Das Mittelmeer wird tropisch

Der Klimawandel und die steigenden Temperaturen verändern das Mittelmeer: Hier herrschen nun für viele tropische Fischarten, Muscheln und Krustentiere ideale Lebensbedingungen. Die Erweiterung des Sueskanals 2015 wird dieses Phänomen weiter verstärken, sagen Forscher.

Über 700 neue Arten wurden im Mittelmeer schon identifiziert, mehr als die Hälfte davon ist über den Sueskanal eingewandert. Das Phänomen der Artenwanderung zwischen Rotem Meer und Mittelmeer wird nach dem Erbauer des Sueskanals, Ferdinand de Lesseps, bezeichnet. Vor dem Kanalbau wurde das Mittelmeer hauptsächlich vom wesentlich kälteren Atlantik her besiedelt.

Eine Landkarte des Mittelmeeres mit Verbreitungsgebiet von Brachidontes pharaonis
Rafal Nawrot, Universität Wien
Die kleine Muschel Brachidontes pharaonis ist eine der am weitesten verbreiteten Lesseps’schen Arten im Mittelmeer und zugleich eine der ersten Arten, die den Sueskanal durchquert hat

Im Mittelmeer fühlen sich die eingewanderten Arten wohl: Denn nachdem es von seinen klimatischen Bedingungen und Nahrungsangebot eher einem nährstoffarmen tropischen Gewässer - wie dem Roten Meer - gleicht, finden sie sich in ihrem neuen Habitat schnell zurecht.

Heimische Arten verschwinden

An sich ist eine Bereicherung der Biodiversität nicht von Nachteil und entspricht auch den normalen, evolutionären Prozessen. Doch der Sueskanal macht das Mittelmeer zum Spitzenreiter: In kein anderes maritimes System weltweit sind innerhalb so kurzer Zeit so viele fremde Arten eingewandert.

Paolo Albano, Forscher an der Universität Wien, spricht von dramatischen Veränderungen des Ökosystems. Studien hätten gezeigt, dass sich die Invasoren aggressiver behaupten und letztlich heimische Arten verdrängen - und zwar von den Küsten Israels bis in die Adria. Das hat nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche – und kulinarische - Konsequenzen.

„Spaghetti Vongole“ mit japanischen Muscheln

Albano studiert die Auswirkungen der Massenwanderung schon lange, zurzeit am Paläontolgischen Institut der Uni Wien. Gerade erst wurde er vom Wissenschaftsfonds FWF mit einem Stipendium bedacht: Er wird den Zustand des Mittelmeeres vor und nach der Eröffnung des Sueskanals empirisch erheben. Als Beispiel einer verdrängten endemischen Art nennt er Ruditapes decussatus, die Kreuzmuster-Teppichmuschel. Über Generationen war sie Bestandteil der italienischen Muschelgerichte, wer heute durch die Lagunen spaziert, findet hauptsächlich die Art Ruditapes philippinarum, die Japanische Teppichmuschel.

Muscheln sind generell sehr erfolgreiche „Invasoren“. Ein Forscherteam des Paläontologischen Instituts der Uni Wien hat weltweit als Erstes untersucht, warum sich gewisse Muschelarten aus dem Roten Meer so erfolgreich im Mittelmeer etablieren konnten. Sie hat die heimische Muschelart nicht nur bis in die nördliche Adria, sondern auch von den Tellern verdrängt. Schon lange ist sie Bestandteil der berühmten „Spaghetti Vongole“. Dieses Schicksal könnte auch viele Fischarten treffen.

Muscheln auf Reise

400 Arten wurden analysiert - taxonomische Zusammensetzung, Tiefenverteilung, geografische Verbreitung, Körpergröße und Lebensweise waren die Kriterien. Fazit: Bevorzugt wandern Arten ein, die in seichteren Regionen des Roten Meeres leben. Am erfolgreichsten sind die „Erstankömmlinge“. Sie haben viel Zeit, Populationen aufzubauen, und bilden großflächig Muschelbänke oder kleine Riffe.

Die Auster Saccostrea cucullata
Martin Zuschin, Universität Wien
Die Auster Saccostrea cucullata bildet kleine Riffstrukturen im Gezeitenbereich des nördlichen Roten Meeres und kommt heute auch an der Südküste der Türkei vor

Damit verändern sie die Umweltbedingungen auf diesen Meeresböden drastisch. Ganz nach Darwin setzt sich durch, wer stärker und größer ist. Und das Gesetz gilt offenbar ohne Einschränkung auch im globalen Handel.

Öl, Abwässer, Dünger – und kein Fisch

Die Adria gilt als stellenweise leergefischt und zählt weltweit zu den gefährdetsten Meeren. Öl aus der Schifffahrt, Chemie, Abwässer, Müll, Pestizide und Insektizide wirken in dem kleinen Seitenbecken des Mittelmeers fatal zusammen.

Regelmäßig sorgt der Dünger, den die Flüsse ins Meer schwemmen, für Eutrophierung, also die Überdüngung des Wassers. Tausende Quadratkilometer große Flächen auf dem Meeresgrund sterben ab, weil es an Sauerstoff mangelt. Es dauert in intakten Ökosystemen Jahre, bis sich Meeresfauna und -flora wieder erholen, doch dazu kommt es gar nicht, sagt der Wiener Meeresbiologe Michael Stachowitsch von der Uni Wien. „Die Schleppnetze der Fischereiflotten durchpflügen planquadratmäßig jedes Stück Meeresboden, und walzen alles, was nachwachsen sollte, wieder nieder.“

80 Prozent aller Fischarten im Mittelmeer gelten als bedroht. Leichtes Spiel für neue Arten, sagt der Forscher Paolo Albano. Denn die eingewanderten Fische haben kein Problem, sich gegen die geschwächten Bestände endemischer Arten durchzusetzen. Die dramatischen Folgen, so Paolo Albano, würden sich aber nicht nur auf den Speisekarten der Mittelmeerländer wiederfinden. Ganze Industrien und der Handel, die mit dem einstigen maritimen Reichtum des Mittelmeeres ihre Geschäfte gemacht haben, müssten sich in Zukunft nach anderen Einnahmen umsehen.

Sueskanal: Freie Fahrt für alle

Mit der Erweiterung des Kanals im Jahr 2015 hat Ägypten gegen ökologische Bedenken internationaler Forscherinnen und Experten gehandelt, ohne Rücksicht auf Umweltschutz und die Konsequenzen für das Mittelmeer (siehe Studie).

Die Schleusen sind noch weiter offen für exotische Quallen und Kugelfische, auch giftige Quallen. Eine Invasion bisher nicht gekannten Ausmaßes wurde ermöglicht. „Und das, ohne dass jemals eine Umweltverträglichkeitsprüfung oder Risikobewertung stattgefunden hätte“, meint Martin Zuschin vom Paläontologischen Institut der Uni Wien. „Die Klimaerwärmung wird das Ihre dazu beitragen, dass sich diese Arten erfolgreich im Mittelmeer etablieren werden können.“ Mit unabsehbaren Folgen für Meer, Mensch – und Wirtschaft.

Josef Glanz, science.ORF.at

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