Klimawandel bedroht Schildkröten

Rund 350 Schildkrötenarten sind bekannt, jede zweite ist vom Aussterben bedroht. Durch den Klimawandel wird es wärmer, und das ändert das Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Schlüpflingen – mit fatalen Folgen für die einzelnen Arten.

Der Faktor Temperatur ist für die Geschlechtsbildung von Schildkröten maßgeblich. Ob der Eiablage ein männliches oder ein weibliches Schildkrötenjunges entschlüpft, ist von der Temperatur im Nest während der Brutzeit abhängig. „Die Mehrheit der Schildkrötenarten hat keine Geschlechterchromosomen“, sagt der Grazer Zoologe Peter Praschag. „Das Geschlecht wird durch die Temperatur während des ersten Drittels der Inkubationszeit bestimmt.“ Die Schwellentemperatur, jene Gradzahl, bei der sich Männchen und Weibchen zu gleichen Teilen bilden, ist von Art zu Art verschieden.

„Diese Schwellentemperatur kann aber sogar innerhalb ein und derselben Art unterschiedlich sein, bei einer Schnappschildkröte in Kanada ist sie anders als bei einer Schnappschildkröte aus Florida“, sagt Praschag. Allerdings, grosso modo gilt: Je wärmer der Brutplatz ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für weibliche Schlüpflinge.

Angepasstes Brutverhalten

Zu einem Problem werden könnten die geänderten klimatischen Bedingungen etwa im südwestlichen Indischen Ozean. Fünf der sieben Meeresschildkrötenarten halten sich hier auf, ihre Niststrände haben sie an den Küsten mehrerer kleinerer Eilande (Iles Eparses) zwischen Madagaskar und dem afrikanischen Festland. Den Zeitpunkt der Eiablage passen die Grünen Meeresschildkröten (Chelonia mydas) in diesem Brutgebiet an die Außentemperatur an: Gegenwärtig fällt die Eiablage in den kühleren, südlich gelegenen Inseln eher in den Sommer, die Schildkröten im wärmeren Norden legen ihre Eier öfter im Winter ab.

Peter Praschak mit einer Schildkröte (Batagur Baska)
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Peter Praschak mit einer Schildkröte (Batagur Baska)

Steigen die Temperaturen weiter, haben die Schildkröten im Süden zwar die Möglichkeit, ihre Brutzeit in kühlere Jahreszeiten zu verlegen. Doch die Grünen Schildkröten auf den nördlichen Inseln haben ein Problem: Weil sie bereits jetzt im kühlen Winter nisten, werden sie in Zukunft keine Chance haben, ihre Brutzeit in eine noch kältere Jahreszeit zu verschieben.

Diesen Kolonien droht daher ein Überschuss an Weibchen – bei gleichzeitigem Mangel an Männchen. „Durch die Erderwärmung werden nun in der Regel mehr Weibchen entstehen“, sagt Praschag. „Das kann sich sehr kurzzeitig sogar positiv auf die Population auswirken. Die Erderwärmung schreitet aber schneller voran als die Anpassungsfähigkeit von Schildkröten, sodass sie das Gleichgewicht innerhalb von Populationen langfristig negativ beeinträchtigen wird.“

Schutzmaßnahmen in Türkei

Auf zwei Stränden in der Türkei versucht ein Forschungsprojekt der Universität Wien die natürliche Fortpflanzung der Unechten Karettschildkröte (Caretta caretta) zu schützen. Seit 1993 untersuchen der Ökologe Michael Stachowitsch und sein Team die Entwicklung der Nestanzahl dieser vom Aussterben bedrohten Meeresschildkröte, die in Europa vor allem an einigen Stränden in Griechenland und der Türkei nistet.

Die Erkenntnisse des Wiener Schildkrötenprojekts sollen zu sinnvollen Schutzmaßnahmen führen. „Wir kämpfen an allen Fronten, damit die Strände frei bleiben und die Schildkröten bei Eiablage und Schlupf nicht gestört werden“, sagt Stachowitsch. Ausgewachsene Tiere, die zur Eiablage an den Strand kommen, werden abgemessen, die Nester werden teils mit speziellen Käfigen geschützt. Konfrontiert ist die Wiener Forschergruppe auch mit Lichtverschmutzung, wie Stachowitsch erzählt.

Natürlicherweise orientieren sich Schildkröten am Mondlicht, das im Meer schimmert. Doch künstliches Licht, ausgehend etwa von Strandbars und Hotels, irritiert die Schlüpflinge an den Niststränden zunehmend. Sie finden den Weg ins Meer nicht, weil sie dem künstlichen Licht in die falsche Richtung folgen.

Nur ein Tier von 1.000 kommt in geschlechtsreifes Alter

Trotz aller Schutzmaßnahmen, der langfristige Trend ist negativ: „Wir mussten im Lauf der Jahre leider feststellen, dass immer weniger Schildkröten ihre Eier an diesen beiden Stränden ablegen. Erst in den letzten beiden Jahren gibt es einen Aufwärtstrend, wir interpretieren das positiv und führen das auf unsere Arbeit zurück“, sagt Stachowitsch.

Die Unechte Karettschildkröte wird erst nach rund 20 Jahren geschlechtsreif. Dann kehrt sie nachts auf jenen Strand zurück, auf dem sie selbst geschlüpft ist, und legt bis zu 134 Eier. Die Chancen für die Schlüpflinge sind allerdings denkbar schlecht: „Es gibt Schätzungen, wonach lediglich ein Jungtier aus 1.000 ins geschlechtsreife Alter kommt. Alle anderen sterben“, sagt Stachowitsch.

Die Forschungsarbeit der Wiener ist langfristig angelegt. Mittlerweile sind die Wissenschaftler lange genug an Ort und Stelle, dass sie ein und dieselbe Unechte Karettschildkröte theoretisch bereits zweimal beobachten hätten können: einmal als Schlüpfling auf dem Weg ins Meer – und einmal als ausgewachsene Schildkröte bei der Eiablage.

Gregor Stuhlpfarrer, „Universum“

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