Mit dem Bohrer in die Steinzeit

Eine schwimmende Plattform mitten im See - Bohrer, die in 120 Meter Tiefe ins Klimaarchiv der Sedimente am Seegrund stoßen: Ein ehrgeiziges Forschungsprojekt in Hallstatt soll helfen, die letzten Lücken im Wissen um die Geschichte des ältesten Salzbergwerks der Welt zu schließen.

Von einer schwimmenden Plattform mitten im See in die Tiefen der Geschichte Hallstatts: Angetrieben von einem Dieselaggregat und unterstützt von GPS und Echolot bahnt sich der Bohrer seinen Weg in Richtung Seegrund. Dort angekommen gilt es - immer aus demselben Loch - einen jeweils zwei Meter langen Bohrkern zu entnehmen, insgesamt zwanzig Meter tief.

Sendungshinweise

Über dieses Thema berichten auch das Mittagsjournal, 20.6., 12.00 Uhr, Wissen aktuell, 13.55 Uhr, und die ZIB1, 19.30 Uhr.

Ein schwieriges Unterfangen, denn die Bohrkerne müssen auch heil an Bord der schwimmenden Forschungsplattform gebracht werden – und je tiefer gebohrt wird, umso mehr Kraft und Zeit sind notwendig. Die Plattform wurde von einer österreichischen Firma entwickelt, das Forschungsteam ist interdisziplinär. Naturhistorisches Museum (NHM) Wien, Uni Innsbruck und das Deutsche GeoForschungsZentrum Potsdam realisieren das Projekt.

Archive unter Wasser

Der Hallstätter See liegt inmitten schroff abfallender Berge – und das Gefälle setzt sich bis in eine Tiefe von 120 Metern fort. Dort unten am Seegrund sammelt sich seit dem Ende der letzten Eiszeit alles, was Flüsse, Unwetter, Bergbau und Viehzucht in den See geschwemmt haben.

Blick auf Hallstatt und den Hallstätter See
Josef P. Glanz
Wann begann der Salzabbau in Hallstatt?

Diese Seesedimente liefern wichtige Informationen über Temperaturentwicklung, Niederschlagsmengen, Hochwasserereignisse, über die Pflanzenwelt rund um den See sowie Bergstürze und Murenabgänge: ein wertvolles Archiv, das nur etwas schwierig zu erreichen ist. Pflanzenreste, Blütenstaub, Insekten, Mikroorganismen und Gesteinsmaterial werden über Luft und Wasser in den See eingetragen. Diese lagern sich Jahr für Jahr in Schichten am Seegrund ab – ein jahrtausendealtes Klimaarchiv von unschätzbarem Wert.

Ausschnitt aus dem Bohrkern
Dräger GFZ
Ausschnitt aus dem Bohrkern

Offene Fragen – Antworten auf dem Grund

„Es gibt noch viele offene Fragen, was die Geschichte des Salzbergbaus in Hallstatt anbelangt. Wann er in der Steinzeit begonnen hat zum Beispiel oder wie es nach den Römern um 400 nach Christus weitergegangen ist, wissen wir nicht genau“, sagt Hans Reschreiter, Leiter der Erforschung des prähistorischen Salzbergbaus am Naturhistorischen Museum. „Da erhoffen wir uns Antworten aus den Analysen der Bohrkerne aus der Tiefe.“

Auch Kerstin Kowarik , die auf umweltarchäologische Fragstellung am NHM spezialisiert ist, setzt auf die Seekernbohrung und die Kooperation verschiedener wissenschaftlicher Fachrichtungen. Sie weiß, dass gewisse Fragen von der Archäologie allein nicht beantwortet werden können.

„Wie haben die Menschen in ihre Umwelt eingegriffen, wie viel Wald haben sie gerodet, wie haben sie ihre Ernährungsgrundlage gesichert? Haben sie Ackerbau betrieben, Viehwirtschaft – oder haben sie sich komplett auf den Salzabbau konzentriert und sind die gesamten Lebensmittel aus dem Voralpenraum nach Hallstatt geliefert worden?“

Von Pollen und Unwettern

Die Seesedimente erfahren eine Vielfalt von Untersuchungen. Sedimentologie, Mineralogie und Geochemie widmen sich der Analyse mit geowissenschaftlichen Methoden. Fraglich ist etwa, wie die Sedimente abgelagert wurden, über Hochwasser durch die Bäche, durch Rutschungen oder Windfracht.

Der Geologe Stefan Lauterbach widmet sich der Rekonstruktion von Hochwasserereignissen in den letzten 5.000 Jahren. „Jedes Jahr – wie bei Baumringen – lagert sich Sediment im See ab. Bei extremen Hochwasserereignissen wird viel Material über die Traun eingeschwemmt, und diese ganz charakteristischen Lagen identifizieren wir im Sediment und können so eine Hochwasserrekonstruktion erstellen.“

Bohrplattform auf dem hallstätter See
Hans Reschreiter, NHM
Die Forscher bei der Arbeit

In den biowissenschaftlichen Untersuchungen stehen die Pollen, der in die Sedimente eingelagerte Blütenstaub, im Mittelpunkt. Die Ergebnisse zeigen, wie sich die Vegetation über die letzten Jahrtausende entwickelt hat, wie der Mensch in die Umwelt eingegriffen hat und welche klimatischen Bedingungen geherrscht haben, Biologie und Zoologie widmen sich Spuren von Pflanzen und Insekten.

An zwei Stellen mitten im See sollen insgesamt jeweils zwei mal 20 Meter lange Sedimentkerne entnommen werden. Mit ersten Ergebnissen der Analysen und Untersuchungen wird frühestens in einem Jahr gerechnet. Das Projekt soll helfen, die Geschichte Hallstatts und des Salzabbaus in dieser Region lückenlos nachvollziehen zu können. Dann wird man wissen, unter welchen Bedingungen die Bewohner Hallstatts vor 5.000 Jahren gelebt haben.

Josef P. Glanz, Ö1-Wissenschaft

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