Medialisierung gefährdet Wissenschaft

PR wird in der Wissenschaft immer wichtiger. In Zeiten des Wettbewerbs um Finanzmittel ist das kein Wunder, jede Einrichtung will öffentlich gut „dastehen“. Doch diese Medialisierung gefährdet langfristig das „System Wissenschaft“, wie neue Studien zeigen.

Ihre Ursache hat die Medialisierung in den Hochschulreformen der vergangenen Jahrzehnte. Ökonomische Anreize wurden eingeführt, Universitäten sollen sich heute (auch) als Unternehmen fühlen, die Rektoren und Rektorinnen auch Manager sein.

„Oberstes Ziel war es, das System zu differenzieren“, erklärt Peter Weingart, Wissenschaftssoziologe an der Universität Bielefeld. „D.h., die Unis müssen miteinander konkurrieren - um gute Studenten, Drittmittel und Professoren, die sie mittlerweile auch anders bezahlen können als früher. Das hat dazu geführt, dass die Unis bemerkt haben, dass sie auf sich aufmerksam machen müssen. Und das bedeutet, dass sie mit der Öffentlichkeit kommunizieren müssen.“

20 Prozent machen Thema von Öffentlichkeit abhängig

Im Wettbewerb um finanzielle Mittel wird Aufmerksamkeit immer wichtiger, vor allem für die Institutionen. Aber auch die einzelnen Forscher und Forscherinnen orientieren sich zunehmend an der Öffentlichkeit.

Ein groß angelegtes Forschungsprojekt der deutschen VW-Stiftung hat das untersucht. 1.600 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus 16 Disziplinen wurden dazu befragt. Fast die Hälfte von ihnen gab an, dass es leichter ist, einen Artikel in einer Wissenschaftszeitschrift unterzubringen, wenn das Thema auch von Interesse für die Medien ist.

Rund die Hälfte hat auch schon einmal etwas an einer Publikation geändert, weil sie die Reaktion der Öffentlichkeit mit einberechnet haben. Und: „Fast 20 Prozent sagen, dass sie wegen der erwarteten Reaktion in den Medien bestimmte Forschungsfragen gewählt oder vermieden haben“, sagt Matthias Kohring, Kommunikationswissenschaftler von der Universität Mannheim und Studienleiter. „Dabei ist die Themenwahl einer der heiligsten Güter der Wissenschaft.“

Eine Forscherin in einem Chemielabor
Universität Wien
Chemikerin an der Universität Wien

Sicheres Wissen: Ein Grundstein wackelt

Je mehr sich die Leitungen der Hochschulen an den Medien orientieren, desto mehr machen das laut Kohrings Studien auch ihre Forscher und Forscherinnen. Es gibt Leistungsvereinbarungen, in denen die Kommunikation mit der Öffentlichkeit bereits ausdrücklich gefordert wird.

Viele Forscherinnen und Forscher kommen dem auch gerne nach. Im Zeitalter der Sozialen Medien kann jede und jeder unmittelbar kommunizieren. Das kann an der puren Lust liegen, die eigene Erkenntnis zu teilen. Der Anteil derer, die für die eigene Karriere twittern oder posten, ist aber im Steigen.

Ö1 Sendungshinweis

Der „Wissenschaft in der PR-Falle“ widmen sich auch die Dimensionen: 10.5., 19:05 Uhr.

Diese Medialisierung birgt allerlei Gefahren. So wackelt ein Grundstein der Wissenschaft, nämlich die Frage nach der Sicherheit von Erkenntnissen. Denn während es in der Wissenschaft immer nur eine vorläufige Erkenntnis gibt, verlangen Medien nach eindeutigen Antworten. Überträgt sich nun diese mediale Logik auf die Wissenschaft, hat das Folgen. Matthias Kohring: „Wenn mediale Sichtbarkeit zu einer Ersatzwährung in der Wissenschaft wird, werden Themen, Bewertungen und Methoden im Hinblick darauf ausgewählt. Themen etwa, die auf lange Zeit angelegt sind oder auf den ersten Blick nicht populär sind, bekommen dann vielleicht auch kein Geld.“

Kurzfristige Erfolge lassen sich leichter kommunizieren

Noch sei das eher eine Dystopie, sagt der Kommunikationswissenschaftler. Anzeichen dafür gebe es aber jetzt schon. Forschungsprojekte, die einen kurzfristigen Nutzen versprechen, werden eher gefördert als längerfristige Grundlagenforschung – die vielleicht nie zu einer wirtschaftlichen Verwertung führt. Das hat viel mit der Vergabe von Mitteln zu tun, aber auch mit einer stärkeren Orientierung an der Medienöffentlichkeit.

Denn kurzfristige Erfolge im Kampf gegen Krebs oder Prognosen zum Anstieg des Meeresspiegels lassen sich leicht kommunizieren. Weil sich das herumspricht, kann das zu einer Vereinheitlichung von Forschungsthemen führen. Wenn sich viele Forscher und Forscherinnen an den wenigen Chancen zu öffentlicher Aufmerksamkeit orientieren, fördert das die Gleichförmigkeit ihrer Forschung.

Ein Beispiel des Wissenschaftssoziologen Peter Weingart: „Eine ehemalige Doktorandin von mir hat das untersucht und einen Fall gefunden, wo ein Genetiker gesagt hat: ‚Wenn ich diese Untersuchung an einem Insekt machen würde, findet das keine Aufmerksamkeit. Schmetterlinge sind besser, weil dann gibt es einen sichtbaren Effekt.“

Noch ist es nicht soweit. Die meisten Genetiker arbeiten weiter mit ihrem Lieblings-Modellorganismus, der Taufliege. Geht der Trend zur Medialisierung aber weiter, könnten in Zukunft bunt schillernde Schmetterlinge dominieren – ganz einfach weil ihre Bilder besser ins Auge stechen und dementsprechend mehr Aufmerksamkeit erzeugen.

Eine weibliche Fliege der Art Drosophila melanogaster in Großaufnahme
APA/IMP-IMBA Graphics Department
Ein weibliches Exemplar der Taufliege

PR-Abteilungen bauen aus …

Der Trend dazu besteht schon heute. Und aus Sicht vieler Forscher und Forscherinnen ist die Presseabteilung der eigenen Uni die nahe liegende Verbindungsstelle zu den Medien. Wird sie kontaktiert, können die PR-Kollegen eine Presseaussendung schreiben. Wenn man Glück hat, wird diese Presseaussendung von den Medien aufgegriffen – und der Forscher oder die Forscherin findet sich in den Medien wieder.

Man kann diesem Glück aber auch etwas unter die Arme greifen. Etwa, indem man den Personalstand der PR-Abteilungen erhöht. Und genau das ist in den vergangenen Jahren geschehen, wie eine weitere Studie des Kommunikationsforschers Matthias Kohring zeigt. Die Anzahl der PR-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen ist ihr zufolge in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Heute kommt auf 20 hauptamtliche Professoren ein Mitarbeiter in der Öffentlichkeitsarbeit.

… Journalismus ab

Diese Zahlen aus Deutschland lassen sich zwar nicht direkt auf Österreich übertragen. Die Tendenz ist aber die gleiche. Es entstehen nicht nur Hochglanzmagazine und Webseiten, sondern auch eine Reihe von Veranstaltungen wie die Lange Nacht der Forschung, Science Talks oder Schnellrede-Wettbewerbe. Dass all das immer professioneller abläuft, hat nicht nur mit den wachsenden PR-Abteilungen zu tun, sondern auch mit der anderen Seite: den Medien.

Die klassischen Printmedien befinden sich in einer Finanzierungskrise. Alte Geldquellen sind durch das Internet verschwunden, neue haben sie noch nicht ausreichend ersetzt. Und das hat für die PR-Branche einen unerwarteten Nebeneffekt. „Sie profitiert von der Krise. Viele Leute, die als Wissenschaftsjournalisten angefangen haben, sind jetzt in den PR-Abteilungen. Sie sind gut ausgebildete Kommunikatoren, müssen aber jetzt für einen Arbeitgeber kommunizieren, der erwartet, dass sie ihn gut aussehen lassen“, sagt der Wissenschaftsforscher Peter Weingart.

Grenzen verschwimmen

Die PR-Mitarbeiter kennen die Logik von Nachrichten sehr gut und wissen ihre Pressemitteilungen gut zu verpacken. Das erhöht die Chance, dass die sinkende Zahl an Journalistinnen und Journalisten auf diese Meldungen zugreift. Und im schlimmsten Fall ohne Gegencheck veröffentlicht. Die Grenzen zwischen Journalismus und PR verschwimmen dann.

Ein Phänomen, das schon an den Hochschulen beginnt, sagt der Wissenschaftsforscher Peter Weingart: „Die größte Gefahr ist, dass PR-Kommunikation und Journalismus nicht mehr klar getrennt sind, sodass der Rezipient nicht mehr genau unterscheiden kann, ob das, was ihm geboten wird, dem Interesse einer bestimmten Organisation dient oder unabhängig kommuniziert wird. Diese Unterscheidung wird von den Universitäten nicht überall gemacht. Manche trennen PR-Abteilung von Presseabteilung, viele nicht.“

Eine medizinisch-technische Assistentin lagert Samenproben ein
APA/dpa/Friso Gentsch
Eine Ärztin legt Samenproben in ein Kühldepot

Biologie und Chemie besonders emsig

Die Hochschulen und andere Organisationen produzieren jetzt schon immer mehr PR. Alleine in Deutschland sind es rund 30.000 Pressemitteilungen pro Jahr. Einige Fächer tun sich dabei besonders hervor. Biologie, Chemie und Geowissenschaften sind die Spitzenreiter beim Versuch, öffentliche Aufmerksamkeit zu bekommen. Fächer wie Volkswirtschaftslehre, Mathematik oder Architektur tun das viel seltener. Die Faustregel lautet: Je kostenintensiver eine Disziplin ist, desto eher sucht sie die mediale Öffentlichkeit.

Was aber nicht heißt automatisch, dass dieser Versuch erfolgreich ist. Matthias Kohring: „Aus Sicht der PR ist das sicher enttäuschend. Aber es gibt Fächer, die sehr viele Pressemitteilungen absetzen, in den Medien aber gar nicht so häufig vorkommen. Und es gibt andere Fächer, die kümmern sich gar nicht drum, und kriegen trotzdem Aufmerksamkeit.“

Es sind die Journalistinnen und Journalisten, die die Themen setzen, sagt der Kommunikationsforscher. Sie klopfen die Pressemitteilungen auf mögliche gesellschaftliche Folgen ab. Was heißt es z.B. wenn das persönliche Erbgut von Menschen schnell entschlüsselt werden kann? Welche Konsequenzen hat das für die Gesundheitspolitik, für die Ethik, für das eigene Wohlempfinden?

Es sind außer-wissenschaftliche Perspektiven, die guter Wissenschaftsjournalismus eröffnet. Fragen stellen, die die Wissenschaft nicht stellt. Bis jetzt geht das noch ganz gut. In Zeiten, in denen PR immer mehr an Mitteln gewinnt und der Journalismus zu kämpfen hat, wird das aber nicht leichter.

Wie man es besser macht

Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus an der Technischen Universität Dortmund: „Für Journalisten hat das die Konsequenz, dass man noch viel genauer hinschauen muss als früher. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass Pressemitteilungen von Universitäten oder Instituten auch stimmen. Man muss sie so behandeln wie Pressemitteilungen aus Politik oder Wirtschaft. Man muss sich Original-Publikationen besorgen, kritisch nachfragen und vor Experten nicht zu viel Respekt haben.“ Das seien die wichtigsten Dinge auf Seiten des Journalismus.

Doch auch die PR der Hochschulen und Forschungseinrichtungen kann dazu beitragen, damit die negativen Folgen der Medialisierung nicht eintreten. Oberstes Gebot dabei ist die Trennung von Werbung und wissenschaftlicher Kommunikation. Bedruckte Umhängetaschen und Schlüsselanhänger mit dem Uni-Logo sollten einer anderen Logik unterstehen als die Information über wissenschaftliche Fortschritte.

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften etwa arbeitet bereits an einer entsprechenden Strategie. In Deutschland haben mehrere Akademien schon vor zwei Jahren eine Erklärung in dieser Richtung unterschrieben. Die zentralen Punkte dabei: Die Wissenschaft soll wahrhaftig kommunizieren, Übertreibungen von Forschungsergebnissen vermeiden und als Verstoß gegen gute wissenschaftliche Praxis sanktionieren.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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