„Da ist plötzlich viel ‚Süden‘ in Europa“

Kürzlich hat die Weltbank bekannt gegeben, dass sie sich von der Einteilung in „entwickelte“ und „Entwicklungsländer“ verabschiedet. Für den Politologen Wolfram Schaffar ist diese Entscheidung nur folgerichtig. Denn die Bruchlinien zwischen Arm und Reich verlaufen heute nicht mehr entlang der Ländergrenzen.

Vielmehr sehe man heute viel „Süden“ im „Norden“ und umgekehrt, so Schaffar. Alternativkonzepte zum Modell der linearen Entwicklung gebe es - allerdings nicht den „großen Wurf“.

science.ORF.at: Die Weltbank verabschiedet sich vom Begriff des Entwicklungslandes - ist damit der Begriff der Entwicklung generell obsolet?

Wolfram Schaffar: Ich denke nicht. Der Begriff der Entwicklung ist ja seit Längerem von verschiedenen Seiten unter Beschuss, etwa von der Denklinie des Post-Development, die sagt: Die Ansage von US-Präsident Harry Truman 1947, dass unterentwickelte Regionen mit Hilfe der USA entwickelt werden müssen, ist nicht mehr als verkappter Kolonialismus. Es gibt aber auch konservative Kritik, dass man keine Entwicklungszusammenarbeit mehr brauche, sondern nur mehr Wirtschaftszusammenarbeit. Da sind sich also zwei Seiten sehr einig, die ansonsten wenig mit einander zu tun haben.

Der Politikwissenschaftler Wolfram Schaffar
Wolfram Schaffar

Der Asienwissenschaftler und Politologe Wolfram Schaffar hält eine Stiftungsprofessur für Entwicklungsforschung am Institut für Internationale Entwicklung und am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Seine Schwerpunkte: Demokratisierung, Soziale Bewegungen, Soziale Sicherheit und Globalisierung.

Und dann gibt es noch jene, die die Vorstellung einer linearen Entwicklung zwar ablehnen, nicht aber Engagement …

Ja, die so genannte Beyond-Development-Bewegung. Das sind vor allem humanitär und gleichzeitig politisch arbeitende Bewegungen. Sie sagen, dass es angesichts zunehmender humanitärer Krisen geradezu zynisch wäre, sich von jeder Art von Engagement zu verabschieden. Gleichzeitig sehen sie den Entwicklungsbegriff sehr kritisch, weil sie die implizite Zielgerichtetheit und Linearität ablehnen.

Wo würden Sie die Entscheidung der Weltbank einordnen?

Meiner Meinung nach reagiert die Weltbank darauf, dass wir zunehmend Armut haben, aber nicht zunehmend arme Länder. Insofern ist es nur folgerichtig, dass sie sich vom Begriff des Entwicklungslandes verabschiedet. Insgesamt bleibt sie aber weiter auf einem wirtschaftsbasierten, neoliberalen Weg.

Also eine stärkere Regionalisierung von Entwicklung?

Ja, denn die Grenzen zwischen Arm und Reich sind keine Grenzen zwischen Ländern oder Kontinenten, sondern es gibt Inseln von Armut im sogenannten Norden genauso wie im sogenannten Süden. Ich erinnere mich, als das Flüchtlingshilfswerk der UNO, das UNHCR, letztes Jahr festgestellt hat, dass es in den informellen Flüchtlingslagern in Griechenland wegen der unhaltbaren Zustände eigentlich einschreiten müsste, aber keine operativen Einheiten vor Ort hat, weil Europa bis dahin nicht als Krisenregion wahrgenommen wurde. Das ist plötzlich sehr viel „Süden“ in Europa.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Entwicklungsziele, wie sie von den Vereinten Nationen definiert werden, die weniger die Wirtschaft betreffen, sondern vielmehr Bereiche wie Gesundheit und Bildung?

Meiner Meinung nach sind die Millenium Development Goals bzw. die Sustainable Development Goals, wie sie letztes Jahr von der UNO definiert wurden, bereits Reaktionen auf die Krise des klassischen Entwicklungsbegriffs. Denn die Ziele geben bereits den Output vor, sie sagen ganz klar, was passieren muss, und verlassen sich nicht darauf, dass sich das Land XY durch den Einsatz von Technologien und steigender Bildung nachholend entwickeln wird. Trotzdem steht „development“ noch im Titel.

Dem kann man zugutehalten, dass manche der Ziele wirklich mutig sind, etwa die Ausrottung von Tuberkulose, HIV und Malaria in den nächsten 15 Jahren. Gleichzeitig findet man in anderen Zielen aber den Geist von „mehr Welthandel“, „mehr Investitionen“, „mehr Wirtschaftskooperationen“. Es ist die Re-Legitimierung des Entwicklungsbegriffs.

Sie haben zu Beginn gesagt, dass Sie den Begriff „Entwicklung“ nicht für obsolet halten. In welchem Sinn sollte man ihn denn dann anwenden?

Indem man Entwicklung als Überschrift eines vorgezeichneten Weg ablehnt. In den vergangenen 15 Jahren haben sich vor allem in Lateinamerika indigene Bewegungen formiert, die für eine Suche nach etwas komplett Anderem stehen. Es geht nicht um ein bisschen mehr menschliche Sicherheit, ein bisschen mehr Bildung oder ein bisschen mehr andere Beimischungen zu diesem Entwicklungskonzept. Sondern es geht darum, ganz zurückzutreten, Abstand zu nehmen und zu schauen, wie wir unser Gemeinwesen reorganisieren können - nicht aus Langeweile, sondern weil wir in einem Zustand der akuten Krise sind und eine Suche nach fundamentalen Alternativen das Gebot der Stunde ist.

Gibt es denn schon konkrete Ansätze zu solchen Alternativen?

Wir sehen Suchbewegungen in verschiedenen Teilen der Welt. „Buen Vivir“ in Lateinamerika etwa, das eine Zufriedenheit aller Mitglieder einer Gesellschaft zum Ziel hat, jedoch ohne auf Kosten anderer Menschen oder der natürlichen Grundlagen zu leben. In Ecuador und Bolivien wurde versucht, das umzusetzen, in beiden Ländern ist es als Ziel sogar in die Verfassung gekommen. Dann gibt es natürlich auch das Konzept des „Bruttonationalglücks“, wie es Bhutan verfolgt. Und auch in Thailand, Teilen Afrikas und in Europa - Stichwort „Degrowth-Bewegung“ - gibt es Ansätze.

Das klingt nach vielen kleinen Ansätzen, aber nicht nach dem großen alternativen Wurf.

Das stimmt. Solche Bewegungen gibt es an vielen Orten der Welt, aber sie laufen nirgendwo zu einer großen Erzählung zusammen. Die letzte große Erzählung des Sozialismus bzw. Kommunismus wird dadurch noch nicht ersetzt. Man konnte auch beobachten, dass alternative Ansätze, wenn sie sich mit politischen Projekten mischen, immer wieder autoritäre Züge annehmen. Das sieht man besonders stark in Asien - etwa in Thailand, wo eine Militärdiktatur der Suffizienzwirtschaft das Wort redet. Die Basis von Alternativen sollte aber immer ein demokratischer Übergang sein.

Sie arbeiten für das Institut für Internationale Entwicklung - in welchem Sinn verstehen Sie Entwicklung in ihrer täglichen Arbeit?

Dass wir mit Menschen, die direkt von den vielfachen Krisen betroffen sind, mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Regionen, Probleme und Fragen bearbeiten. Weil wir einen Handlungsbedarf sehen, benutzen wir hier noch das Wort „Entwicklung“.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

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