„Literatur ist der Flugsimulator des Verstands“

Gute Literatur vertreibt nicht nur die Zeit, sie bildet auch das Herz. Das lässt sich auch durch Studien belegen. Ein britisch-kanadischer Psychologe hat nun über 100 von ihnen gesammelt. Fazit: Lesen fördert das Mitgefühl.

Komplexe Charaktere und unvorhersehbare Entwicklungen fordern uns beim Lesen. So sehr, dass wir dadurch besser in der Lage sind, uns in unsere Mitmenschen hineinzuversetzen. Davon ist der Psychologe Keith Oatley von der Universität Toronto überzeugt.

Ein populäres Beispiel dafür ist Harry Potter. Sechs Bücher lang ist Severus Snape, der schlimmste Lehrer, den sich Harry vorstellen konnte. Er macht ihm das Leben schwer, drangsaliert ihn, tötet schließlich noch Dumbledore, seine Vaterfigur. Doch wie sich im siebenten und letzten Band der Buchreihe herausstellt, war Snapes Boshaftigkeit nur eine Maske, die er bis zu seinem Tod nicht abgenommen hat: Eigentlich ist er doch ein Guter – Autorin Joanne K. Rowling schuf hier einen Charakter jenseits von Schwarz-Weiß-Denken.

”Hilft Menschen im echten Leben besser verstehen“

Über 450 Millionen Exemplare der Harry-Potter-Romane wurden weltweit bisher verkauft – ein gutes Zeichen in Sachen Herzensbildung, findet Keith Oatley. „Bei Harry Potter geht es um den Charakter: Man will wissen, wer diese Person ist, wie die Beziehung zu seinen Eltern aussieht, zu seinen Lehrern, Freunden und Feinden.“

Die Fantasy-Romane seien ein gelungenes Beispiel für Literatur, die Einfühlungsvermögen verstärkt. „Indem man sich beim Lesen in eine Geschichte, ihre Charaktere und Welt hineinversetzt, kann man Menschen auch im echten Leben besser verstehen“, so Oatley gegenüber science.ORF.at.

Artikel

“Fiction: Simulation of Social Worlds”, Trends in Cognitive Sciences, 19.7.2016

Dass sich diese Einsicht nicht nur aus Anekdoten speist, sondern auch empirisch überprüft werden kann, zeigte ein Übersichtsartikel, den Oatley soeben in der Zeitschrift „Trends in Cognitive Sciences“ veröffentlicht hat. Mehr als 100 Artikel und Studien hat der Psychologe zusammengetragen, darunter auch solche, die sich mit Harry Potter beschäftigt haben.

Weniger Vorurteile und echte Angst

Italienische Forscher haben etwa vor zwei Jahren festgestellt, dass die Fantasy-Romane „auf magische Weise“ Vorurteile verringern können. Ihre Tests an Volksschulen, Gymnasien und Universitäten zeigten, dass die Lektüre das Verständnis für Randgruppen – Homosexuelle, Flüchtlinge oder Migranten – deutlich erhöhte. Und zwar je mehr sich die Leser und Leserinnen mit den positiven Figuren (etwa Harry Potter) identifizierten oder von negativen (etwa Voldemort) distanzierten.

Dass das Hineinvertiefen beim Lesen ähnliche Gefühle erzeugt wie das echte Leben, zeigt eine zweite Harry-Potter-Studie von 2014. Neurowissenschaftler verglichen damals die Wirkung von gruseligen Textpassagen der Bücherreihe mit neutralen. Bei ersteren war der emotionsverarbeitende Teil des Gehirns deutlich aktiver, wir verspüren beim Lesen also tatsächlich Angst – oder andere Gefühle. Dass Romane Vorurteile verringern können – in diesem Fall gegenüber Arabern –, beweist eine weitere, von Oatley angeführte Studie.

Eine Frau mit Kopftuch im Iran liest ein Buch von Harry Potter
Atta Kenare / AFP / picturedesk.com
2007 in einer Buchhandlung in Teheran

Mit Literatur „für den Ernstfall üben“

„Literatur ist der Flugsimulator des Verstands“, sagt Oatley. „Wenn man Pilot werden möchte und in einem Flugsimulator das Fliegen übt, kann man verschiedene Situationen erleben. Auch solche, die wahrscheinlich nie oder nur sehr selten in Wirklichkeit passieren. Wenn man dann aber in der Realität mit einer solchen Situation konfrontiert wird, kann es wichtig sein, dass man sie schon einmal durchgespielt hat.“

Für den „Ernstfall üben“ könne man nicht nur Handlungen, sondern auch Gefühle, ist der der Psychologe sicher. Schon die bloße Vorstellung, wie es einer Romanfigur ergeht, steigere die Fähigkeit zum Mitgefühl und das wirke sich auf die eigene Persönlichkeit aus. „Literatur erlaubt einem, auch sich selbst in einem gewissen Maß zu verändern“, so Oatley.

Nicht jede Art von Literatur sei dazu allerdings geeignet. „Es müssen Geschichten sein, deren Figuren nicht einfach nur Handlungen transportieren, sondern die erst mit der Zeit erkannt werden und eine gewisse Komplexität aufweisen.“

Ein Negativbeispiel des Psychologen: US-Autor Dan Brown („Sakrileg“), dessen Bücher eher Schnitzeljagden gleichen als Charaktere beschreiben oder entwickeln. Positive Beispiele hingegen seien: Jane Austens „Stolz und Vorurteil“, Virginia Woolfs „Mrs Dalloway“, Anton Chekhovs „Die Dame mit dem Hündchen“ sowie (das auf Deutsch noch nicht erschienene) Elena Ferrantes „Die Frau im Dunkeln“.

TV und Computerspiele sind die neuen Romane

Doch es müssen nicht unbedingt Bücher sein, die die Vorstellungskraft anstacheln. Internet, Fernsehen und Computerspiele seien ebenso in der Lage, Geschichten zu erzählen und Empathie zu erzeugen. „Ich weiß nicht, wie es in Österreich ist, aber spätestens seit der Fernsehserie ‘The Wire‘ sind in Nordamerika solche Fernsehsendungen die neuen Romane geworden“, beschreibt Oatley.

Und auch deren Auswirkungen auf Empathie und andere soziale Eigenschaften werden untersucht. Oatley zitiert eine Studie, wonach das Ansehen komplexer TV-Serien wie „Mad Men“ oder „West Wing“ das Einfühlungsvermögen steigert. Ähnliches gelte auch für bestimmte PC-Spiele. Keith Oatley: „Ein Kollege hat unlängst auf einem Kongress gemeint, dass Shakespeare heute Computerspiele schreiben würde - dem stimme ich zu.“

Alexa Lutteri, Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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