„Alte Feinde“ schlimmer als Klimawandel

Der Klimawandel ist weltweit für viele Arten eine Bedrohung. Laut Forschern sind momentan jedoch altbekannte „Feinde“ das dringendste Problem, gemeint sind die Übernutzung von Ressourcen und die Landwirtschaft.

Die Wissenschaftler um Sean Maxwell von der University of Queensland haben fast 8.700 Spezies in ihre Analyse einbezogen, die auf der Roten Liste bedrohter Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN) stehen. Sie stellten fest, dass 72 Prozent von ihnen durch die Übernutzung von Ressourcen bedroht sind.

Der Kommentar

„The ravages of guns, nets and bulldozers“, Nature, 10.8.2016

Diese betreffe entweder die jeweilige Art selbst oder Teile ihres Lebensraums. So seien allein mehr als 4.000 Spezies durch Waldrodungen bedroht, schreiben die Forscher. Beispielhaft werden der Tropenvogel Borneowolltimalie (Ptilocichla leucogrammica), die indische Nikobaren-Spitzmaus (Crocidura nicobarica) und die Stumpfnasenaffen (Rhinopithecus) aus Myanmar genannt.

Landwirtschaft und Jagd

Der zweitwichtigste Faktor sei die Landwirtschaft, die 62 Prozent der einbezogenen Arten trifft. Allein der Getreideanbau gefährde 4.600 Arten wie die Fresno-Kängururatte (Dipodomys nitratoides) und den Afrikanischen Wildhund (Lycaon pictus), weil die dafür genutzten Flächen als Lebensraum verlorengehen. An dritter Stelle stehe die Urbanisierung.

Getreidefelder unter Wolken
dpa/Karl-Josef Hildenbrand
Getreideanbau kann Arten gefährden

Mehr als 2.700 Arten sind der Auswertung zufolge zudem direkt bedroht, weil sie gejagt, gefischt oder für die Tierhaltung gefangen werden - so zum Beispiel das Sumatra-Nashorn (Dicerorhinus sumatrensis), der Westliche Gorilla (Gorilla gorilla) und das Chinesische Schuppentier (Manis pentadactyla). Grundsätzlich spielten bei den meisten untersuchten Spezies mehrere Faktoren eine Rolle.

Klimawandel-Gefahren entschärfen

Mit Blick auf den Weltnaturschutzkongresses der IUCN auf Hawaii im September appellierte das Forscherteam an die Verantwortlichen, sich beim Thema Naturschutz nicht nur auf Klimafragen zu konzentrieren. Der Klimawandel könne zwar künftig eine große Gefahr für die Artenvielfalt darstellen, dringlicher sei es aber momentan, die „alten Feinde“ zu bekämpfen.

James Watson von der University of Queensland, Koautor des „Nature“-Beitrags, erklärt in einer Mitteilung der Wildlife Conservation Society (WCS): „Schutzzonen, die Durchsetzung von Jagdregulationen und der Aufbau einer Landwirtschaft, die bedrohten Arten ein gleichzeitiges Überleben ermöglichen - all das spielt eine große Rolle, wenn es darum geht, die Artenvielfalt zu erhalten.“

Die Aufrechterhaltung einer intakten Fauna und Flora könne dann helfen, künftige Gefahren durch den Klimawandel zu entschärfen. Momentan ständen Gefährdungen hierdurch allerdings erst an siebter Stelle der Ursachenliste - 19 Prozent der untersuchten Arten sind betroffen.

„Landnutzung ist mit Abstand der wichtigste Faktor für den weltweiten Rückgang der Artenvielfalt“, meint auch Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). „Die Auswirkungen des Klimawandels werden jedoch rasch zu jenen der Landnutzung aufholen“, prognostiziert der Ko-Leiter des PIK-Bereichs Erdsystemanalyse. „Gemeinsam werden sie zu einem tödlichen Cocktail, dem vorausblickende Politik begegnen muss.“

science.ORF.at/APA/dpa

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