Kultur formte die Völker im Mittelalter

Nicht Gene formten die Völker im Mittelalter, sondern die Kultur. Das sieht der Historiker Walter Pohl als Hauptergebnis eines Projekts, in dem untersucht wurde, wie sich damals die ethnisch-politische Landkarte Europas gebildet hatte.

Pohl, Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Professor am Institut für Geschichte der Uni Wien, hat 2010 einen hochdotierten „Advanced Grant“ des Europäischen Forschungsrats (ERC) erhalten, um zu untersuchen, wie nach dem Untergang Roms bis zum Ende der Völkerwanderung neue ethnische und politische Gemeinschaften entstanden sind.

Fünf Jahre lang hat ein internationales Team in dem Projekt „SCIRE - Social Cohesion, Identity and Religion in Europe“ geforscht, Textanalysen erstellt und auch genetische Untersuchungen durchgeführt.

Kaum genetische Unterschiede

Unter anderem wollten die Wissenschaftler wissen, „wie sich die Wanderung der Langobarden nach Italien im Jahr 568 genetisch und kulturell ausgewirkt hat“, so Pohl in einer Aussendung der ÖAW.

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Am Beispiel dieses Stamms konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass die Völker Europas vor 1.500 Jahren auf genetischer Ebene wenig trennte. Mehrere hundert Genproben aus mitteleuropäischen und italienischen Gräberfeldern aus dem sechsten Jahrhundert zeigten, dass sich die verschiedenen Volksgruppen genetisch kaum unterschieden, aber auch in sich nicht homogen waren.

„Ein Volk war keine biologische Einheit und kann auch nicht genetisch nachgewiesen werden“, sagte Pohl. Ethnische und politische Identitäten des Frühmittelalters seien vielmehr historisch entstanden und beruhten vor allem auf kulturellen Gemeinsamkeiten.

Abschrift der Paulus-Briefe mit einer Miniatur des predigenden Apostels Paulus
St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 64: Bibel (Ep. Pauli)
Ausschnitt aus einer Abschrift der Paulus-Briefe mit einer Miniatur des predigenden Apostels Paulus

Rom blieb Vorbild – auch nach dem Untergang

Das zeigten die Forscher auch am Beispiel der Römer: Mit dem Untergang des Weströmischen Reiches um 500 zerfiel eine über Jahrhunderte andauernde europäische Ordnung. Der soziale Zusammenhalt der Römer habe sich aber vielerorts zumindest kleinräumig erhalten.

Sie waren zwar keine privilegierten Repräsentanten des Imperiums mehr, sondern wurden eine unterworfene Bevölkerung mit geringem Ansehen und schlechtem Rechtsstatus. Die römische Vergangenheit, die römische Kultur, aber auch das christliche Rom behielten aber höchstes Prestige. Auf diese Weise sei Rom Vorbild geblieben, während die Identität als „Römer“ oder „Römerin“ allmählich verschwand.

An ihre Stelle seien neue Identitäten getreten, etwa als Franken, Angeln oder Bayern. Eine entscheidende Rolle bei dieser Identitätsbildung spielte die sich in Europa durchsetzende christliche Kultur, die „ethnische Identitäten legitimieren konnte“, so Pohl. Denn viele Völker hätten sich seit dem Frühmittelalter nach dem Vorbild der Juden im Alten Testament als „auserwähltes Volk“ betrachtet. Nach dem Bibelsatz „Gehet hin und lehret alle Völker“ sahen sie sich auch als Gegenstand der Heilsgeschichte.

Begriffe im Wandel

Die Analyse der Literatur des 4. bis 9. Jahrhunderts zeigte, dass sich dieser Wandel auch in der Verwendung von ethnischen Begriffen widerspiegelt. So diente der lateinische Begriff „gentes“ nicht nur als Selbstbezeichnung der christlichen Völker, sondern auch als abwertende Fremdbezeichnung für die „Heiden“, weil diese nach Ansicht der Christen ja noch ihre Bekehrung erwarteten. Auch ein anderer Begriff startete im Mittelalter seine Karriere: „natio“ bedeutete ursprünglich „Abstammung“ und entwickelte sich zum Begriff für die moderne Nation.

Solche und zahlreiche weitere Begriffsanalysen sowie eine umfangreiche Quellensammlung haben die Wissenschaftler im Rahmen des Projekts in einer Online-Datenbank gesammelt, die nun für Öffentlichkeit und andere Forscher zugänglich ist. Darin kann nach Inhalt, Ort und Jahrhundert gesucht werden. Die wichtigsten Ergebnisse des Projekts wurden zudem in einer Broschüre zusammengefasst.

Ausgehend von diesem Projekt untersucht Pohl nun die „Transformation der karolingischen Welt“. Hintergrund ist die Tatsache, dass sich die Vielfalt an Staaten, die sich nach dem Zerfall des Karolingerreiches im 9. Jahrhundert herausbildete, im Laufe der Geschichte als sehr stabil erwiesen hat.

„In Europa konnte nach Rom kein Imperium mehr eine dauerhafte Hegemonie erringen. Damit unterscheidet sich Europa von anderen Weltregionen, zum Beispiel Asien. Es ist noch kaum versucht worden, Erklärungen für die beständige Multipolarität Europas zu finden“, so Pohl.

science.ORF.at/APA

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