Auf der Erde könnten Billionen Arten leben

Wie groß ist die Artenvielfalt auf unserem Planeten? Eine neue Schätzung veranschlagt nun millionenfach mehr als bisher angenommen: Forschern zufolge könnte es mindestens eine Billion Spezies geben - die meisten davon Mikroben.

Vor ein paar Jahren hieß es noch, es seien bisher 1,5 bis zwei Millionen Arten beschrieben worden. Das war der Richtwert, an dem man sich zu orientieren hatte.

Bei Wirbeltieren, Bäumen und Blumen, das war schon damals klar, ist vermutlich nicht mehr sehr viel zu holen - da haben schon Pioniere der biologischen Systematik wie Carl von Linné (1707 - 1778) das Feld sondiert. Anders sieht es etwa bei den Insekten und Spinnen aus. Vor allem in den tropischen Regenwäldern, so vermutet man, sei erst ein Bruchteil der tatsächlichen Artenvielfalt erfasst worden.

Wie groß der zu entdeckende Rest ist, bleibt bis heute umstritten. Manche Forscher schätzen, dass es bis zu zehn Millionen Tiere, Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen geben könnte, ganz Mutige sprechen von 50 bis 100 Millionen.

Vernachlässigte Mikrowelt

Im Vergleich zu dem, was nun Jay Lennon und Kenneth Locey veranschlagen, ist das alles ein Klacks. Die beiden Biologen von der Indiana University haben nun eine neue Berechnungsmethode vorgestellt, mit der sie auf sage und schreibe Billionen (also Tausend Milliarden) Arten kommen. Das hieße, dass bis heute noch nicht einmal ein Tausendstel Prozent aller Arten entdeckt wurde.

Regenwald: Roter Frosch auf einem grünen Blatt
REUTERS/Juan Carlos Ulate
Regenwälder gelten als Hotspots der Biodiversität - doch die wahre Vielfalt verbirgt sich im Boden

Dass man die Biodiversität auf der Erde bisher so krass unterschätzt hat, liegt daran, dass sich die Forscher offenbar zu sehr auf das Offensichtliche - nämlich das mit freiem Auge Sichtbare konzentriert haben. Doch bei mikroskopisch kleinen Lebewesen - Bakterien, Pilze, Archeen - hat sich in den letzten Jahren extrem viel getan. Die wahre Vielfalt im Bereich der Kleinstlebewesen zeigt sich erst jetzt, da man Gensequenzen im großtechnischen Stil analysieren kann.

Verantwortlich für diesen Sinneswandel in der Biodiversitätsforschung sind vor allem drei Großprojekte: Das Human Microbiome Project der amerikanischen National Institutes of Health versucht alle Mikroorganismen zu katalogisieren, die in medizinischer Hinsicht von Belang sind; die Forscher der Tara-Ozean-Expeditionen tun selbiges in Bezug auf die Mikroben der Weltmeere; und das Earth Microbiome Project versucht wiederum die Gesamtheit aller Mikroben an Land zu beschreiben.

Datengrundlage wächst und wächst

Daten dieser drei Projekte haben Lennon und Locey nun für ihre aktuelle Arbeit verwendet. Wie die beiden im Fachblatt „PNAS“ schreiben, liegen bereits heute Gensequenzen von 5,6 Millionen Organismen vor, die an 35.000 verschiedenen Probenstellen gewonnen wurden. Eine besonders reiche Ressource sind die Böden der Erde: „Wir wissen, dass sich in einem Gramm Erde Milliarden Organismen befinden“, sagt Lennon.

Und sein Kollege Locey bemerkt: „Wir haben diese Daten nun zusammengefügt, um große Fragen zu stellen.“ Die von den beiden errechnete Billion verschiedener Spezies geht natürlich zum allergrößten Teil auf das Konto der Kleinstlebewesen, bei Tieren und Pflanzen wird sich am vorhandenen Bild voraussichtlich wenig ändern.

Sollte ihre Prognosemethode in der Forschergemeinde auf Zustimmung treffen, läutet die Studie wohl eine Zeitenwende ein. Eine solche hatte der prominente Biologe und Mathematiker Robert May schon vor ein paar Jahren eingefordert.

Er mahnte: „Es ist ein bemerkenswerter Beleg für den menschliche Narzissmus, dass wir zwar die Zahl der Bücher in der Library of Congress der USA genau kennen, aber die Anzahl der Arten auf diesem Planeten nicht einmal größenordnungsmäßig bestimmen können.“

Robert Czepel, science.ORF.at

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