Startschuss für „Gletschereis in die Antarktis“

Die Vorbereitungen für die Expedition zum Mont Blanc laufen auf Hochtouren. Am Montag startet ein sechsköpfiges Forschungsteam zum Gipfel. Damit fällt der Startschuss für ein Projekt, bei dem die Gletscher der Welt in der Antarktis archiviert werden sollen.

Chamonix, Mont-Blanc-Massiv - 100 Thermoboxen stehen bereit, sie sollen in den nächsten Wochen meterweise mit Gletschereis des Col dû Dome befüllt werden. „In diesen Tagen fliegen wir mit dem Helikopter von Chamonix aus das gesamte Material auf den Gipfel des Col dû Dome. Hier - auf rund 1.000 Höhenmeter - können wir uns einerseits akklimatisieren und andererseits oben alles in Ruhe vorbereiten“, erklärt Team-Koordinator Koordinator Patrick Ginot vom Labor für Gletscherkunde und Umwelt-Geophysik in Grenoble.

Gletscher
Fondation Université Grenoble Alpes

Am Montag, 15. August wird der Geochemiker zusammen mit Kollegen aus Frankreich, USA und Russland zum Gipfel aufbrechen und in den nächsten zwei Wochen Proben aus dem Mont Blanc Gletscher entnehmen. Italienische Forscher folgen in den Tagen darauf. Insgesamt drei vollständige Gletscherprofile wollen die Forscher in den Kühlboxen verteilen: Zwei werden später zum Südpol geschickt, einer soll für aktuelle Forschungen verwendet werden - science.ORF.at hat über das Projekt „Protecting Ice Memory“ bereits vorab berichtet.

Ö1 Sendungshinweis

Diesem Thema widmen sich auch die Sendungen „Wissen aktuell“ am 12.8. um 13:55 und die Journale.

“Es kann wenig schiefgehen“

„Wir können mit unserem Bohrer je einen Meter herausholen - das heißt, wir arbeiten uns Schritt für Schritt bis zum Boden vor. Im Idealfall brauchen wir für eine komplette Bohrung drei Tage - wir kalkulieren zur Sicherheit aber fünf ein“, so Ginot gegenüber science.ORF.at. Ein möglicher Spielverderber wäre vor allem das Wetter, einerseits könnte ein Sturm die Bohrarbeiten verhindern, andererseits sollte das Eis idealerweise besonders kalt sein.

Ein Stück Gletschereis
Fondation Université Grenoble Alpes

„Abgesehen davon kann bei dieser Expedition nicht viel schiefgehen, glücklicherweise gibt es am Col dû Dome ein Haus, in dem wir viel Platz und Komfort haben“, so Ginot. Weniger Platz und Komfort steht den Forschern bei der zweiten Gletscherkernbohrung in Aussicht - diese soll Mitte nächsten Jahres am bolivianischen Illimani-Gletscher auf rund 6.000 Höhenmetern stattfinden. „Dort werden wir in Zelten wohnen - dieses Projekt wird komplexer und länger dauern“, schildert Ginot.

Eis aus Bolivien: Sammelpunkt Grenoble

Auch muss das Gletschereis aus den Anden erst nach Grenoble. Dort wird es verpackt und mit den französischen Gletscherproben zum Südpol geschickt - frühestens 2019 soll es so weit sein. Auf die Frage, warum man so einen Umweg macht, antwortete Ginot: „In Bolivien haben wir nicht so saubere Kühlräume, wo wir die Proben auf die Lagerung am Südpol vorbereiten können. Außerdem gibt es keine bereits verfügbare Verbindung zwischen Bolivien und der Antarktis - von Frankreich haben wir jedes Jahr einen Kühlfrachter nach Dome C.“

Wie die Forscher die in Meterhäppchen aufgeteilten Gletscherprofile lagern wollen, ist noch nicht klar, erklärt Ginot. Noch nie zuvor hat man nämlich versucht, Eis für Jahrzehnte oder sogar über hundert Jahre zu konservieren. „Wir wissen nicht, wie das Eis genau reagieren wird im Laufe der Zeit“, so der Geochemiker. Vermutlich packen sie das Eis einzeln in Aluminium und Plastik und verstauen es wieder luftdicht in den Kühlboxen in einer Höhle am Südpol, erzählt Ginot. „Wir wollen die beste Möglichkeit finden, das Eis möglichst lange im Ursprungszustand zu erhalten. Deswegen lassen wir uns Zeit.“

Im Moment noch beschränkt sich das „Protecting Ice Memory“-Projekt auf die beiden Gletscher. Die Forscher wollen dem Archiv in der Antarktis künftig aber noch mehr Gletscherprofile hinzufügen und andere Forschungsinstitute dazu anregen, ihrem Beispiel zu folgen.

Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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