Das österreichisch-britische Wissenschaftsnetzwerk

Ein Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union hätte schwere Konsequenzen für die österreichische Wissenschaft. Ein „Brexit“ würde den Zugang zu vielfältigen Ressourcen kappen.

Christian Gulas von FAS.research hat die Vernetzung der heimischen Wissenschaft durch das bereits abgeschlossene 7. EU-Forschungsrahmenprogramm und das derzeit laufende Programm Horizon 2020 analysiert. Rund 100 Millionen Euro pro Jahr fließen dadurch jedes Jahr nach Österreich.

Zweitwichtigster Partner

„Großbritannien ist nach Deutschland der zweitwichtigste Kooperationspartner für österreichische Akteure in den EU-Forschungsnetzwerken“, so Gulas. Noch deutlicher werde die Bedeutung Großbritanniens aber, wenn man sieht, „dass an mehr als der Hälft der Projekte, an denen Österreicherinnen und Österreicher beteiligt sind, auch britische Forschungsorganisationen beteiligt sind. Das ist ein sehr starkes Ausmaß von Vernetzung“.

Netzwerk von 150 Organisationen und wichtiger Kooperationsbeziehungen in EU-geförderten Forschungsprojekten
FASresearch, WU Wien, Institut für Nachhaltigkeitsmanagement; Datenquelle: CORDIS
Die Abbildung stellt das Netzwerk von 150 Organisationen und wichtiger Kooperationsbeziehungen in EU-geförderten Forschungsprojekten (FP7, Horizon 2020) dar. Ausgewählt wurden die jeweils 50 am besten vernetzten Universitäten, Forschungsinstitute, Unternehmen etc. aus Österreich, Großbritannien und den weiteren Ländern, die im Netzwerk vorkommen. Die Animation zeigt, welche Netzwerkbereiche verschwinden würden, wenn sich die Akteure aus Großbritannien nicht mehr an EU-Projekten beteiligen.

In einem Forschungsprojekt vernetzt zu sein, bedeutet nicht nur, über einen Vertrag aneinander gebunden zu sein. Es bedeutet auch, Ideen auszutauschen, sich gegenseitig Messgeräte, Daten, ganz generell Wissen zur Verfügung zu stellen. Ein „Brexit“ wäre deswegen ein Problem, sagt Netzwerkanalytiker Christian Gulas: „Erstens vermindert sich der Zugang zu Ressourcen und zweitens verringert sich die Unterschiedlichkeit von Ressourcen, zu denen auch österreichische Akteure Zugang haben.“

In Zahlen gegossen: Jeder österreichische Akteur wäre nur mehr mit durchschnittlich 42,2 statt mit 46,6 Kooperationspartnern verbunden. „Das klingt nicht nach viel, ist aber auf dieser hochaggregierten Ebene ein beachtlicher Effekt“, so Christian Gulas.

Und das könnte ein Qualitätsproblem werden, denn ein wichtiger Faktor für Stabilität und Erfolg von Netzwerken ist die Vielfalt der Akteure, die sie vernetzen. Sinkt diese Diversität, könnte sich - laut Netzwerktheorie - auch die Leistungsfähigkeit von Wissenschaft vermindern.

Universitäten und IKT mit größtem Schaden

Von den Folgen eines „Brexit“ wäre die österreichische Forschungslandschaft aber nicht gleichmäßig betroffen, wie die Netzwerkanalyse gezeigt hat. Laut André Martinuzzi, Leiter des Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien, hätten vor allem die Universitäten den Schaden: „Die österreichischen Universitäten haben enorm starke Verbindungen zu den englischen Universitäten aufgebaut, weil sie enorm imageträchtig und leistungsfähig sind.“

Deutlich weniger betroffen wären außeruniversitäre oder freie Forschungseinrichtungen, wie etwa das Austrian Institute of Technology, und noch weniger forschungsintensive Unternehmen. Denn sie sind laut Netzwerkanalyse viel enger mit Deutschland verbunden als mit Großbritannien.

Auch in der animierten Grafik kann diese Verteilung nachvollzogen werden, denn die österreichischen Universitäten sind nahe an Großbritannien angesiedelt und haben starke Verbindungen zum Cluster der britischen Unis (oben links). Außerdem vernetzen die britischen Unis die österreichischen derzeit relativ stark mit den französischen Einrichtungen. Die außeruniversitäre und freie Forschung findet sich hingegen eher rechts im Bild, die Verbindungen gehen großteils nach Deutschland.

Eine Gegenüberstellung der Verbindungen österreichischer Universitäten mit und ohne Großbritannien.
FASresearch
Ein Ausschnitt der Netzwerkgrafik: Eine Gegenüberstellung der Verbindungen österreichischer Universitäten mit und ohne Großbritannien.

Von den Forschungsthemen her betrachtet wäre der Effekt eines „Brexit“ am stärksten bei Forschungsprojekten zu Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT): „Die IKT beziehen einen großen Teil der EU-Förderung in Österreich und haben an den Universitäten traditionell starke Kontakte zu britischen Einrichtungen.“ Danach folgen Gesundheits- und Umweltforschung sowie Nanotechnologie.

Bilaterales Abkommen nötig

Nun gilt es, Großbritannien durch ein bilaterales Abkommen als Partner zu erhalten und in weiterer Folge auch die Forschungsprogramme entsprechend zu gestalten. Derzeit setze die EU zu sehr auf Exzellenz als alleiniges Kriterium für Förderung, auch dadurch sei der Anteil Großbritanniens in den letzten Jahren geradezu explodiert, so André Martinuzzi. „Es braucht ein weiteres Element in der Forschungspolitik, das integrativer ist, das einerseits die Zivilgesellschaft, die Bevölkerung Europas stärker einbindet und damit über Forschung auch europäische Identität schafft, und sich andererseits an den sozialen und gesellschaftlichen Problemen Europas orientiert.“

Bei der Ausverhandlung eines solchen neuen Programms wird auch Österreich gefragt sein, weil es im zweiten Halbjahr 2018 die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt. André Martinuzzi: „In diesem Zeitraum wird das 9. Rahmenforschungsprogramm verhandelt. Das heißt, Österreich kann hier einen gewissen moderierenden und inhaltlichen Einfluss auf die Zukunft der europäischen Forschungsförderung ausüben.“ Und dadurch mitbestimmen, wie es nach 2020 mit der Forschung in ganz Europa weitergeht.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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