Machtverschiebung in EU-Forschung

Nach dem Votum der Briten für einen EU-Austritt steht die europäische Forschungspolitik vor einer Neuausrichtung. Helga Nowotny, die ehemalige Präsidentin des Europäischen Forschungsrats (ERC), sieht Anzeichen einer Machtverschiebung - in Richtung Deutschland.

science.ORF.at: „Europa als Forschungsstandort ist ohne Großbritannien nicht denkbar.“ Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Helga Nowotny: Denkbar ist es schon, aber Europa würde sehr an Attraktivität verlieren - nicht nur nach außen, sondern auch innerhalb Europas. Man muss sich nur die Zahlen anschauen, wie viele ERC-Grantees in Großbritannien keine britischen Staatsbürger sind. Das würde langfristig wegfallen oder zumindest infrage gestellt.

Zur Person

Die Soziologin und Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny war 2001 bis 2006 Vorsitzende des European Research Advisory Boards, das die Europäische Kommission in forschungspolitischen Fragen berät. 2007 hat sie den Europäischen Forschungsrat (ERC) mitgegründet und war 2010 bis 2013 dessen Präsidentin.

Auch in Österreich ist Nowotny in der Politikberatung aktiv, derzeit als Mitglied des Rats für Forschung und Technologieentwicklung und Vorsitzende des ERA Council Forum Austria.

Was heißt das für die europäische Forschungspolitik?

Was diskutiert wird, ist ein Assoziationsabkommen, wie es auch mit Ländern wie der Schweiz, Israel und Norwegen besteht. Allerdings wird jedes Abkommen gesondert ausverhandelt. Das Land zahlt einen bestimmten Beitrag ein und ist damit berechtigt, am Großteil der Programme wie ein EU-Mitglied teilzunehmen. Für Großbritannien müsste ein solches Abkommen erst geschlossen werden.

Ist die Schweiz ein Vorbild?

Das muss man differenziert sehen. Mit der Schweiz hat das Abkommen gut funktioniert bis zum Referendum gegen die Personenfreizügigkeit 2014. Danach musste die Teilnahme am EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 neu verhandelt werden, bis heute gibt es kein Ergebnis. Die Konsequenz: Die entfallenen Förderungen wurden von der Schweiz übernommen. Bei Großbritannien kann ich mir das angesichts der Größenordnung und des Volumens nicht vorstellen.

Die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny
science.ORF.at / Elke Ziegler
Die Wissenschaftsforscherin und Politikberaterin Helga Nowotny

Über diesen notwendigen nächsten Schritt hinaus: Was sind die anstehenden großen Themen in der europäischen Forschungspolitik?

2017 beginnen die Vorbereitungen für die Zeit nach 2020, wenn Horizon 2020 ausläuft. Ich nehme an, dass die drei großen Säulen mit der Exzellenzförderung, der Forschung zu gesellschaftlichen Herausforderungen und der industrienahen Forschung erhalten bleiben, aber an neuen Akzenten etwa zum Stichwort Innovation gearbeitet werden wird.

Big Player

In der Wissenschaft ist Großbritannien einer der ganz großen Player in Europa. Vom letzten abgeschlossenen Forschungsrahmenprogramm (FP 7) hat das Land sieben Milliarden Euro, noch mehr hat nur Deutschland profitiert.

Im derzeit laufenden Horizon-2020-Programm nimmt Großbritannien an mehr als einem Drittel aller bisher genehmigten Projekte teil.

Ö1-Sendungshinweis

Über Nowotnys Einschätzung des „Brexit“ berichtete auch das Mittagsjournal, 6.7.2016.

Dann ohne Einfluss Großbritanniens, das in der Forschungspolitik viel mitzureden hatte?

Dieser Einfluss, der ohne Zweifel vorhanden war, wird sehr stark und sehr rasch zurückgehen. Die nächsten zwei Jahre wird man so tun, als hätte sich nichts geändert, weil man auch formal nichts ändern kann und will. Aber es werden sich viele überlegen, ob sie für ein Beratungsgremium noch Teilnehmer oder eine Vorsitzende aus Großbritannien nominieren. Auf dieser eher informellen Ebene wird auch in den nächsten zwei Jahren schon viel passieren.

Großbritannien hatte nicht nur in forschungspolitischen Gremien eine starke Stimme, es war auch einer der Hauptprofiteure des Europäischen Forschungsrats ERC. Was bedeutet der „Brexit“ für den ERC?

Es fällt ein starker Mitbewerber aus, wodurch die Qualität des Wettbewerbs leidet. Man könnte sagen, dann bleibt mehr für die anderen. Aber ich kann mir vorstellen, dass die EU-Kommission das ERC-Budget generell kürzen wird mit dem Argument, dass Großbritannien nicht mehr dabei ist.

Der ERC hat immer betont, dass er seine Förderungen strikt nach Qualitätskriterien vergibt und die geografische Verteilung keine Rolle spielt. Das hat unter anderem dazu geführt, dass die Universität Cambridge mehr Grants bekommen hat als 13 Mitgliedsstaaten gemeinsam. Ist man im Nachhinein klüger?

Auf Exzellenz zu setzen, war richtig. Anhand der zuletzt der EU beigetretenen Staaten kann man sehen: Wenn Staaten weniger als ein Prozent des Bruttosozialproduktes in Forschung investieren, kann keine breite Basis entstehen, um bei einem Exzellenzwettbewerb mitzuhalten. Es gibt Menschen aus Rumänien, Bulgarien und anderen „neuen“ Mitgliedsländern, die ERC-Grants erhalten haben. Aber sie forschen nicht zu Hause, sondern in Großbritannien, Frankreich oder Deutschland. Insofern ist die geografische Verteilung ein starkes Signal an diese Staaten, ihre Hausaufgaben in Sachen Forschungsförderung zu machen. Diese Botschaft ist offensichtlich noch immer nicht angekommen.

Wagen Sie einen Ausblick, wie sich die europäische Wissenschaftsunion durch den Austritt Großbritanniens verändern wird?

Ich glaube, dass sich das wissenschaftliche Schwerpunktgebiet nach Deutschland verlagern wird. Dort sind schon jetzt Überlegungen im Gange, wie die Situation in Großbritannien genutzt werden kann, um sich attraktiver aufzustellen. Ich denke, dass da eine Verlagerung stattfinden wird.

Sollte sich Österreich in diesem Prozess stärker positionieren?

Grundsätzlich ja, aber das würde auch bedeuten, dass man mehr Geld in die Hand nimmt. In Deutschland sehe ich im Vergleich zu Österreich die Bereitschaft und den Willen, im Rahmen der neuen Exzellenzstrategie der Wissenschaft zusätzliche Mittel zur Verfügung zu stellen. In Österreich ist die Grundlagenforschung unterfinanziert. Der FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, Anm.) und - gekoppelt mit einer Strukturreform - die Universitäten sollten mehr Geld bekommen. Will man sich in Europa positionieren, muss das auch im Budget berücksichtig werden.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

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