Die Milchstraße verschwindet

Der Nachthimmel ist in vielen Weltregionen längst kein Sternenhimmel mehr. Schuld daran ist das viele künstliche Licht. Ein neuer Weltatlas der Lichtverschmutzung zeigt: Ein Drittel aller Menschen sieht niemals die Milchstraße, in Europa sind es sogar 60 Prozent.

In „Nightfall“ (dt.: „Einbruch der Nacht“ oder „Und Finsternis wird kommen“) beschreibt der Science-Fiction-Autor Isaac Asimov eine Welt, in der es niemals Nacht wird. Denn der Planet Lagash hat insgesamt sechs Sonnen.

Lichtverschmutzung über den Joshua Tree National Park
Dan Duriscoe

Die Erde hat zwar nur eine Sonne, aber auch sie könnte sich über kurz oder lang in eine nachtlose Welt verwandeln. In unserem Fall ist der Umstand allerdings hausgemacht. D.h., der Mensch selbst und die unzähligen von ihm geschaffenen Lichtquellen lassen den Nachthimmel immer heller werden.

Die Erfindung der künstlichen Beleuchtung hat das Leben einschneidend verändert. Nacht und Tag sind durch keine klare Grenze mehr getrennt, der Mensch kann heute alles zu jeder Zeit tun. Und das macht er auch. Die Konsequenz: Vielerorts wird es niemals richtig finster, die nächtliche Erde bleibt gewissermaßen verpackt in einem leuchtenden Nebel.

Helligkeit mit Folgen

Seit einigen Jahren machen Forscher auf diesen Umstand und seine weitreichenden Folgen aufmerksam. Nicht nur den Astronomen kommt der beobachtbare Nachthimmel abhanden, die fehlende Dunkelheit betrifft auch natürliche Ökosysteme, sie kann Tiere und Pflanzen verwirren, auch der menschliche Organismus kann darunter leiden.

Globus mit Lichtverschmutzung
The authors of the manuscript. Prepared by Fabio Falchi

Um zu sehen, wie weit die weltweite Lichtverschmutzung bereits fortgeschritten ist, hat ein internationales Team nun einen globalen Lichtatlas erstellt. Herangezogen wurde dafür erstmals auch Satellitendaten, zusätzlich zu Messungen aus 21.000 Orten und von Bürgerinnen und Bürgern.

Nachtlose Regionen

Die dabei entstanden Bilder zeigen, dass tatsächlich weite Teile der Welt des Nachts hell leuchten. 83 Prozent der Weltbevölkerung leben demnach unter einem lichtverschmutzten Nachthimmel, in Europa und in den USA sind es gar 99 Prozent. Ein Drittel aller heute lebenden Menschen sieht niemals die Milchstraße, in Europa können sie 60 Prozent nicht sehen, in den USA fast 80 Prozent.

In Westeuropa gibt es kaum noch Gegenden, in denen es tatsächlich Nacht wird: Am ehesten findet man sie in Schottland, Schweden und Norwegen sowie in Teilen Spaniens, in manchen alpinen Gebieten in Österreich kann man ebenfalls noch fündig werden.

Auch global betrachtet sind Regionen, wo man noch echte Nächte erleben kann, rar geworden. Am wenigsten betroffen ist die Bevölkerung in manchen afrikanischen Staaten und auf Madagaskar. Das Land mit der extremsten Lichtverschmutzung ist Singapur. Hier lebt die ganze Bevölkerung unter einem derartig hellen Nachthimmel, dass die Stäbchen in der menschlichen Netzhaut funktionslos geworden sind. Das an die Dämmerung angepasst Nachtsehen ist dort nicht mehr möglich. Ähnlich schlimm ist die Lage in Kuwait oder Saudi-Arabien.

Licht abschalten

Um die negativen Folgen einer permanent hellen Welt zu verhindern, sollte man laut den Forschern um Fabio Falchi vom Istituto di Scienza e Tecnologia dell’Inquinamento die Lichtmengen dringend reduzieren.

In ihrer soeben erschienenen Studie zum Atlas schlagen sie auch ein paar konkrete Maßnahmen vor: Lichtquellen sollten bestmöglich abgeschirmt sein, so dass nur die zu beleuchtende Stelle hell wird. Tätigkeiten sollten mit der minimalsten Lichtmenge durchgeführt werden. An unbenutzten Plätzen, Straßen oder in Räumen sollte man möglichst das Licht abschalten.

Und besonders jene Lichtquellen mit blauen Anteilen - wie etwa bei elektronischen Geräten häufig - sollte man einschränken, sie verwirren die innere Uhr.

Blick in den Nachthimmel

Für die Zukunft sehen die Autoren zwei Szenarios: Entweder schaffen es die Menschen, die Lichtmengen wieder zu drosseln oder aber die Welt wird immer heller und heller. Und irgendwann wird es so sein wie in Asimovs „Nightfall“: Es wird nie mehr Nacht.

Milchstraße über dem Dinosaur National Park
Dan Duriscoe

Den Bewohnern des Planeten Lagash wird die fehlende Sicht auf den nächtlichen Kosmos übrigens zum Verhängnis: Während einer Sonnenfinsternis müssen sie erkennen, wie groß das Universum im Vergleich zu ihrer bekannten Welt ist. Diese Erkenntnis stürzt die Zivilisation ins Chaos. Der Untergang geschieht im Lichtschein einer gobalen Feuersbrunst.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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