Wie man in der Antarktis Häuser baut

Von allen Lebensräumen auf der Erde ist die Antarktis wohl der extremste: Wie kann man an einem so unwirtlichen Ort einen halbwegs normalen Alltag leben? Der britische Architekt Hugh Broughton weiß, worauf es ankommt.

Ein Sturm treibt Schnee meterhoch vor sich her, den Himmel kann man vom Boden kaum noch unterscheiden, es hat minus 55 Grad Celsius, seit hundert Tagen herrscht Nacht. Willkommen in der Antarktis. Wenn Menschen hier leben, dann nicht in einem einfachen Blockhaus.

Die britische Forschungsstation Halley VI des British Antarctic Survey ist ein ganz anderes Kaliber. Acht futuristisch anmutende Module stehen seit 2012 einsam auf einem Eisschelf, einer großen Eisplatte, die auf dem Meer schwimmt, aber noch mit dem Gletscher verbunden ist, in der Antarktis.

Polarstation Halley VI im Schnee - bei schlechter Sicht
James Morris/British Antarctic Survey

Unabhängig von der Umwelt versorgt sie ihre Bewohner – meist Forschungsteams, die Klimamessungen und Himmelsbeobachtungen durchführen – mit Wärme, Energie und ein bisschen Heimeligkeit mitten im ewigen Eis.

Vom Pfadfinderheim zur Polarstation

Broughton hat das Design der Station entworfen. Acht Jahre lang hat der britische Architekt daran gearbeitet. Während fünf antarktischer Sommer hat man die Station aufgebaut. Die Herausforderungen waren enorm: die Kälte, Schneemassen, Risse im Eis, die unwirtliche Umwelt und die Bewegungen des Meeres unter dem schwimmenden Eisschelf – auf all das musste die Station eine Antwort finden. Und Hugh Broughton war nicht unbedingt prädestiniert für die Aufgabe: Seine gesamte architektonische Erfahrung belief sich zu dem Zeitpunkt der Ausschreibung 2004 auf ein Pfadfinderinnenhaus in der Nähe von London.

„Aber“, sagt Broughton, „es gab eben auch sonst niemanden mit Erfahrung, der sagen konnte: ‚Hey, schaut her - das ist die arktische Station, die ich gebaut habe.‘“ Gemeinsam mit einem Bekannten in einer großen Firma reichten sie ihren Entwurf bei der British Arctic Survey ein – und gewannen. „Der seltene Fall, wo einfach nur eine gute Idee gewinnen konnte“, sagte Broughton.

Extreme Anforderungen

Ein Teil der Idee war, die Module der Station auf hydraulische Beine zu stellen. Denn jedes Jahr fällt ein halber bis ein Meter Schnee, der aber niemals schmilzt und somit alles, was sich an der Oberfläche befindet, langsam unter sich begräbt. Die hydraulischen Beine heben die Module an, so kann man jedes Jahr in einer Art Frühjahrsputz den Schnee mit Bulldozern rund um die Station wegräumen. Außerdem müssen die Bewohner die Station jedes Jahr neu ausrichten, weil sich das Meer unter dem schwimmenden Eisschelf nicht immer gleichmäßig unter allen Modulen bewegt.

Zudem lassen sich auch Ski an den Beine anbringen, um die Module für den Abtransport zu rüsten. Das kann nötig sein, wenn sich ein Riss im Eis bemerkbar macht und ein Stück vom Eisschelf abbricht. Das passiert relativ langsam - daher sollte genügend Zeit bleiben, die Station binnen einer Saison noch auf die „richtige“ Seite des Risses zu bringen.

Inspiration von Raumfahrt und Eisenbahn

Es gibt viele Herausforderungen, die sehr spezifisch für jedes Extremumfeld sind. Für Broughton ist das eine Liste, die es einfach abzuhaken gilt. Man hat ein Problem, sucht eine Lösung - und borgt sich vielleicht Ideen aus anderen Gebieten, etwa aus der Raumfahrt (wie in der Isolierung), der Flugindustrie (Windschutz) und aus der Eisenbahntechnik (die Verbindungsteile der Module sind inspiriert von den beweglichen Verbindungsstücken von Bahnwaggons).

Polarstation Halley VI bei Schönwetter
James Morris/British Antarctic Survey

Seine eigentliche Aufgabe als Architekt, meint Broughton, sei Folgendes: Einen Ort zu schaffen, an dem die Forscherinnen und Forscher, die dort meist länger als ein Jahr stationiert sind, sich wohlfühlen können. Angefangen hat er bei der Schallisolierung: „Niemand will in der Antarktis ständig seine Mitbewohner schnarchen hören oder den Wind pfeifen.“ Das habe die Bewohner der Vorgängerstation oft sehr belastet.

Der Mensch, sagt Broughton, ist das gemeinsame Element aller Extremarchitekturen, ob im Weltall oder in der Arktis. Man ist abgeschnitten von der Welt, total isoliert. Und der Lebensraum muss dabei helfen, diese Belastung zu mindern. Die Halley VI Station hat einen Vorteil gegenüber Raumstationen oder künftigen Marsmodulen - sie hat Platz. „Die Station könnte man prinzipiell wohl auch auf die Raumfahrt umlegen, man müsste nur alles wahrscheinlich auf ein Fünftel schrumpfen.“

Ein bisschen Gemütlichkeit

„Wir haben uns den Tagesablauf durchgedacht, von dem Moment, wo man die Füße über die Bettkante schwingt, bis man wieder schlafen geht“, sagte Broughton. Gegen die ewige Nacht im antarktischen Winter - 105 Tage ohne Sonne - simuliert die Station jeden Tag den Sonnenaufgang.

Das soll ein bisschen Abstand herstellen zu der nüchternen Effizienz, die in der ansonsten von Ingenieuren geplanten Station vorherrscht: „Leute wollen nicht unbedingt den Kaffee dort trinken, wo die Kaffeemaschine steht - und tun es auch nicht -, sondern eher an einem Aussichtsfenster.“

I)n der Polarstation Halley VI: Zwei Forscher spielen Billard
James Morris/British Antarctic Survey

Das große, rote Gemeinschaftsmodul ist doppelt so hoch wie die anderen Räume. Es bietet genug Platz, um gemeinsam Zeit zu verbringen, auch Rückzugsorte sind vorhanden: abgelegene Leseecken für private Gespräche oder Zeit alleine. Der eine oder andere Teppich sorgt für ein bisschen Gemütlichkeit in diesem einsamen Gebäude mitten in der Antarktis.

Das ausgleichende Innendesign der Station ist übrigens so ausgefeilt, dass Broughton sein Architekturbüro in London gleich genauso eingerichtet hat. Umgekehrt finden sich auch manche Elemente aus Broughtons Haus nun in der Südpolstation wieder: Die Stockbetten, in denen heute Polarforscherinnen und -forscher schlafen, hat er eigentlich für seine beiden damals noch kleinen Kinder entworfen.

Isabella Ferenci, Ö1-Wissenschaft

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