Antibiotikaresistenzen in Wildtieren

Ob Krähe, Luchs, Feldhase oder Otter – nahezu in allen Wildtierarten finden sich antibiotikaresistente Keime. Die Keime zirkulieren in der Umwelt, Forscher haben sie in Tieren der Mongolei, der Alpen und sogar in Schnecken aus Österreichs Gärten sowie Parkanlagen nachgewiesen.

Angefangen hat alles mit der Untersuchung von Saatkrähen am Institut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Ein Forschungsteam um den Wildtierarzt Chris Walzer untersuchte zwei verschiedene Populationen von Saatkrähen auf antibiotikaresistente Keime.

Krähen als erste Warnung

Ziehende Schwärme aus dem Osten, aus Russland, Polen und Weißrussland und im Vergleich dazu heimische Saatkrähen aus dem burgenländischen Wulkaprodersdorf wurden untersucht. Das Ergebnis war überraschend – und erschreckend zugleich. Multiresistente Keime fanden sich in den ziehenden und endemischen Krähenpopulationen.

Saatkrähenschwarm
dpa/Patrick Pleul

Waren es bei den heimischen Vögeln vier Prozent, trugen mehr als 40 Prozent der ziehenden Vögel aus dem Osten resistente Keime in sich. Krähen seien, so Walzer, gute Indikatoren für Belastungen der Umwelt, denn sie fressen Aas und picken Futter von Müllhalden. Der Antibiotika-Verbrauch in Russland und Polen wird nicht so restriktiv gehandhabt wie in Österreich.

Viele der Tausenden Tonnen Antibiotika, die in der Tiermast „missbraucht“ werden als Leistungsförderer und Wachstumsbeschleuniger, landen in Form von Gülle wieder auf den Äckern und im Grundwasser. Dort bleiben sie nicht, denn weder Keime noch Wildtiere halten sich an Grenzen.

Auch Luchs, Feldhase und Otter

Um die Verbreitung von antibiotikaresistenten Keimen in anderen Wildtierarten zu untersuchen, wurden weitere Studien gemacht. Luchse, Feldhasen, Fischotter tragen resistente Keime in sich und transportieren diese, wie das Beispiel Saatkrähen zeigt, mitunter kontinentübergreifend.

Feldhase
Helmut Dier

Ein weiterer Beweis, dass es unabwägbare Übertragungswege gibt, wurde von einem Team um den Mikrobiologen Igor Loncaric erbracht. In Untersuchungen von Mufflons in Deutschland und Österreich wurde ein resistenter Keim gefunden, der bisher nur in Hunden entdeckt wurde. „Das ist ein Hinweis darauf, dass es hier wahrscheinlich eine Übertragung von Haustier auf Wildtier gegeben hat“, so Walzer.

Spanische Wegschnecke: Verdacht bestätigt

Die nach Mitteleuropa eingeschleppte Nacktschnecke genießt bei Hobby- und Nutzgärtner keinen guten Ruf. Da sie gezwungenermaßen bodennah lebt und sich von Aas und Pflanzenmaterial ernährt, war auch sie ein interessantes Forschungsobjekt. Auch bei dieser Spezies wurden multiresistente Keime gefunden, die Schnecken stammten aus Niederösterreich und aus dem 18. Wiener Gemeindebezirk. Es handelte sich i, Bakterien, die in der Vergangenheit schon in Menschen und auch in Wildtieren gefunden wurden. Dies alles, so Walzer, deute auf eine zirkulierende Ansteckung und Ausscheidung über die Umwelt hin.

Notbremse: Keine Antibiotika in der Tierzucht

Der jährliche weltweite Gesamtverbrauch von Antibiotika kann nur geschätzt werden. Es sollen zwischen 100.000 und 200.000 Tonnen sein. Mehr als die Hälfte der wirksamsten Arzneien gegen Infektionen kommen jedoch nicht dem Menschen zugute, sondern dem Profit in der Schweine-, Geflügel- und Rinderzucht. Deutlich mehr als die Hälfte der Antibiotika wird in der Nahrungsmittelproduktion, also der Tierzucht, eingesetzt, als Leistungsförderer und Wachstumsbeschleuniger.

Für Walzer ein untragbarer Zustand: „Wir müssen uns überlegen, ob wir unsere therapeutische Speerspitze gegen Infektionen wirklich dem Profit opfern wollen. Die Resistenzen machen unsere besten Arzneien wirkungslos, es sind sogar Antibiotika der vierten Generation, also sehr moderne Präparate betroffen.“

Kontrolle und Überwachung

Die Wissenschaft habe ihren Beitrag nun geleistet, die Politik sei am Zug, so Walzer. Alle Studien hätten gezeigt, dass wirklich Handlungsbedarf besteht. Nun gelte es, dass die Politik auch dementsprechend handelt. Der Einsatz von Antibiotika müsse – etwa nach dem Vorbild der Niederlande – auch in der Humanmedizin eingeschränkt und viel besser überwacht werden. Es bedürfe strenger Richtlinien, am besten global: Denn Wildtiere kennen keine Grenzen – und multiresistente Keime schon gar nicht.

Josef Peter Glanz, Ö1 Wissenschaft

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