Schlechte Aussichten für Gletscher

Unterdurchschnittlich wenig Schnee bedeckt derzeit die heimischen Gletscher, obwohl mit der letzten Kältewelle noch ein paar Zentimeter dazugekommen sind - schlechte Aussichten, wie Heinz Slupetzky und Andrea Fischer in ihrem traditionellen Gletschertagebuch schreiben.

Der Neuschnee zu Pfingsten hat nichts daran geändert: Die derzeitigen Schneehöhen auf den Gletschern sind nach der winterlichen Akkumulationsperiode weitgehend unterdurchschnittlich. Dies bedeutet einen schlechten Start in die warme Jahreszeit. Wird sich der Trend starker Massenverluste fortsetzen? Die Glaziologen und Glaziologinnen stellen sich darauf ein: Es könnte wieder ein Gletscherjahr mit Massenverlusten werden.

Porträt von Heinz Slupetzky und Andrea Fischer
Slupetzky/Fischer

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Heinz Slupetzky ist Professor i. R. am Fachbereich Geografie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte.

Den aktuellen Forschungen von Heinz Slupetzky und Andrea Fischer widmet sich heute auch ein Beitrag in „Heute Mittag“ - 24.5. ab 13.15 in ORF 2.

Andrea Fischer ist Gletscherforscherin am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck. Ihr Hauptforschungsgebiet sind Gebirgsgletscher und deren Änderung im Klimawandel.

Für science.ORF.at führen Heinz Slupetzky und Andrea Fischer seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

Das Messprogramm am Stubacher Sonnblickees wird im Auftrag des Hydrographischen Dienstes Land Salzburg (DI Hans Wiesenegger) durchgeführt und steht unter der Leitung von B. Zagel. Universität Salzburg, IFFB Geoinformatik-Z_GIS, LTER-Site Stubachtal.

Die Messungen am Mullwitzkees, Venedigerkees und Hallstätter Gletscher werden vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit Unterstützung der Hydrographischen Dienste der Länder Salzburg, Tirol und Oberösterreich sowie der Energie AG, Bluesky und des Nationalparks Hohe Tauern durchgeführt. Die Massenbilanzmessungen am Jamtalferner stehen unter der Leitung des Vereines Gletscher und Klima.

Beim Stubacher Sonnblickkees in den Hohen Tauern war die erste Winterhälfte schneearm, erst im Spätwinter und zu Frühlingsbeginn wurde das Defizit an Schnee teilweise kompensiert; die Schneehöhen lagen Anfang April immer noch unter dem Mittelwert.

Das Stubacher Sonnblickkees
Hans Wiesenegger
Das Stubacher Sonnblickkees

Am 1. Mai 2016 betrug die Schneehöhe bei der langjährigen Messstelle am Unteren Boden des Stubacher Sonnblickkees in 2500 Meter Seehöhe nur 3,35 Meter, das bedeutet um mehr als ein Meter weniger als im langjährigen Durchschnitt von 4,40 Meter und um 0,4 Meter weniger als im Vorjahr.

Häufung schneearmer Gletscherwinter

Heuer setzten sich die Jahre mit zu wenig Schneeakkumulation fort. Das Diagramm veranschaulicht die starken jährlichen Schwankungen am 1. Mai zwischen fast acht Metern 1979 sowie zwei Metern 2007 und zeigt am übergreifenden dreijährlichen Mittel die längerfristige Tendenz. Die Entwicklung zu schrumpfenden Schneehöhen bzw. Winterbilanzen hat sich in den vergangenen 16 Jahren verstärkt.

Grafik: Schneehöhen Anfang Mai am Stubacher Sonnblickkees
Messungen 2015: G. Aigner, Kitzbühel

Grafik: Schneehöhen Anfang Mai am Stubacher Sonnblickkees

Weniger Winterschnee

Allgemein hatte das Winterhalbjahr „mager“ begonnen, besonders wenig Niederschlag fiel im November und Dezember 2015. In Februar und März 2016 erhielten die Gletscher im Südosten Österreichs überdurchschnittlichen Schneenachschub, im Westen Österreichs blieb dieser aus. Auf den Gletschern, an denen die Winterbilanzen gemessen werden, liegt derzeit weniger Schnee als im langjährigen Mittel.

Schneehöhensondierung am Mullwitzkees in Osttirol
M. Stocker-Waldhuber
Schneehöhensondierung am Mullwitzkees in Osttirol

So lag am Jamtalferner in der Silvretta 40 Prozent weniger Schnee. Auch am Vernagtferner (Glaziologie Österreich) im Ötztal und am Mullwitzkees (Nationalpark Hohe Tauern) waren die Schneehöhen unterdurchschnittlich. Am Hallstätter Gletscher (Dachstein) und Venedigerkees (Venedigergruppe) fanden die Glaziologen durchschnittliche Schneehöhen vor, da die oberen Schichten aus noch wenig gesetztem Neuschnee bestanden.

Am Rieserferner in Südtirol hat Roberto Dinale (Hydrographisches Amt Bozen) „nur leicht unterdurchschnittliche Akkumulationen vorgefunden“. Andreas Bauder von der ETH Zürich meldet für den Süden der Schweiz unterdurchschnittliche, für den Westen überdurchschnittliche Werte.

Neuschnee würde Gletschern nützen

Häufige Schneefälle während der Abschmelzzeit wären eine „willkommene Hilfe“ für die Gletscher, Neuschnee bremst im Frühjahr die Abschmelzung der Altschneedecke wie ebenso im Sommer die Eisablation. Sollte es im Mai und Juni häufiger kühle Phasen mit Schnee im Hochgebirge (wie die Schafskälte) geben, würde der langsame Abbau der Schneedecke die Eisablation hinausschieben.

Markante Wüstenstaubschicht in einem Schneeschacht am Jamtalferner
B. Seiser
Markante Wüstenstaubschicht in einem Schneeschacht am Jamtalferner

Ende März/Anfang April wurde im Hochgebirge Staub und Sand aus der Sahara abgelagert. Er ist in Schneeschächten als markanter ockerfarbener Horizont zu sehen. Wird durch häufige Schneefälle die Abschmelzung der Altschneedecke verzögert, wird diese Schicht (noch) nicht wirksam. Befindet sich der Schmutzhorizont einmal an der Oberfläche, beschleunigt er die Abschmelzung und beeinflusst die Massenbilanz.

Markante Wüstenstaubhorizonte in einem Schneeschacht am Mullwitzkees
E. Egger
Markante Wüstenstaubhorizonte in einem Schneeschacht am Mullwitzkees

Fortsetzung des Eisverlusts?

Die Saisonprognose der ZAMG - für die Monate Mai bis Juli 2016 - lautet: „Insgesamt zeigen die Einzelmonate unterschiedliche Verteilungen, in allen Monaten dominiert aber die Wahrscheinlichkeit mit überdurchschnittlichen Temperaturen“.

Auch wenn von der ZAMG ausdrücklich darauf hingewiesen, „dass es sich bei der Saisonprognose nicht um eine exakte Vorhersage im Sinne einer 3-Tagesprognose handelt, sondern um eine grobe Abschätzung“, so ist es doch ein Hinweis für die mögliche Gletscherzukunft in diesem Sommer: „Der zuletzt eingeschlagene Klimatrend dürfte damit eine Fortsetzung erfahren“.

Winterliche Szene beim Stubacher Sonnblickkess
Vivien Schibblock
Winterliche Szene beim Stubacher Sonnblickkess

Beim Stubacher Sonnblickkees waren in den vergangenen 13 Jahren seit 2003 die jährlichen Massenbilanzen am Ende des jeweiligen Sommers 10 Mal negativ, davon 5 stark negativ. Wie wird es heuer ausgehen? Noch ist alles möglich. Doch die Glaziologen und Glaziologinnen stellen sich aufgrund der Ausgangssituation nach dem heurigen Winter mit geringerem Winterschnee darauf ein: Die Zeichen stehen wieder auf negative Massenbilanzen.

Das erste Gletschertagebuch 2016 kann nur eine Zwischenbilanz sein. Anfang Juli wird man schon mehr wissen, ob die Schneedecke auf den Gletschern im Mai und Juni schon stark weniger geworden oder länger erhalten geblieben ist.

Heinz Slupetzky und Andrea Fischer