„Trump wäre eine Katastrophe“

Die Klimaforschung ist eingezwängt zwischen politischem Lobbyismus und medialen Hypes: In einem Interview erklärt der Kommunikationsforscher Matthew Nisbet, was am öffentlichen Bild des Klimawandels nicht stimmt - und was von einem US-Präsidenten Trump zu erwarten wäre.

science.ORF.at: Herr Nisbet, was macht erfolgreiche Wissenschaftskommunikation aus?

Matthew Nisbet: Lassen Sie mich vorausschicken, was Sozialwissenschaftler in den letzten 20 Jahren alles untersucht haben. Wir wissen, welche Faktoren die öffentliche Meinung über Wissenschaft und Technologie beeinflussen und wir wissen auch, wie das mit Medienberichten und politischen Debatten zusammenhängt. Wo es noch Wissenslücken gibt, ist die Frage: Wie können Experten ein so komplexes Thema wie den Klimawandel erfolgreich kommunizieren?

Matthew Nisbet
Northeastern University

Zur Person

Matthew Nisbet ist Associate Professor of Communication Studies an der Northeastern University in Boston und Herausgeber der Oxford Encyclopedia of Climate Change Communication.

Wie lautet Ihre Antwort?

Eines der Hauptprobleme ist, dass die Öffentlichkeit immer noch glaubt, der Klimawandel sei ein entferntes Problem - als würde er nur die Polarregionen oder die Entwicklungsländer betreffen. Doch das stimmt nicht. Der Klimawandel betrifft auch die Menschen in Österreich oder in den USA. Darauf versuchen Fachleute nun stärker einzugehen: Sie stellen den Menschen stärker in den Vordergrund, beispielsweise die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Gesundheit.

Das impliziert, dass früher in der Wissenschaftskommunikation Fehler gemacht wurden.

Sicherlich wurden auch Fehler gemacht. Aber ich glaube, es ist in gewisser Hinsicht natürlich anzunehmen, dass es sich beim Klimawandel nur um ein Umweltproblem handelt. Aus diesem Bereich stammt die Klimaforschung ja auch. Die Atmosphäre, Klimamodelle, Zeithorizonte von 50 oder 100 Jahren - das ist alles sehr abstrakt. Warum sollten sich die Menschen um das Pariser Klimaabkommen kümmern? Wohl nur dann, wenn es sie auch selbst betrifft.

Erklären Sie unseren Lesern bitte in wenigen Sätzen: Warum sollten sie sich kümmern?

Weil der Klimawandel heute schon unser tägliches Leben und unsere Wirtschaft beeinflusst. Und weil es sich um ein dringliches Problem handelt: Die Zeit wird knapp. Wir müssen rasch eingreifen.

Man könnte auch die Frage stellen: Wer kommuniziert hier für wen? Es macht vermutlich einen Unterschied, ob Forscher, Politiker oder Laien über den Klimawandel sprechen.

Der Klimawandel war lange Zeit etwas, worüber vor allem Wissenschaftler und Fachjournale berichtet haben. Unsere Untersuchungen zeigen, dass der Klimawandel seit zehn Jahren von den Medien immer stärker als politische oder wirtschaftliche Erzählung dargestellt wird. Er ist von den Wissenschaftsseiten auf die Kommentarseiten gewandert. Das hat den Vorteil, dass er nun relevanter erscheint. Aber das erzeugt mitunter auch Konfusion. Wenn die Uneinigkeit der Politiker Medienberichte dominiert, dann fühlt sich die Öffentlichkeit von dem Thema nicht mehr berührt.

Welche Medien meinen Sie zum Beispiel?

In den USA zum Beispiel Fox News oder die Kommentarseiten des Wall Street Journal, in Großbritannien und Australien etwa die Boulevardzeitungen. Wir wissen, dass in diesen Medien häufiger klimawandelskeptische Forscher zu Wort kommen, auch wenn sie selbst gar nicht auf diesem Gebiet arbeiten. Die Klimaforschung wird dort oft so dargestellt, als stünde sie auf der Agenda der extremen Linken - oder auf der von Hollywood-Celebrities und Leuten wie Al Gore.

Nun scheint es tatsächlich einen Zusammenhang mit dem politischen Koordinatensystem zu geben. Konservative zweifeln eher am Klimawandel als Liberale, vor allem in den USA. Warum?

Letztlich hat das mit der Frage zu tun, wie eine gute Gesellschaft aussehen sollte. Konservative sind gegen ein Eingreifen des Staates in das tägliche Leben, sie sind für den freien Markt und sie betonen die Rechte des Individuums.

In der öffentlichen Debatte, das können wir zumindest für die USA und Australien belegen, wurden Klimaschutzmaßnahmen lange genau gegenteilig dargestellt. Nämlich mit Schwerpunkt auf Marktregulation und die Abkehr von fossilen Energieträgern. Das widerspricht natürlich dem Weltbild der Konservativen, zumal sich die Öl- und Kohleindustrie in den USA auch in deren Händen befindet.

Bei Linken passt das wiederum sehr gut in ihr Weltbild, denn für sie haben die Gemeinschaft und der Schutz der Schwachen Priorität. Sie sind sehr kritisch gegenüber großen Energiekonzernen und betrachten Erneuerbare Energien als Chance für eine neue, egalitäre Form der Energiewirtschaft, die in den Händen der Gemeinden liegt.

Was passiert, wenn Donald Trump Präsident wird?

Ich glaube, es ist sehr unwahrscheinlich, dass er es wird. Selbst das Establishment der Republikaner betrachtet ihn nicht als legitimen Kandidaten. Er gibt sich als nationalistischer Populist.

Wenn man sich die bisherigen Wahlergebnisse ansieht, dann ist es durchaus wahrscheinlich, dass er zur Wahl antritt.

Lassen Sie es mich so ausdrücken: Donald Trump als Präsident wäre eine Katastrophe für den Klimaschutz auf der ganzen Welt. Wenn es um komplexe Probleme geht, zeichnen sich die meisten seiner Positionen durch Ahnungslosigkeit aus. Er hat die Erkenntnisse der Klimaforschung öffentlich angezweifelt. Wie gesagt, das wäre katastrophal.

Sie sind einer der Herausgeber der Oxford Encyclopedia of Climate Change Communication. Was ist das Ziel des Projekts?

Die Forschungen auf diesem Gebiet sind in den letzten Jahren geradezu explodiert. Wir wollen den aktuellen Wissensstand abbilden. Momentan sind 150 Artikel von Fachleuten aus 20 Ländern geplant, die ersten davon werden im Sommer online gehen. Die Artikel werden auch alle frei verfügbar sein. Die Enzyklopädie soll die definitive Informationsquelle auf diesem Gebiet werden, für Experten, aber auch für Journalisten und die Zivilgesellschaft.

Sehen sie bei der Berichterstattung über den Klimawandel Unterschiede zwischen Europa und den USA?

In Ländern wie Frankreich, Deutschland und Österreich ist die Darstellung sehr auf Konsens ausgerichtet. Es gibt wenige Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die Ergebnisse der Wissenschaft. Was wir auch feststellen können, ist: Die Berichterstattung hat sich im Laufe der Zeit stärker auf katastrophale Ereignisse konzentriert, wie zum Beispiel Überschwemmungen. In den englischsprachigen Ländern - also USA, Großbritannien und Australien - dominiert der Widerstreit der Meinungen. Die Berichterstattung ist auch viel stärker politisch aufgeladen.

Hat sich auch die Wissenschaft verändert? Stimmt die These von der Medialisierung der Forschung?

Die These besagt: Wissenschaftler sind sich zunehmend der Tatsache bewusst, dass die Medien über ihre Arbeit berichten und das verändert wiederum die Art und Weise, wie sie über ihre Arbeit denken und wie sie diese öffentlich darstellen.

Wir sehen diese Tendenz vor allem in den Lebenswissenschaften und in der Biotechnologie, aber es gibt sie auch in der Klimaforschung: Forscher suchen die mediale Aufmerksamkeit. Sie neigen dazu, Unsicherheiten unter den Teppich zu kehren, um ihrer Studie einen größeren News-Wert zu verleihen.

An dem Hype-Zyklus sind auch Journalisten beteiligt, vor allem, wenn sie unter Zeitdruck arbeiten oder nur an den Aufmacher auf Seite eins denken. Und nicht zuletzt die Zivilgesellschaft: Wenn Studien ein Medienecho auslösen, folgt darauf oft eine Flut von Berichten in den sozialen Medien, und die sind häufig verkürzt oder übertrieben.

Was haben Wissenschaftler von dem Medienecho? Sind sie dadurch beim Einwerben von Geldern erfolgreicher?

Mir sind keine Zahlen bekannt, die das direkt belegen würden. Was wir aber durch Interviews belegen können, ist: Die Wissenschaftler glauben, dass es so ist. Nachweisen lässt sich auch ein Zusammenhang zu den Zitierungen: Fachartikel, über die in den Medien berichtet wurde, werden öfter zitiert. Und natürlich eignen sich Medienberichte auch, um das Prestige eines Forschers zu heben oder eine Universität als Marke zu etablieren. Das könnte Rückwirkungen auf die Finanzierung haben, aber wie gesagt, das wurde noch nicht nachgewiesen.

Wenn man die aktuellen Klimaschutzpläne aller Staaten addiert, dann steuert die Welt bis Ende des Jahrhunderts auf mindestens drei Grad Erwärmung zu - und nicht, wie im Pariser Klimaabkommen festgelegt, auf 1,5 oder zwei Grad. Was läuft hier falsch?

Beim 1,5-Grad-Temperaturziel könnte man argumentieren, dass es sich um ein symbolisches Zugeständnis an Entwicklungsländer und Klimaaktivisten handelt, obwohl manche Forscher sagen, dass wir bereits ab einem Grad plus gefährliches Territorium betreten. Das Gefährliche an der Situation ist: Wenn wir selbst die zwei Grad nicht erreichen, könnte die Stimmung in Fatalismus umschlagen. Andererseits muss man betonen, dass Paris die erste internationale Einigung seit 30 Jahren gebracht hat. China und die USA sind bei dem Abkommen dabei - das ist zumindest ein Beginn.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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