Es geht ein Riss durch Europa

Alt oder jung, konservativ oder liberal, sesshaft oder kosmopolitisch: Europa ist ein Kontinent der Weltbild-Konflikte, diagnostiziert die Philosophin Lisa Herzog in einem Gastbeitrag. Ihr Lösungsvorschlag: Wir brauchen einen neuen Sozialvertrag, der die Brüche kittet.

Auf einmal ist da dieses Gefühl, dass der Boden brüchig geworden ist – dass sich Abgründe auftun, wo vorher fester Grund war. Europa im Jahr 2016, das bedeutet: ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer, Terroranschläge, der Aufstieg rechter Populisten. Das Gefühl „doch nicht bei uns“ gerät ins Wanken, wenn Gewalttaten, seien sie islamistisch oder von rechts motiviert, auch in den scheinbar friedlichsten Kleinstädten passieren.

Diffuse Verunsicherung

Auch unser Wertefundament scheint ins Wanken gekommen zu sein wie lange nicht mehr. Freiheit, Gleichheit, Solidarität – sind das noch Prinzipien, an denen alle gemeinsam festhalten? Inzwischen dürfen sie anscheinend offen hinterfragt werden; aus Stammtischgegrummel werden offen gebrüllte Parolen. Gerade im Internet schlägt einem der Hass oft ungefiltert entgegen.

Lisa Herzog
TU München.

Die Autorin

Lisa Herzog ist Professorin für Politische Philosophie und Theorie an der Hochschule für Politik der Technischen Universität München. Sie arbeitet u.a. zu Fragen der ökonomischen Gerechtigkeit und der Ethik in Organisationen.

Schuld an den Veränderungen, wird gesagt, sei „die Globalisierung“, die die Finanzkrise, die Eurokrise, die Flüchtlingskrise gebracht habe. Aber was heißt das konkret? Viele sind in ihrem Privatleben eigentlich nicht betroffen von diesen Dingen, und fühlen sich doch bedroht. Die Bereitschaft, Grundprinzipien der europäischen Tradition wie Menschenrechte, Demokratie und Völkerfreundschaft mitzutragen, scheint zu schwinden.

Vielleicht liegt die Verunsicherung auch daran, dass ein Riss entstanden ist zwischen denen, die in Bewegung sind und denen, die bleiben wollen (auf Englisch könnte man sagen: den „movers“ und den „stayers“). Dabei geht es um Mentalitäten ebenso wie um tatsächliches Verhalten, und natürlich gibt es auch viele Abstufungen dazwischen. Oft, aber keineswegs immer, sind die „mover“ die Jungen, gut Ausgebildeten, kosmopolitisch Denkenden. Die „stayer“ sind eher die Älteren, weniger Mobilen, kulturell Konservativen. Beim Brexit-Votum in Großbritannien zum Beispiel waren das die Linien, anhand derer sich die Stimmen zwischen Befürwortung und Ablehnung der EU spalteten.

Feindseligkeit zwischen den Lagern

Für diese beiden Typen stellt sich die Globalisierung sehr unterschiedlich dar. Für „movers“ ist eine globalisierte Welt ein Marktplatz der Möglichkeiten, der ihnen neue Chancen eröffnet – sie sehen sich als Gewinner, zumindest potenziell. Für „stayer“, die nicht weggehen können oder wollen, ist sie eine Bedrohung. Althergebrachte Strukturen ändern sich, und das, was man als angestammtes Recht empfunden hat, scheint auf einmal in Gefahr – sie sehen sich als Verlierer, oder zumindest als von Verlusten Bedrohte. Es kann viel Feindseligkeit zwischen diesen Lagern entstehen – die Risse gehen manchmal mitten durch Familien und Freundschaften.

Aber müssen diese Gruppen in Opposition zueinander stehen? Können sie sich nicht im Gegenteil gegenseitig bereichern? Gerade Europa mit seiner kulturellen Vielfalt und seinen zahlreichen lokalen Traditionen würde viel verlieren, wenn es nur noch von wurzellosen Kosmopoliten bewohnt würde. Aber kann man wirklich wollen, dass es zurückfällt in die Abschottungsmentalität dumpfer Nationalismen, in denen alles Fremde als Bedrohung empfunden wird, von den wirtschaftlichen Folgen ganz abgesehen? Wäre das nicht auf Dauer sogar denen zu langweilig, die sich derzeit nach starken Nationalstaaten sehnen?

Ein neuer Sozialvertrag

Seminare beim Forum Alpbach

Im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach hält Lisa Herzog beim Seminar „Liberté – Égalité – Solidarité: Wertesysteme im Wandel im 21. Jahrhundert“ einen Vortrag. science.ORF.at stellt dieses und weitere Seminare in Form von Gastbeiträgen vor. Bisher erschienen:

Links

Ö1 Hinweise

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2016 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen und bei der Kinderuni.

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Wir brauchen einen neuen Sozialvertrag zwischen den „movers“ und den „stayers“. Dabei geht es einerseits um Anerkennung, andererseits um handfeste materielle Fragen. Kulturell war in den letzten Jahren das Ideal des „movers“ vorherrschend, Internationalität und Offenheit wurden gefeiert.

Die Tatsache, dass eine Gesellschaft auch Menschen braucht, die vor Ort verwurzelt sind, die sich dort einsetzen, Kontakte knüpfen, soziale Netze aufbauen und pflegen, stand seltener im Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Dabei können beide Denk- und Lebensmodelle den Individuen reiche und vielfältige Erfahrungen erlauben. In beiden können sie der Gesellschaft wertvolle Dienste leisten, sich für Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit einsetzen (und leider auch in beiden engstirnig, egoistisch und voller Vorurteile gegen alles Fremde sein).

Was die ökonomische Dimension angeht, können sich „mover“ und „stayer“ wunderbar ergänzen – zumindest im Prinzip. Praktisch ist es eine Frage der Politik, den institutionellen Rahmen so zu gestalten, dass alle faire Chancen und einen angemessenen Anteil am Sozialprodukt erhalten. Hier muss sich einiges ändern, um den heutigen Herausforderungen gerecht zu werden.

Das sich immer weiter ausbreitende Gefühl, dass unser Wirtschaftsleben kein faires Spiel mehr ist, dass es nur noch um das Recht des Stärkeren geht, ist wahrscheinlich eine der Tiefenursachen für all die Ressentiments, die in den letzten Monaten an die Oberfläche gekommen sind. Es ist ein großes Privileg, und keineswegs ein individuelles Verdienst, in einem Land geboren worden zu sein, in dem man in Frieden und Wohlstand leben kann. Es ist die gegenseitige Komplementarität in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, die das ermöglicht – was nicht heißt, dass eigene Leistung nicht zählt, sondern dass sie erst und gerade in so einem Kontext ihre Wirkung entfalten kann.

Wir haben also allen Grund, zusammenzustehen, gegen diejenigen, die nicht von berechtigten Sorgen um Sicherheit und sozialen Zusammenhalt, sondern von Feindseligkeit und Verachtung für alles Fremde angetrieben werden. Nicht um „movers“ gegen „stayers“ geht es – sondern darum, unsere Gesellschaften fair zu gestalten und die Reihen zu schließen gegen Hass und Gewalt.

Gastbeitrag: Lisa Herzog

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