Die geheimnisvolle Sprache der Schildkröten

Schildkröten galten in der Wissenschaft viele Jahrzehnte als stumm und taub. Ein brasilianisches Forschungsteam hat bewiesen: Die Reptilien kommunizieren miteinander – jede Art hat ihre ganz eigene Sprache.

200 Millionen Jahre alte Sprache

Es war eine Sensation und warf ein völlig neues Licht auf das Sozialverhalten der Schildkröten. Muttertiere kommunizieren mit ihrem geschlüpften Nachwuchs und sogar die Embryonen im Ei tauschen – bevor sie das Licht dieser Welt erblickt haben – untereinander akustische Signale aus.

Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch das Mittagsjournal, 25.7., 12.00 Uhr.

Ursprünglich hat das Team der brasilianischen Wildlife-Conservation-Society um Camila Ferrera und Richard Vogt vom Amazonas Forschungsinstitut in Manaus die Kommunikation zwischen erwachsenen Arrauschildkröten erstmals aufgenommen und hörbar gemacht. Die Tiere geben laut Studie Töne im niederfrequenten Bereich von sich. Und haben ein umfassendes, variables Lautspektrum.

Camila Ferrara bei der Arbeit am Amazonas
Camila Ferrara, Wildlife-Conservation-Society
Camila Ferrera bei der Arbeit am Amazonas

Akustische Kindererziehung

Die brasilianische Schildkrötenexpertin hat in einer weiteren Studie nachgewiesen, dass die geschlüpften Schildkrötenjungen offenbar akustische Anweisungen von ihren Elterntieren bekommen.

Für Ferrara bedeutet dies nicht nur, dass die Reptilien ein hochentwickeltes Sozialverhalten zeigen, sondern auch, dass ihr Hörempfinden und ihre Kommunikation durch den Lärm in den Meeren gestört werden könnte. Offenbar verfügt jede Schildkrötenart über ihre ganz individuelle Sprache – neue Forschungen zeigen das immer deutlicher.

Camila Ferrara bei der Arbeit am Amazonas
Camila Ferrara, Wildlife-Conservation-Society
Abhöraktion des Schlupfkonzerts

So klingen die Tiere:

(mit freundlicher Genehmigung des California Turtle and Tortoise Club)

Ägyptische Landschildkröte

Spornschildkröte

Köhlerschildkröte

Glattrand-Gelenkschildkröte

Sprachbegabte Embryonen

Völlig überrascht war Ferrara aber, als sie ihr Mikrofon mitten im Gelege, also zwischen den Eiern am Strand positionierte. Auch die Embryonen kommunizieren, mit ihren Elterntieren und untereinander. Offenbar machen sie das, um zu gewährleisten, dass alle zur gleichen Zeit schlüpfen. Denn der Weg ins Wasser ist gefährlich und in der Masse sind sie ihren Feinden nicht so hilflos ausgeliefert.

Peter Praschak mit einer Schildkröte (Batagur Baska)
Universum

Peter Praschag

Für Peter Praschag, Zoologe und Leiter der Grazer Zucht- und Erhaltungsstation „Turtle Island“, wirft dies ein völlig neues Licht auf das Sozialverhalten der Schildkröten. „Offenbar synchronisieren sich die Embryonen, bevor sie schlüpfen, um den Weg sicher zum Wasser zu finden. Und dort warten die Elterntiere und empfangen sie mit einem wahren Unterwasserkonzert. Oft schwimmen Schildkröten aus ihrem angestammten Lebensraum mehrere hundert Kilometer bis zu ihren Nistplätzen, an denen es oft gar kein Futter gibt. Offenbar dirigieren die Elterntiere ihren Nachwuchs nach dem Schlüpfen akustisch wieder in Regionen, in denen er Nahrung findet.“

Revolution in der Nachzucht

Fehlt die Unterstützung durch die Elterntiere, finden sich die Kleinen nicht zurecht. Abgesehen davon, dass diese Weitergabe von Wissen Zeichen für höchste soziale Entwicklung ist, bedeutet dies allerdings auch ein radikales Umdenken in der Nachzucht, meint Peter Praschag: „Bei asiatischen Flussschildkröten zum Beispiel hat man bisher immer die Eier abgesammelt und versucht, sie künstlich auszubrüten – mit wenig bis gar keinem Erfolg. Nun scheint klar, dass diesen Jungen das alte Wissen der Elterntiere fehlt, dass sie sich nach dem Schlüpfen eigentlich in eine andere Region begeben müssen, in der sie überleben können. Und vielleicht noch vieles andere mehr.“

Josef Glanz, science.ORF.at/Universum

Mehr zu dem Thema: