezusammenhang, dem keine feste Sinnerwartung vorausgeht und der gerade deshalb so befruchtend und geselligkeitsstiftend wirken kann.

Das Modell solcher entgrenzter Unterhaltung ist vor allem der bürgerliche Salon, der nach französischem Muster um 1800 auch in die deutschsprachigen gelehrten Zirkel Eingang findet. Die Gattung Roman mit ihrer Lizenz zur flexiblen Form greift schnell die breiten Register des schweifenden Gesprächs auf – und es zeigt sich, dass die Sprengung der Formgrenzen des Gesprächs letztlich auch die Form des Romans beeinflusst.

Neue Geltungsansprüche entstehen, alte werden in Frage gestellt, zum Beispiel das Geschlechterverhältnis, die Rolle der Emotionen und schließlich die ästhetische und poetologische Position des Romans selbst. Die Gattung Roman profitiert schon im 19. Jahrhundert vom poetischen Experiment der ungerichteten Rede; andererseits gefährdet dieser Profit die Gattung selbst.

Die Form des Romans wird porös: Ein ironisches Selbstverhältnis des Romans ist das Resultat und hat seither so verschiedene Autorinnen und Autoren von Goethe und Mme de Staël über Theodor Fontane bis zu Beckett, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek oder Rainald Goetz dazu gebracht, das Verhältnis von Roman und Schwatzhaftigkeit je neu zu verhandeln.

Barbara Naumann, IFK/Uni Zürich

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