Wie die Wissenschaft das Meskalin entdeckte

Meskalin ist die erste psychedelische Substanz, die systematisch erforscht wurde. Wie wurde aus dem mexikanischen Peyote-Kaktus eine chemische Reinsubstanz? Diese Frage beantwortet der Kulturwissenschaftler Ivo Gurschler in einem Gastbeitrag.

Meskalin gehört zur selben Klasse von Substanzen wie LSD, Psylocybin und das jüngst auf viel (mediales) Interesse gestoßene Ayahuasca. Vom Meskalin ist jedoch heute kaum mehr die Rede: Nachdem vor allem in Deutschland zwischen den Weltkriegen in vielen psychiatrischen Universitätskliniken damit experimentiert worden war, wurden diese Forschungen zwar nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen; bald schon aber wurde die Substanz durch das einfacher herzustellende und in geringeren Dosen wirksame LSD – 1943 von Albert Hofmann in der Schweiz entdeckt – in den Schatten gestellt. Der in den 1970ern ausgerufene „Krieg gegen Drogen“ tat sein Übriges zur Verdrängung von Meskalin.

Ivo Gurschler
Ivo Gurschler

Der Autor

Ivo Gurschler studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Philosophie in Wien sowie Cultural Studies in London. Er ist Doktorand an der Akademie der bildenden Künste und derzeit IFK_Junior Fellow.

Wie alle anderen „Psychedelika“ ist Meskalin in Deutschland und Österreich verboten. Allerdings ist der Peyote-Kaktus, den Botanikern Lophophara williamsii nennen und der Meskalin als natürlichen Wirkstoff enthält, legal erhältlich.

Konsumiert werden darf er aber nicht. Ihn zu sich nehmen, ohne Angst vor Strafverfolgung haben zu müssen, ist den Angehörigen der Native American Church vorbehalten, einer synkretistischen Religionsgemeinschaft nordamerikanischer Indianer mit über 200.000 Mitgliedern.

Dort gilt der Kaktus als heiliges Sakrament. In Amerika, bekanntlich der Heimat auch aller anderen Kakteen, wird der psychoaktive Kaktus seit mindestens 5.700 Jahren von verschiedenen Kulturen als Katalysator ihrer Kosmogonien verehrt.

Ein Kaktus als Katalysator

Wie kam es überhaupt zur Entdeckung von Meskalin bzw. zur Ausdifferenzierung von Kaktus und dessen psychoaktivem Hauptwirkstoff? Es war der Berliner Toxikologe Louis Lewin, der die in Europa bis dahin unbekannte Pflanze im Jahre 1887 von seiner Amerikareise mitbrachte und in ersten Tests „am Thier“ deren Giftigkeit experimentell unter Beweis gestellt hat.

Diese Entdeckung bildete den Auftakt einer interdisziplinären und internationalen Forschungsbewegung. Man versuchte den Kaktus mittels botanischer, chemischer sowie pharmakologischer Studien zu fassen und seine Wirkungen in psychologischer Hinsicht begreifbar zu machen. Der Kaktus fungierte auch dabei als eine Art Katalysator, der die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen über ihre eigenen Ränder hinausblicken ließ.

Peyote-Kaktus
Cactus Conservation Institute
Das Untersuchungsobjekt: Lophophara williamsii, besser bekannt als Peyote-Kaktus

Im Rückblick machen diese Versuche die Grenzen der (damaligen) Methodologien deutlich, die dem Potential des Kaktus nicht wirklich gerecht werden konnten. Erst in den 1960ern wurden schließlich erstmals therapeutische Möglichkeiten ersichtlich.

Erforschung des „Wahnsinns“

Ende des 19. Jahrhundert gelang es dem Leipziger Pharmakologen Arthur Heffter, indem er sich auf historische Quellen sowie ethnographischen Forschungen stütze, den Hauptwirkstoff des Kaktus zu isolieren. Vorbedingung dieser Erkenntnis war auch, dass Heffter die Wirkung des Kaktus und der aus ihm gewonnenen Stoffe systematisch im Selbstversuch getestet hatte. Dem identifizierten Hauptwirkstoff, C11H17NO3, gab er den Namen „Mezcalin“ (nicht zu verwechseln mit dem aus Agaven gewonnenen Meskal-Schnaps).

Infolgedessen geschah ersteinmal – nichts weiter. Die Forschungen wurden erst sieben Jahre später wieder aufgenommen und zwar durch einen gewissen Dr. Johannes Bresler, der die Wirkungen von Peyote-Kaktus-Extrakten an psychisch Kranken erprobte sowie einiger weiterer verstreuter Experimente, im Rahmen derer Ärzte die Wirkungen der Substanz an sich selbst erprobten. Erst nachdem der Wiener Chemiker Ernst Späth im Jahre 1919 das Meskalin zum ersten Mal vollsynthetisch herstellte – womit es möglich wurde, Meskalin ohne Kaktus-Rohstoffe zu produzieren –, kam es zu einem regelrechten Forschungsboom an Universtitätskliniken in Deutschland und darüberhinaus. In der Annahme mittels Meskalin transitorische Psychosen induzieren zu können, machten sich zahlreiche Psychiater an eine systematische Erforschung des „Wahnsinns“.

Psychedelische Renaissance

Damit verbunden war eine gewisse Engführung der „psychedelischen“ Wirkmächtigkeit des Kaktus, insofern dessen Einnahme, wie vor allem die 1970er-Jahre gezeigt haben, auch politische Implikationen hat.

Um aber besser zu verstehen, wie es den damaligen Forschern und Forscherinnen gelingen konnte, das „desokzidentierende“ Potential des Kaktus (bzw. des Meskalins) sozusagen erfolgreich unter Quarantäne zu stellen, d. h. zu verhindern, dass es auch außerhalb der Wissenschaft populär geworden ist, muss besonders diejenige Phase als es von den unterschiedlichsten Disziplinen entdeckt worden ist, in Betracht gezogen werden.

Eine nähere Aufarbeitung der „Genealogie des Meskalins“ (1887–1919) soll rekonstruieren, wie die Wissenschaften der vorigen Jahrhundertwende dem im Abendland damals noch völlig unbekannten Stoff begegnet sind – und möchte damit auch die aktuell sich abzeichnende „psychedelische Renaissance“ in einem anderen Licht erscheinen lassen.

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