Vor Höhepunkt der Gletscherschmelze

Die für die heimischen Gletscher wichtige Zeit hat begonnen. Es wird hauptsächlich auf das Sommerwetter im Juli und August ankommen, ob und wie stark sie heuer schmelzen werden, berichten Heinz Slupetzky und Andrea Fischer in ihrem traditionellen Tagebuch.

Von mehr oder weniger ausgeglichenen bis zu stark negativen Massenbilanzen ist noch alles möglich.

Porträt von Heinz Slupetzky und Andrea Fischer
Slupetzky/Fischer

Biografien und Links der Autoren

Heinz Slupetzky ist Professor i. R. am Fachbereich Geografie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte.

Andrea Fischer ist Gletscherforscherin am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck. Ihr Hauptforschungsgebiet sind Gebirgsgletscher und deren Änderung im Klimawandel.

Für science.ORF.at führen Heinz Slupetzky und Andrea Fischer seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

Die Ausgangssituation am Gletscher im Juni

„Die Hitze Ende des Monats machte den Juni 2016 zu einem der wärmsten der Messgeschichte“, schrieb die ZAMG vor Kurzem. Im Westen Österreichs war es sogar der nasseste Juni seit Messbeginn. Es gab im Gebirge aber nur zweimal Schneefälle. Besonders die Schafskälte, bei der es meist größere Neuschneemengen gibt, die das Abschmelzen eine Woche hinausschieben, trat heuer sehr abgeschwächt auf.

Der warme Juni hat daher auch am Stubacher Sonnblickkees die Schneereserven des Winters angegriffen, sodass die Schneehöhen derzeit unterdurchschnittlich sind. Am Messpunkt in 2.500 Metern Seehöhe lagen am 1. Juli 1,65 Meter Altschnee, das sind 0,35 weniger als im langjährigen Mittel von zwei Metern.

Stubacher Sonnblickkees aufgenommen am 1. Juli 2016
G. Aigner, Kitzbühel
Stubacher Sonnblickkees, aufgenommen am 1. Juli 2016

Das scheint nicht viel zu sein, aber in den 1960er und 1970er Jahren war es deutlich mehr: So gab es z.B. am 1. Juli 1965 eine Rekordmenge von 4,80 Meter, 1975 lagen 4,5 Meter und 1980 4,3 Meter Altschnee. Der niedrigste Wert, der in den vergangenen 40 Jahren gemessen wurde, stammt von 2011 mit nur fünf Zentimeter Altschnee.

Aufbauend auf die Erfahrung vom Stubacher Sonnblickkees ist es interessant, die Frage zu stellen, ob man aus der Schneebedeckung zu Sommerbeginn eine „Vorhersage“ über die Massenbilanz des Gletschers am Ende machen kann.

Die Situation am Stubacher Sonnblickkees

Die Bildserie von der Webcam2 des Berghotels Rudolfshütte unten zeigt den Stand der Ausaperung in der Umgebung des Gletschers bzw. vom Gletscher zum gleichen Zeitpunkt – zumeist am 18. Juni – in den Jahren 2012 bis 2016 und gleichzeitig das Vorzeichen der Jahres-Nettomassenbilanz am Ende des Sommers.

Wie waren die Massenbilanzen 2012 bis 2015 zum Jahresende im Vergleich zur jeweiligen Ausgangssituation im Juni?

Fotoserie  Webcam  Berghotel Rudolfshütte 2012 - 2016
Bildquelle: Berghotel Rudolfshütte; Grafik: A. Fischer
Fotoserie Webcam Berghotel Rudolfshütte 2012 - 2016

In den Jahren 2012 und 2013 war die Schneeverteilung zu Sommerbeginn ähnlich, die Bilanz war aber schließlich einmal stark negativ, das andere Mal ausgeglichen. 2014 war die Ausaperung weiter fortgeschritten, das Haushaltsjahr endete aber mit einer positiven Bilanz.

Heuer war die Schneefleckenlandschaft fast ident mit der am 13.6. 2014, damals hatte das Stubacher Sonnblickkees am Ende des Haushaltsjahres eine leicht positive Bilanz. Die aktuelle Situation am 1. Juli lässt erkennen, dass dieses Jahr die Ausaperung gegenüber dem Vorjahr um etwa zwei Wochen zurückliegt.

Nützt eine lange Messreihe für eine Prognose?

Die Erfahrung zeigt: Auch aus der sehr langen Gletschermessreihe ist es nicht möglich, von der Ausaperung im Juni einigermaßen auf die endgültige Massenbilanz zu schließen: Sie kann alles von positiv bis stark negativ werden. Die große Variationsbreite möglicher Witterung in mittleren Breiten bedingt die starken Schwankungen der jährlichen Massenbilanzen. Die Fachleute wissen es schon lang: Der Witterungsverlauf im Juli und August ist entscheidend.

Nur bei extremen Ausgangsbedingungen wie 1965 und 2011 mit einer extrem hohen bzw. niedrigen Schneedecke (Winterbilanz) kann die Treffsicherheit einer Prognose für eine stark positive bzw. stark negative Bilanz hoch sein. 1965 endete das Haushaltsjahr mit einem Massenzuwachs von + 3,5 Mio. Kubikmeter und 2011 mit einem Verlust von – 2,3 Mio. Kubikmeter.

Ein anderes Beispiel: Der Jamtalferner

Auch am Jamtalferner zeigt sich, dass die Glaziologen und Glaziologinnen keine seriöse Vorschau machen können. An diesem Gletscher wird die Winterbilanz bestimmt und nicht nur die Netto-Massenbilanz am Ende des Haushaltsjahres. In Jahren, in denen Anfang Mai wenig Schnee lag, wurden am Jamtalferner Ende September ganz unterschiedliche Massenbilanzen gemessen.

Winterbilanzen und Jahresbilanzen des Jamtalferners
Andrea Fischer
Winterbilanzen und Jahresbilanzen des Jamtalferners (Silvretta). (mm Wasserwert bedeutet Schnee und Eis in geschmolzenem Zustand. Umgerechnet in Eisvolumen wären es um rund zehn Prozent mehr).

Die bisher größten Massenverluste traten nach eher durchschnittlichen Wintern auf (2003 und 2015). Die bisher schneeärmsten Jahre 1991 und 1996 endeten mit moderaten bis großen Massenverlusten. Die Jahresbilanz 2016 wird auf der grauen Linie liegen – wird mehr oder weniger Eis schmelzen als 1991?

Die Bilanzen streuen sehr stark und es besteht keine Korrelation zwischen der Winterbilanz und der Jahresbilanz. Das liegt daran, dass die Schmelzraten während des Sommers stark von den Launen des Wetters abhängen und daher sehr variabel sind.

Neuschnee würde den Gletschern helfen

Wird die Abschmelzung durch Sommerschneefälle unterbrochen, ist ein im Mittel heißer Sommer durch die Neuschneebedeckung weniger wirksam. Als Schnee wirkt sich der Niederschlag positiv auf die Massenbilanz aus. Regnet es bis hoch hinauf – über 3.000 Meter, wie jüngst am 2. Juli – so beschleunigt der warme Niederschlag das Schmelzen der Altschneedecke.

Derzeit finden sommerliche Starkniederschläge in der Höhenzone der Gletscher oft knapp um den Gefrierpunkt statt. Temperaturänderungen von wenigen Graden können große Auswirkungen haben, indem die Neuschneegrenze hoch oder tief – bis zu den Gletscherzungen hinab – liegt. Auch die Niederschlagsintensitäten selbst und die Schichtung der Luftmassen beeinflussen die Schneefallgrenze.

Kommen heuer keine längeren Hitzephasen, und gibt es einige sommerliche Schneefälle von Juli bis September, könnte die Bilanz noch positiv werden. Im gegenteiligen Fall ist eine mehr oder weniger stark negative Bilanz zu erwarten. Ein frühes Ende der Eisablation durch ergiebige Schneefälle schon Anfang September würde sich zusätzlich „positiv“ auswirken. Eine über mehrere Wochen der Einstrahlung ausgesetzte apere, dunkle Gletscheroberfläche kann die Bilanz noch mehr ins Negative rücken.

Wüstenstaub

Im ersten Eintrag des Gletschertagebuchs 2016 stand: „… der Wüstenstaub von Ende März/Anfang April …. befindet er sich einmal an der Oberfläche, beschleunigt der Schmutz die Abschmelzung…“

Diesbezüglich stand aber damals schon fest: Die ockergraue Schicht wird sich negativ auswirken und die Ablation verstärken. Schon jetzt ist diese Schmutzschicht am Stubacher Sonnblickkees fast überall an der Oberfläche und beschleunigt die Schneeschmelze.

Wüstenstaub am Stubacher Sonnblickkees von Anfang April - aufgenommen am 1. Juli 2106
G. Aigner, Kitzbühel
Wüstenstaub am Stubacher Sonnblickkees von Anfang April - aufgenommen am 1. Juli 2016

Wie könnte es weitergehen?

Ende Juni, Anfang Juli ist nicht wirklich abschätzbar, wie das heurige Gletscherjahr ausgehen wird. Geht man nach dem Siebenschläfertag am 27. Juni bzw. nach der Witterung rund um dieses Datum, könnte es unbeständig, aber warm bleiben. Durch die Summenwirkung sind langandauernde Wärmeperioden im Vergleich zu mehreren Tagen großer Hitze gleich ungünstig oder noch ungünstiger für die Gletscher!

Es bleibt spannend, wie sich der Sommer entwickeln wird und wie es den Gletschern am Ende ergangen sein wird.

Die Autoren bedanken sich, wie in den früheren Tagebüchern zitiert, bei allen, die zu diesem zweiten Beitrag des Gletschertagebuchs 2016 beigetragen haben. Im Besonderen beim Hydrographischen Landesdienst Salzburg, DI Hans Wiesenegger und dem Hydrographischen Landesdienst Tirol.

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