Das späte Erbe der Abholzung

Ein Baum, der heute gefällt wird, sorgt noch übermorgen für Emissionen. Eine neue Studie prognostiziert: Selbst wenn wir heute damit aufhören, wirkt die Rodung tropischer Wälder noch mehrere Jahre nach.

Die Studie

The environmental legacy of modern tropical deforestation „Current Biology“, 28. Juli 2016

Die Abholzung tropischer Bäume zerstört Leben und Lebensräume. Durch die Rodung gehen zudem wichtige Kohlenstoffsenken verloren. Außerdem entstehen neue Kohlenstoffemissionen, wenn Holzreste verbrannt werden, um dem Boden Nährstoffe zurückzuführen.

Manche Umwandlungen von Wald- in Ackerflächen gehen nur langsam voran, da sie auf einen natürlichen Abbauprozess von zurückgebliebenem Holz setzen. Aber auch das sorgt für eine zusätzliche Ausschüttung von CO2 - allerdings lange nachdem die wertvollen Baumstämme abtransportiert wurden. Diese Zeitversetzung führt dazu, dass wir heute unter Belastungen leiden, die durch Rodungen in vorigen Jahrzehnten verursacht wurden.

Wir sind hoch verschuldet

Isabel Rosa, Forscherin am Imperial College in London, hat diese (von 1900 bis 2009) angestaute Menge an Kohlenstoff nun berechnet: Eine Last von 8,6 Petagramm (8,6 Billiarden Tonnen) Kohlenstoff tragen wir durch die Langzeitfolgen auf dem Rücken. Das ist so viel, wie in fünf bis zehn Jahren durch globale Regenwaldrodungen erzeugt wird.

abgholzter Regenwald
dpa/Marcelo Sayao

Würden wir sofort damit aufhören, tropische Regenwälder abzuholzen, müssten wir noch weitere fünf bis zehn Jahre mit den Auswirkungen leben. „Wir sind sozusagen verschuldet. Das ist das Ergebnis von all der Zerstörung, die wir in der Vergangenheit in tropischen Wäldern angerichtet haben“, so Rosa gegenüber science.ORF.at.

Für viele tropische Länder ist es deshalb nicht einfach, nationale und internationale Emissionsziele zu erreichen. Eine Reduktion der Abholzungsraten um 30 Prozent im Amazonas in den Jahren 2005 bis 2010 führte zum Beispiel nur zu einer tatsächlichen Verminderung der Emissionen um 10 Prozent.

Arten sterben langsam aus

Neben diesen verzögerten Wirkungen sterben auch Arten zeitversetzt aus: Sie können sich nicht an den veränderten Lebensraum anpassen oder verlieren ihre Lebensgrundlagen. Eine solche Entwicklung ist nicht mehr umkehrbar: „Wenn eine Art ausgestorben ist, ist sie weg. Man kann sie nicht einfach zurückzuholen. Es ist also noch viel beunruhigender, dass wir auch hier ‚Schulden‘ angehäuft haben“, so Rosa.

Die Wissenschaftlerin geht davon aus, dass durch die Abholzung in Zukunft 140 waldspezifische Wirbeltierarten aussterben könnten. Das bedeute, dass die Aussterberate des 20. Jahrhunderts um 120 Prozent steigen würde. Und zwar auch, wenn alle weltweiten Rodungen gestoppt werden: „Das Verschwinden einer Art ist ein schleichender Prozess. Im Vergleich zu den zeitverschobenen Kohlenstoffemissionen dauert es viel länger“, fließt also erst Jahre später in die zu zahlende Rechnung der Abholzungen ein.

Schulden begleichen

„Diese Studie hat den Fokus nur darauf gelegt, was wir bereits verloren haben und welche ‚Schulden‘ wir angehäuft haben. Eventuelle Wiederaufforstungen habe ich dabei nicht miteinbezogen“, so Rosa. „Ich glaube, es gibt noch immer ein Zeitfenster, um einige dieser Schulden ausgleichen zu können.“

Es sollte neben Erhaltungsmaßnahmen in Sanierungsprojekte, Wiederaufforstung und Wiederherstellung von Lebensräumen investiert werden. Das dauert laut der Forscherin zwar eine Weile, könnte aber einen Teil der Emissionen wieder binden und verhindern, dass bestimmte Arten verloren gehen. Dennoch werden wir - bei einer andauernden Zerstörung der Wälder - unsere Schulden nur ansatzweise begleichen können.

Alexa Lutteri, science.ORF.at

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