„Die EM ist ein grotesker Anachronismus“

Wolfgang Maderthaner, Generaldirektor des österreichischen Staatsarchivs und passionierter Fußballhistoriker, erklärt, warum die Fußball-EM eine antiquierte Veranstaltung ist - und warum Österreich dennoch „reif“ für den EM-Titel wäre.

Herr Maderthaner, angenommen, Österreich wird in diesem Jahr Europameister. Was würde passieren?

Wolfgang Maderthaner
Österreichisches Staatsarchiv

Zur Person

Wolfgang Maderthaner ist Historiker und seit 2012 Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs.

Seine Leidenschaft für die Geschichte des Fußballs wurde mit dem Beginn der Cultural Studies in den 1990er Jahren entfacht. Er und seine Kollegen sind seit Jahr und Tag als Abonnenten am Rapidplatz anzutreffen.

Zum Thema Fußball ist von ihm zuletzt das Buch Die Eleganz des runden Leders. Wiener Fußball 1920–1965 erschienen (2008 Verlag „Die Werkstatt“, Göttingen. Co-Autoren: Alfred Pfoser und Roman Horak).

So eine Frage sollte von einem Historiker eigentlich überhaupt nicht beantwortet werden, denn Spekulationen dieser Natur sind weder fachgerecht noch wissenschaftlich begründbar. Allerdings: Eine gewisse Regelmäßigkeit macht mich doch stutzig - die Korrelation des österreichischen Fußballerfolgs mit wirtschaftlichen Krisenzeiten. Das sogenannte „Wunderteam“ der 1930er Jahre und ihr Kapitän Matthias Sindelar waren ein Hochkrisenphänomen!

Damals waren wir europäische Spitzenklasse im Fußball, während die Ökonomie am Boden lag. Insofern habe ich leicht schmunzeln müssen als ich gesehen habe, dass das österreichische Fußballteam plötzlich wieder weit oben in der Fifa-Weltrangliste zu finden ist – und wir uns im Nachklang einer sehr starken ökonomischen und zivilisatorisch-politischen Krisensituation befinden.

Ich würde das nicht als These vertreten, aber es fällt auf: Es gibt es gewisse Korrelation zwischen gesellschaftlicher und ökonomischer Krise und einer Blüte des österreichischen Fußballs. Ein sehr interessantes Phänomen!

Welches historische Ereignis wäre mit einem EM-Sieg Österreichs vergleichbar?

Aus meiner Sicht das Ländermatch zwischen Österreich und Ungarn im April 1927, das Österreich damals mit 6:0 gewonnen hat. Das „Illustrierte Sportblatt“, eine österreichische Sportzeitung zwischen 1911 und 1928, beschrieb, wie plötzlich das „Tempo Matyarok!“ der ungarischen Schlachtenbummler von einem „Tempo Österreich!“ übertönt wurde. Zum großen Erstaunen des damaligen Redakteurs Willy Schmieger wurde hier erstmals das österreichische Nationalbewusstsein über den Fußball angesprochen.

Österreich war gerade erst von einer zentralen mitteleuropäischen Großmacht auf einen Kleinstaat mit einer zu großen Hauptstadt und ein paar Provinzen reduziert worden. Fußball war in diesem kleinen Land kein Mittel nationaler Identitätsstiftung, denn es gab ihn eigentlich nur in Wien. Figuren wie Ernst Happel, Gerhard Hanappi oder Max Merkel waren zutiefst wienerische Figuren.

Und was hat das mit der Gegenwart zu tun?

Zwar ist heute der Fußball flächendeckend in Österreich vertreten, aber: viele Spieler des Nationalteams spielen wie selbstverständlich nicht in Österreich, sondern für die großen Klubs im Ausland. Wieder eignet sich der Fußball nur sehr bedingt für die Formierung eines nationalen Bewusstseins.

Ländermatch: David Alaba im Zweikampf
APA/ROLAND SCHLAGER
Herr Alaba, bitte übernehmen Sie ...

Nehmen wir an, David Alaba schießt das entscheidende Tor im Finale. Werden die fremdenfeindlichen Stimmen im Land nun leiser?

Ich bin mir dessen sehr unsicher. Die Tatsache, dass Menschen mit schwarzer Hautfarbe in Österreich Fußball spielen gibt es schon sehr lange.

Sendungshinweis

Mit diesem Thema beschäftigt sich heute auch eine Spezialausgabe der Ö1-Dimensionen, 3.6., 19.05 Uhr

An der herrschenden Fremdenfeindlichkeit hat es genau nichts geändert, dass Helmut Köglberger, ein dunkelhäutiges „Besatzungskind“, ein großartiger Mittelstürmer in den 1960er und 1970er Jahren war, oder dass der Brasilianer Waldemar Graciano, besser bekannt als „Jacaré“ (Krokodil), bei der Wiener Austria in den 1960er Jahren eine phantastische Performance abgeliefert hat – der war halt dann der „Murli“. Das ist eine Inklusion mittels Diminuitiv , eine Verminderung und Verniedlichung.

„Des is halt a liaber Bur“, heißt es dann. Dass ein Tor David Alabas an den herrschenden Mentalitäten, an herrschenden Ressentiments strukturell etwas ändern würde, das wage ich stark zu bezweifeln.

Das heutige Nationalteam ist sehr multikulturell. Lassen sich hier historische Parallelen ziehen?

Ja und nein. Das beste Nationalteam der österreichischen Fußballgeschichte war eben das Wunderteam der späten 1920er und frühen 1930er Jahre unter der Spielführung von Matthias Sindelar. Dieses Team war natürlich ein multiethnisches. Viele Spieler waren „Ziegelböhmen“, also Tschechen der zweiten Generation. Karl Sesta, Josef Smistik, und viele andere Tschechen formten ganz wesentlich den Spielstil und den Teamcharakter.

Mit den heutigen Verhältnissen ist das aber nicht vergleichbar, weil diese ethnische Breite in eine fast globale Dimension übergegangen ist. Der Anachronismus einer Nationalmannschaft wird aber auch aus einer anderen Perspektive deutlich: Fußball war immer schon eine Aufstiegsschleuse für Männer aus unteren sozialen Schichten. Heute aber werden begabte junge Männer wie David Alaba oder Marko Arnautovic sofort von großen Klubs außerhalb Österreichs verpflichtet.

Sie geraten in ein Fußballgetriebe hinein, das nach den Prinzipien des Neoliberalismus funktioniert. Europa- und auch Weltmeisterschaften sind eigentlich groteske Anachronismen. Wir stellen plötzlich wieder nationale Teams auf! Unsere Nationalmannschaften sind bestückt mit Legionären von irgendwo in der Welt, die dann plötzlich als Österreich, Deutschland oder Frankreich spielen.

Gegen welchen Gegner würde Österreich im Finale antreten - und gewinnen?

Der Erzrivale ist nicht Deutschland. Das ist ganz klar. Das klassische Duell, in dem Fall würde man fast schon von einem Derby sprechen können, ist gegen Ungarn, der Partner aus der habsburgischen Doppelmonarchie. Beide Länder waren von außergewöhnlicher Bedeutung im internationalen Fußballgetriebe bis in die 1950er Jahre.

Die Ungarn hätten 1954 auf jeden Fall Weltmeister werden müssen. Sie verloren im Finale gegen Deutschland. Österreich wurde damals Dritter. Die ungarische Nationalmannschaft ist wegen der politischen Verhältnisse 1956 dann zur Gänze aus dem Land geflohen. Ihre Stars haben später in ganz Europa gespielt.

Der Bedeutungsverlust des ungarischen Fußballs im internationalen Zusammenhang ist fast noch dramatischer als der des österreichischen Fußballs seit den 1970er Jahren. Nun sind beide wieder bei einer Europameisterschaft dabei! Wir werden ja das erste Spiel bei der Europameisterschaft auch gegen Ungarn bestreiten. Also wenn ich mir etwas wünschen dürfte, ein Finale Österreich gegen Ungarn wäre doch etwas sehr Feines. Für den Historiker, nicht für den Fußballfan.

Interview: Hanna Ronzheimer, science.ORF.at

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