„Day by day, I have more German in my tongue“

Muhammad Yacob ist schon sein ganzes Leben in gewissem Sinn ein Flüchtling. Als Sohn eines palästinensischen Vaters und einer syrischen Mutter galt er in Syrien als staatenlos. Heute lebt der Neurologe in Kärnten und würde gern wieder als Arzt arbeiten. Seine größte Herausforderung: Deutsch.

500.000 Palästinenser haben in Syrien vor dem Krieg gelebt, erzählt der 33-jährige gegenüber science.ORF.at. Diese Herkunft habe das tägliche Leben kaum beeinflusst, auch Palästinenser hätten ganz normal die Schule bzw. Universität besuchen und den Beruf frei wählen können.

Die vielen Stationen einer Flucht

Muhammad Yacob studierte Medizin, spezialisierte sich danach auf Neurologie mit besonderem Interesse für Epilepsie und eröffnete eine Privatordination. Nur Staatsbürgerschaft hatte er keine, deshalb auch keinen Reisepass. Das wurde erst zum Problem, als er 2014 Syrien verlassen musste, um nicht zum Militärdienst eingezogen zu werden.

Ö1 Sendungshinweis:

Über Muhammad Yacob berichtete auch „Wissen Aktuell“ am 12.7.2016 um 13.55 Uhr.

Zuerst flüchtete er nach Qatar. „Dort hatte ich ohne Staatsbürgerschaftsnachweis und Reisepass keine Chance, jemals legal arbeiten zu dürfen.“ Deshalb wollte er dort nicht bleiben. Seine weiteren Stationen: Libanon, Türkei und Griechenland. Auch in Österreich blieb es nicht bei einer Station: Vom Aufnahmezentrum Traiskirchen kam Muhammad Yacob über Wolfsberg nach Villach, wo seine Qualifikation als Arzt von Rotem Kreuz und Samariterbund nicht nur erkannt, sondern in der Versorgung der Flüchtlinge auch eingesetzt wurde.

Eine Hand winkt aus einem Zugfenster
APA/dpa/Sven Hoppe

„Scientists Welcome?“

In der Serie „Scientists Welcome?“ stellt science.ORF.at hochqualifizierte Menschen vor, die im Rahmen der aktuellen Fluchtbewegungen ihre Heimat verlassen haben und nun in Österreich - auch wissenschaftlich - Fuß fassen wollen. Bisher ist erschienen:

„Science in Asylum“

Muhammad Yacob nimmt am Programm „Science in Asylum “ des Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) teil. Ziel des Programms: Flüchtlinge mit akademischem Hintergrund sollen bei der Kontaktaufnahme mit österreichischen Forschungseinrichtungen unterstützt werden.

Durch diese Kontakte erhielt der Facharzt die Möglichkeit zu einem dreimonatigen Praktikum im Landeskrankenhaus Villach, wo er an der neurologischen Abteilung bei Visiten und Untersuchungen dabei war, aber nicht mit Patientinnen und Patienten arbeiten durfte.

Mitarbeit bei Forschungsprojekt

Die Erfahrungen waren so positiv, wie das LKH Villach auf Nachfrage bestätigt, dass ihm nun eine weitere Perspektive eröffnet wurde: Beginnend mit diesem Sommer wird er am LKH halbtags für ein Forschungsprojekt angestellt, in dem es um Polypharmazie, also die Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten täglich, gehen soll.

Auch wenn sich der junge Arzt über diese Perspektive freut und mehrmals betont, dass er für die Unterstützung dankbar ist, würde er gern wieder in seinem ursprünglichen Beruf als Neurologe mit Schwerpunkt Epilepsie und psychiatrische Störungen arbeiten. Seit April 2015 besucht er einen Deutschkurs. Noch sei ihm das Englische als Fremdsprache geläufiger - aber: „Day by day, I have more German in my tongue.“

Erleichterungen in Deutschland

Sein größter Wunsch sei es, wieder mit Patientinnen und Patienten arbeiten zu können, so Muhammad Yacob. Und deswegen blicke er immer wieder sehnsuchtsvoll nach Deutschland. Dort seien die Hürden, um als Arzt arbeiten zu können, deutlich niedriger als in Österreich, erzählt er.

Das stimmt so nicht, heißt es auf Anfrage von der für Nostrifizierungen zuständigen Stelle der Medizinischen Universität Wien. Auch in Deutschland werden die Studien verglichen und bei Lücken Zusatzprüfungen angeordnet. Und auch Deutschkenntnisse werden auf dem gleichen Level verlangt. Allerdings werde in Deutschland überlegt, ob Ärztinnen und Ärzte schon während des Anerkennungsverfahrens wieder arbeiten dürfen, und das könnte hochqualifizierte Menschen anziehen.

Muhammad Yacob jedenfalls beobachtet Deutschland genau - als anerkanntem Flüchtling stehen dem Spezialisten rein rechtlich die Türen in die gesamte EU offen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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