„Soziologie soll Menschheit vor Märkten retten”

Wissenschaft aktiv kommunizieren und keine Scheu haben vor Parteilichkeit: Das ist das Programm einer „öffentlichen Soziologie“, wie sie Michael Burawoy propagiert. Der britische Forscher sieht das Hauptziel seiner Zunft heute darin, „die Menschheit vor den Märkten zu retten“.

Michael Burawoy ist der Prototyp eines global agierenden Soziologen. In den späten 60er Jahren untersuchte er als teilnehmender Beobachter den Rassismus im Management der Kupferindustrie von Sambia. Feldstudien zur Veränderung der Arbeitswelt hat der heute 69-Jährige später in den USA, in Ungarn und im postkommunistischen Russland durchgeführt.

Vor rund einem Jahrzehnt hat Burawoy begonnen, über sein eigenes Arbeitsfeld zu reflektieren: Er stellte sich die Frage, was Soziologie heute eigentlich ist und für wen sie gemacht werden soll. Dabei hat er den Begriff der „öffentlichen Soziologie“ geprägt – eine Soziologie, die aus privaten Nöten öffentliche Fragen macht und ihre Resultate über die Grenzen der eigenen Zunft hinaus kommuniziert. Anlässlich des dritten Welttreffens der Internationalen Soziologenvereinigung ISA war Michael Burawoy diese Woche in Wien.

science.ORF.at: So etwas wie Gesellschaft gibt es gar nicht, es gibt nur Individuen, meinte einst Margaret Thatcher. Was hätten Sie ihr entgegnet?

Michael Buroway: Ich hätte sie an die Bewegung der Bergarbeiter erinnert, die sie unterdrückt und zerstört hat. Thatcher hat versucht, eine Welt zu schaffen, die keine Gesellschaft kennt. Dabei hat sie aber enorme soziale Kämpfe ausgelöst: Menschen, die gemeinsam ihre Ziele verfolgen, hat es immer und überall gegeben – auch wenn Thatcher die nicht mochte.

Hinter dem Zitat steht das alte liberale Denken, wonach Individuen viel wichtiger sind als Gemeinschaften …

Ja, das ist eine ökonomische Sicht der Welt, in der Individuen auf Märkten konkurrieren. Natürlich gibt es Märkte. Aber sie funktionieren nur, wenn es Vertrauen gibt. Und Vertrauen ist bereits ein Ausdruck sozialer Beziehungen. Märkte funktionieren nur, wenn sie von Staaten – das sind soziale Gebilde – zumindest minimal reguliert werden. Wenn Märkte zu weit gehen, stoßen sie soziale Bewegungen an. Die liberale oder neoliberale Weltsicht wurde von Regierungen weltweit verbreitet – leider.

Das klingt nicht nach objektiver oder neutraler Wissenschaft …

Wir als Sozialwissenschaftler leben in der Welt, die wir untersuchen. Wir können das nicht ohne Standpunkt tun. Deshalb hat jede Soziologie Standpunkte, genauso wie auch die Wirtschafts- und die Politikwissenschaft. Die Wirtschaftswissenschaften haben ein paar Dissidenten. Generell vertreten sie aber den Standpunkt der Märkte; Märkte sollen ausgeweitet werden. Die Politikwissenschaft hat den Standpunkt des Staates und der politischer Ordnung. Die Soziologie hingegen hat den Standpunkt der Zivilgesellschaft: von sozialen Bewegungen, die nicht zum Staat oder der Wirtschaft gehören. Also: Ja, ich bin parteiisch.

Der Soziologe Michael Burawoy bei der Podiumsdiskussion im Audimax der Uni Wien
Lukas Wieselberg, ORF
Burawoy bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Soziologiekongresses

Was bedeutet diese Parteinahme für das Verhältnis der Soziologie zu ihren Untersuchungsgegenständen, etwa den sozialen Bewegungen?

Lassen Sie mich historisch antworten: In den 1950er und 60er Jahren war die Soziologie in den USA ziemlich konservativ. Man glaubte, im „gelobten Land“ zu leben. Über gesellschaftliche Alternativen brauchte man gar nicht erst nachzudenken. Plötzlich aber gab es die Studenten- und Bürgerrechtsbewegung, den Feminismus. Plötzlich merkte man, dass das „gelobte Land“ voll war von Rassismus, Sexismus und Klassismus. Auf dem Rücken der neuen sozialen Bewegungen entwickelte sich eine ganz neue Soziologie. Menschen, die Teil der Bewegungen waren, brachten in die Soziologie ganz neue Vorstellungen ein, wie sie sein sollte. In den 70er Jahren wurden diese Vorstellungen institutionalisiert. Das Verhältnis kann also sehr eng sein: Die sozialen Bewegungen können die Soziologie verändern, umgekehrt kann die Soziologie ein Instrument sein, das den sozialen Bewegungen hilft. Für Soziologen in Lateinamerika oder Südafrika ist so etwas z.B. sonnenklar.

Für Sie persönlich war das auch immer klar?

Ja, ich habe immer gedacht, dass Soziologie die Welt beeinflussen soll. Aber mit der Zeit lernt man, dass es nicht immer so kommt, wie man gerne möchte. Man kann tolle Ideen haben über alternative Welten, aber wenn man sie verbreitet, kann zum Schluss etwas ganz anderes herauskommen. Mein erster Job als Soziologe war 1968: Ich habe vier Jahre lang Rassismus in Kupferminen in Sambia untersucht. Mich hat interessiert, wie sich der Rassismus im Top-Management der Kupferindustrie reproduziert - vier Jahre nach der Unabhängigkeit Sambias. Eigentlich hätte es nun ja vorbei sein sollen, dass Weiße über Schwarze regieren, das war es aber nicht. Meine Ergebnisse wurden dann öffentlich diskutiert. Aber die multinationalen Konzerne haben sie ausschließlich dazu genutzt, ihre eigenen Manager anzugreifen.

Sie waren also schon ein öffentlicher Soziologe, Jahrzehnte bevor Sie diesen Begriff geprägt haben?

Richtig. Wobei ich mich nicht wirklich als öffentlichen Soziologen bezeichne, sondern als Evangelist der öffentlichen Soziologie.

Wenn Sie der Evangelist sind: Wer ist dann der Jesus der öffentlichen Soziologie?

Es gibt keinen Jesus, nur eine soziologische Tradition, die sich mit den Fragen beschäftigt hat. Ich nenne nur die klassischen Drei der Soziologie: Karl Marx (plus sein Kompagnon Friedrich Engels), Max Weber und Émile Durckheim. Marx hatte hat klar den Standpunkt der Arbeiterklasse eingenommen. Er wollte eine kommunistische Gesellschaft, auch wenn er immer wieder betont hat, kein Utopist zu sein. Darüber hat Durckheim immer gelacht und gemeint, dass das keine Soziologie sei. Aber auch für Durckheim war Soziologie nur dann sinnvoll, wenn sie sich auf die Welt auswirkt. Max Weber ist der schwierigste Fall: Er war ein frustrierter Politiker und ein hervorragender Wissenschaftler. Weber war sehr skeptisch gegenüber Massenpartizipation und sozialen Bewegungen, er hat viel mit Eliten gearbeitet und war ein Vertreter der angewandten Soziologe.

Öffentliche Soziologie

Michael Burawoy unterteilt die Soziologie in vier Bereiche: professionelle, angewandte, kritische und öffentliche. Die vier unterscheiden sich durch die Art des eingesetzten Wissens (instrumentell bzw. reflexiv) und ihr Publikum (akademisch bzw. außerakademisch). „Eine blühende Disziplin braucht alle vier Soziologien“, schreibt Burawoy.

Würden Sie alle drei öffentliche Soziologen nennen?

Nicht wirklich. Marx hatte keinen Begriff von Soziologie. Er wollte eine öffentliche Figur sein, die die Welt des Kapitalismus verstehen, insofern war er schon öffentlich. Weber war gegen die Idee von öffentlicher Soziologie, aber seine Praxis hat anders ausgesehen. So hat er etwa seine Vorlesungen öffentlich gehalten. Durckheim ist v.a. ein professioneller Soziologe. Ich denke, jeder große Soziologe ist eine Kombination aus professionellem Soziologen, der mit seinen Peers kommuniziert, und einem öffentlichen Soziologen – er muss aber auch angewandt und kritisch sein. Man kann kein großer Soziologe sein, wenn man nicht alle vier Aspekte umfasst.

Wie wichtig ist Soziologie heute?

Sehr wichtig, weil wir in einer Welt leben, in der die Märkte Amok laufen. Der Neoliberalismus hat es geschafft, dass sie immer weniger reguliert sind und alle Lebensbereiche betreffen. Vielleicht gibt es eines Tages, wenn sich die Marktlogik weiter ausdehnt, nur noch Ökonomie und kein Soziologie mehr. Wenn wir aber eine Zukunft mit Soziologie haben wollen, dann müssen wir öffentlich sein. Wir können uns nicht im akademischen Bereich verstecken.

Worum sollte sich die Soziologie heute konkret kümmern?

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 14.7., 19:05 Uhr.

2 Studierende beim Kongress, der eine steht mit dem Rücken zur Kamera, man kann den Schriftzug der Veranstaltung lesen "The futures we want: global sociology and the struggles for a better world"
Lukas Wieselberg, ORF

Kongressmotto auf dem Rücken von Studierenden: „The futures we want: global sociology and the struggles for a better world“

Links

Wir sind ja hier in Wien, und ich bin ein großer Anhänger des Wiener Ökonomen Karl Polanyi. Polanyi hatte die Idee von den drei „fiktiven Waren“: Arbeit, Natur und Geld. Er nannte sie fiktiv, weil sie eigentlich nicht für den Handel hergestellt werden. Wenn man Arbeit, Natur und Geld aber zur Ware macht, dann werden sie eines Tages zerstört. Wenn man Arbeitskräfte ohne Regeln kaufen und verkaufen kann, dann wird das irgendwann ihre Fähigkeit zu arbeiten zerstören. Wenn man die Natur zur Ware macht, wird man die Grundlagen unseres Daseins auf diesem Planeten zerstören. Wenn man Geld zu Ware macht - so wie jetzt im Finanzkapitalismus, der versucht Geld aus Geld zu machen – dann zerstört man das Vehikel, mit dem sich der Kapitalismus selbst erhält.

Heute kommt noch ein vierte „fiktive Ware“ dazu: das Wissen. Universitäten werden zunehmend privatisiert, sie müssen sich wie Unternehmen verhalten und Geld verdienen – das tun sie auf unterschiedlich problematische Weise: indem sie etwa Gebühren verlangen von Studenten oder Kosten reduzieren, indem sie Mitarbeiter schlecht bezahlen. Die Ökonomen sind im Grunde dafür verantwortlich, jene Ideologie zur Verfügung zu stellen, die dabei ist, ihre eigenen Universitäten zu zerstören. Soziologie ist heute sehr notwendig, um die Menschheit von den Märkten zu retten.

Sie bekennen sich zur Nähe zu soziale Bewegungen. Warum müssen diese aber immer linke sein? Sind nicht auch Pegida und islamische Fundamentalisten soziale Bewegungen, zu denen man als öffentlicher Soziologe ein Naheverhältnis haben könnte?

Das ist eine ganz grundlegende Frage. Soziologen beschäftigen sich oft mit den sozialen Bewegungen, mit denen sie sympathisieren, das ist ganz einfach. Der Schwenk zu rechtem Populismus in den USA, in Großbritannien, aber auch hier in Österreich, ist eine große Herausforderung für die Soziologie. Sie hat sich bisher zu wenig um ihn gekümmert. Und vielleicht gibt es auch öffentliche Soziologen, die meinen, dass die rechten Bewegungen die eigentlich progressiven sind. Was aber alle Soziologen teilen, ist das Bekenntnis zur Zivilgesellschaft. Nicht notwendigerweise zu bestimmten Bewegungen, aber zur Idee davon. Da die Zivilgesellschaft plural ist, muss auch die Soziologie plural sein.

Spricht das nicht für die Vertreter Ihrer Zunft, die auch die Soziologie als wertneutral betrachten wollen?

Es sind v.a. Politiker, die eine „neutrale Wissenschaft“ wollen. Denn mit ihren Resultaten können sie ihre eigenen Entscheidungen rechtfertigen, weil sie ja „neutral“ zustande gekommen ist. Viele Kollegen aus der angewandten Soziologie spielen dabei mit, sie wollen wirkungsvoll sein, und um das zu erreichen, behaupten sie wertneutral zu sein. Auch wenn das gar nicht geht. Selbst Max Weber, der immer als neutral gegolten hat, hat gemeint, dass es keine Sozialwissenschaft ohne Wertstandpunkte gibt. Aber natürlich gibt es verschiedene.

Wäre eine wertneutrale Soziologie für Sie nicht besser als eine rechtsradikale?

Nochmals: Es kann keine wertneutrale Soziologie geben. Es ist besser, wenn wir alle zu unseren Werten stehen und sie diskutieren. Die Soziologie sollte sich ihrer normativen Grundlagen viel bewusster sein.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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