Wettlauf mit Raubgräbern

In den Steilwänden der Schluchten am Westufer des Toten Meers wollen israelische Archäologen Raubgräbern zuvorzukommen. Diese entziehen ihre Beute der Öffentlichkeit und zerstören die jahrtausendealten Siedlungsspuren. Manchmal, wie in der „Höhle der Schädel“, können die Altertumsforscher nur noch das Übriggelassene sichern.

Schwerpunkt der Notgrabungen ist derzeit das Nachal Ze’elim, auf Arabisch Wadi Seijal genannt. Ende 2014 wurden sechs Beduinen aus dem benachbarten Westjordanland ertappt, wie sie einen Kamm aus der Römerzeit und eine 8.000 Jahre alte Pfeilspitze aus der dort gelegenen Schädelgrotte holten, um sie auf dem Schwarzmarkt anzubieten.

Freiwilliger archäologischer Helfer am Toten Meer
AFP PHOTO / MENAHEM KAHANA

Deshalb wurde diese weitläufige Kalksteinhöhle in den vergangenen drei Wochen systematisch durchsiebt. Unter der Anleitung einer kleinen Gruppe von Archäologen arbeiteten mehrere hundert Freiwillige, die zumeist über Facebook rekrutiert wurden. Schwindelfrei mussten sie sein, denn von der Kante der Klippe geht es an Seilen gesichert zunächst 80 Meter abwärts zum Höhleneingang. Dieser liegt weitere 250 Meter über der Schluchtsohle.

„Besser als Büroarbeit“

Einige kriechen bis in die letzten Winkel, um den losen Bodenbelag in mit genauer Ortsangabe beschriftete Eimer zu schaufeln. Andere sieben im Höhleneingang mit weitem Blick bis zum Toten Meer das Material durch und finden Kieferknochen, antike Stricke, geschnitzte Holzstücke und einen möglicherweise bedeutsamen Papyrusfetzen.

„Das ist besser als Büroarbeit“, grinst der 39-jährige Elektroingenieur Guy Raveh, der sich für diesen Einsatz ein paar Tage freigenommen hat. Wie alle anderen Helfer trägt er einen Mundschutz und ist binnen Kurzem von einer Staubschicht überzogen. Schon 1960 hatten zwei Expeditionen in den Höhlen dieses Canyons zahlreiche Funde geborgen, die teils aus der Kupfersteinzeit, insbesondere aber aus dem Bar-Kochba-Aufstand stammten, der letzten vergeblichen Revolte der Juden gegen die römische Besatzung im zweiten Jahrhundert.

Freiwillige archäologische Helfer am Toten Meer
AFP PHOTO / MENAHEM KAHANA

Wegen der Nähe zur Bergfestung Masada, der Hochburg der Aufständischen, waren diese Höhlen Fluchtstätten der biblischen Juden, bevor sie ins Exil vertrieben wurden. Und rund 50 Kilometer weiter nördlich, im besetzten Palästinensergebiet, liegen die Höhlen von Kumran, wo in den 50er Jahren die biblischen Schriftrollen vom Toten Meer gefunden wurden - ebenfalls von Beduinen, die die unwirtlichen Schluchten durchstreiften.

Althebräisches Papyrusblatt

Vor allem die Sorge, es könnten während der Revolte auch im Nachal Ze’elim die ältesten schriftlichen Zeugnisse der jüdischen Kultur versteckt worden sein, veranlasste die israelische Altertumsbehörde, einen nationalen Notgrabungsplan zu entwerfen, der jetzt in der Schädelgrotte startete. Hai Aschkenasi, frischgebackener Doktor der Archäologie aus Tel Aviv, hält einen geschnitzten Stock hoch, der gerade gefunden wurde und vermutlich aus der Kupfersteinzeit stammt. „Mich fasziniert es, etwas in der Hand zu halten, das die Leute vor rund 6.000 Jahren benutzt haben.“

Der wichtigste Fund in diesen drei Wochen war aber das Stück Papyrus, erklärt Amir Ganor, einer der Ausgrabungsleiter und Chef der Antidiebstahlseinheit der Altertumsbehörde. Denn 2009 hatten als Käufer getarnte Ermittler auf dem Schwarzmarkt ein Papyrusblatt sichergestellt, das für zwei Millionen Dollar angeboten wurde. Es enthält einen auf Althebräisch verfassten Vertrag aus der Bar-Kochba-Periode. Im Verhör sagten die Anbieter aus, das Schriftstück stamme aus einer Höhle in der Ze’elim-Schlucht. Nun werden die Forscher untersuchen, ob das neue Fundstück dazu passt.

Und auch wenn die erhofften Thora-Rollen in der nun ausgeräumten Schädelgrotte nicht entdeckt wurden, freuen sich die Wissenschaftler über die vielen anderen Entdeckungen und Erkenntnisse. Und die nächsten Grabungskampagnen in anderen Höhlen der Schlucht und in benachbarten Canyons werden bereits geplant.

Mike Smith, AFP

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