„Wir brauchen Verräter“

Im Zeitalter des digitalen Kapitalismus brauchte es eine „neue Aufklärung“, meint der Finanzmarktforscher Gerald Nestler. Er schreibt in einem Gastbeitrag: „Wir brauchen Verräter und Verräterinnen, die sich gegen ein ungerechtes System stellen.“

How to produce [subjectivity], collect it, enrich it, reinvent it permanently in order to make it compatible with mutant Universes of value? —Felix Guattari, Chaosmosis (1992)

Im Jahr 2000 rief Pierre Bourdieu zu einer „neuen Aufklärung“ auf, in der ein Europa der Bürger im Mittelpunkt stehen und eine entfesselte Ökonomie durch eine neue soziale, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauende Bewegung entmachtet werden sollte.

Der Aufruf des Europäischen Forum Alpbach zu einer „neuen Aufklärung“ steht daher im Lichte dieses früheren Aufrufs, und die Dringlichkeit dieser Erörterung wird nur durch den Eindruck in den Schatten gestellt, dass diese Versuche eine Abwärtsspirale auszulösen scheinen, der Politik und Medien zu immer neuen Tiefständen ‚inspiriert’. Dadurch wird zwar der Diskurs nicht stoppt, aber Energien zu notwendigen Handlungen blockiert. Aber gerade um Handlungsfähigkeit geht es.

Porträtfoto von Gerald Nestler
Gerald Nestler

Der Autor

Gerald Nestler studierte an der Akademie der bildenden Künste. Von 1994-1997 betrieb er als Broker und Trader Feldforschung innerhalb des Finanzsystems. Er hat an mehreren Universitäten unterrichtet und ist PhD-candidate am Centre for Research Architecture, Goldsmith der University of London.

Dass Finanzmärkte enorme Auswirkungen auf Gesellschaften und ihre Bevölkerungen haben, ist seit dem Börsencrash 2008 allgemein bekannt. Allerdings hat sich seither wenig geändert und man wäre schon froh, wenn der Begriff der Aufklärung in einem prosaischen Sinn erfüllt wäre, also informierte Debatten ein Mindestmaß an Transparenz herstellten. Dies ist nicht der Fall und kann im Informationskapitalismus wohl gar nicht der Fall sein, da das sein Geschäftsmodell empfindlich stören würde. Es handelt sich aber nicht allein um eine moralische, sondern auch um eine techno-ästhetische Frage. Denn wir stehen technologisch-operativen Prozessen gegenüber, in welchen sich gesellschaftliche Wahrnehmungen und Haltungen spiegeln.

Finanzmärkte sind schwer zu untersuchen

Eine neue Aufklärung benötigt somit einen Kulturwandel, der unsere technologischen Kompetenzen restrukturiert, und einen Mentalitätswandel, der – man kann es nicht anders sagen – die totlangweilige maskuline Emotionalität, die Finanzmärkte bestimmt, mit anderen Affekten besetzt. Daran hat auch die Automatisierung der Finanzmärkte nichts geändert. Der testosterongetriebene „self-interest“ muss als reaktionär bezeichnet werden, denn im Anthropozän ist opportunistischer Wettbewerb gegen Alteritäten (wozu u.a. Spezies zählen) nichts als ein „recipe for disaster“.

Was die Problematik der Finanzmärkte verschärft, ist der Gegensatz zwischen ihrem massiven Einfluss und der Aufgeklärtheit der Bevölkerung: Er könnte kaum größer sein. Diese Dichotomie in der Begrifflichkeit von Informationskapitalismus und Wissensgesellschaft betrifft nicht nur die breite Masse. Soziologen und andere Spezialisten, die sich der Untersuchung der Finanzindustrie und damit der Wissensvermittlung widmen, klagen über Rahmenbedingungen, die eine wissenschaftliche Herangehensweise verunmöglichen bzw. extrem erschweren.

Dies liegt nicht allein an der Verschwiegenheit und den Informationssymmetrien, die in diesem Feld notorisch – aber auch historisch begründet – sind. Es liegt auch an der Erhöhung der Komplexität, die Märkte undurchschaubar macht. Heutige Finanzmärkte sind nicht nur ökonomische Apparate, sie sind wissenschaftliche Modellarrangements, die sich mithilfe technologischer Maschinen manifestieren.

Alles muss am Markt performen

Der Begriff der „Blackbox“ spricht diese Konstitution in einem Wort aus. Was in operationaler Hinsicht Wettbewerbsvorteil bringt, bedeutet auf einer anderen Ebene Aufklärungsverzicht. Dieses Wissensdefizit muss aber dort enden, wo Blackbox-Technologien zu Verzerrungen in gesellschaftlicher Hinsicht führen – und zwar auch gegen den gesetzlichen Schutz immateriellen und materiellen Eigentums. Denn hier wird prozessuale Aktion auf einer neuen Bedeutungsebene abstrakt.

Wir sind es gewohnt, dass sich Macht repräsentiert. Es gibt kaum einen zentralen Platz, auf dem sich nicht ein Herrscher in Bronze verewigt hat. Es gibt kaum ein Stück Kleidung, das nicht das Logo einer Marke trägt, kein internationales Sportereignis ohne nationale Repräsentationsfiguren. Finanzmärkte entsprechen dem nicht. Ganz im Gegenteil unterlaufen ihre performativen Narrative und Fiktionen die repräsentativen Figuren politischer Inszenierungen.

Sie verwandeln gesellschaftliche Prozesse performativ – euphemistisch könnte man von einer soft power sprechen –, durchdringen die funktionellen Figuren und schmelzen sie ein. Dieses Verflüssigen ist – nach Marx – eine Kernkompetenz des Kapitalismus, auch wenn er sich in seiner Metamorphose – nach Schumpeter – selbst auslöschen muss, um sich neu zu erfinden. Auch dies ist eine Form von Performativität, das heißt der Fähigkeit eines Feldes, auf ein anderes einzuwirken. Im Informationskapitalismus werden Technologien und Psyche zum Amalgam einer auf Zukunft orientierten Handlungsbereitschaft, in der alle(s) als Risikooption am Markt performen muss.

Verschwommene Generalansicht der der Börse Frankfurt
APA/AFP/Daniel Roland
Generalansicht der Börse Frankfurt im Juni 2016

Kritik ist Teil des Systems

Ständige Veränderung und Anpassung prägen eine Realität, für die Derivatmärkte als „Technologie der Zukunft“ (Elie Ayache) das Leitbild sind. Im derivativen Paradigma wird auch das widerständige Potenzial der Kritik ins System eingebettet. Kritik ist eine Grundbedingung seiner Fortschreibung. Die „permanente Revolution“ ökologischer, industrieller, sozialer und individueller Ausbeutung wird durch Kritik zwar in Frage gestellt. Sie wird in ihrer Anwendung aber auch erst durch kritische Differenzierung und deren Rekalibrierung ermöglicht, denn nur so können ihre Innovationen entwickelt und profitabel werden. Kritik macht die volatile Schwankungsbreite sichtbar, evaluiert, kodifiziert, optimiert, quantifiziert und verwertet, was schlussendlich bepreist wird.

Es gilt daher, Wege zu finden, die über Kritik hinausweisen. Hier lässt sich an Entwicklungen anschließen, die sich an den Finanzmärkten in den letzten 30 Jahren herauskristallisiert haben – und die es uns vielleicht erlauben, einen Vorschlag zu einer neuen Begrifflichkeit von Aufklärung zu entwickeln.

Aufklärung im klassischen Sinne verlangt einen Gesellschaftsvertrag unter Subjekten, die sich – nach Immanuel Kant – ihrer selbst bewusst und in Folge als gesellschaftliche Wesen mündig sind. Mündige Bürger bildet sich nicht nur eine Meinung, sie kommunizieren, diskutieren, verhandeln im gesellschaftlichen Rahmen. Diesem Kontrakt liegt die Idee des „self-interest“ zugrunde, aus der sich im 19. Jahrhundert der Markt als Ort dieser Verhandlung herauskristallisierte. Jedes Finanzgeschäft ist ein Vertrag, der von Rechtssubjekten als Eigentümer unterschreiben wird – was auch für neuere Instrumente wie Derivate gilt. Dieses Residuum des liberalen 19. Jahrhunderts beruht auf der Rechtssicherheit von Verträgen, der Einhaltung ihrer Reziprozität durch institutionelle (staatliche) Garantie. Der Ruf nach Selbstregulierung ist geradezu logische Forderung in Sinne individueller und institutioneller Mündigkeit.

Von alten Bildern der Aufklärung lösen

Die zentrale Rolle, die technologische Apparate, derivative Finanzinstrumente und Geschäftsmodelle für die gesellschaftliche Marktverhandlungen spielen, hat die Konstitution des bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsvertrags jedoch radikal verschoben. Der automatisierte Algorithmenhandel verlagert den Wettbewerb auf eine technologische Ebene, deren Komplexität für niemanden mehr auflösbar ist. Derivate erlauben die Verhandlung von Erwartungen auch gegen ihre Nichteinhaltung und usurpieren subtil die Bindung zwischen Vertrag und Erfüllung. Sie führen damit eine neue Kategorie von Beziehungen ein, die als dividuell (im Unterschied zum unteilbaren Individuum) bezeichnet wird.

Unter diesen Bedingungen verlangt es nach einer Aufklärung im Sinne von „intelligence“ (wie etwa im Akronym CIA), die zuerst Tatbestände ans Licht bringt, bevor man überhaupt an einen gesellschaftlichen Begriff von Aufklärung denken kann – und damit auch an eine Neuorientierung von Systemen wie den Finanzmärkten, falls die diese Debatte nicht nur Worthülsen erzeugen soll.

Wir sollten uns daher aus den alten Bildern der Aufklärung lösen. Wie man im Englischen sagt: „We have to up our game.“ Das heißt nicht, dass Kompetenz und Subjekt keine Bedeutung mehr hätten, sie sind jedoch heterogen geworden. Wir haben gelernt, aus „Geschichten“ unterschiedlichster „Erzähler“ zu lernen. Disruptive Technologien verändern die strukturelle Ebene, wie wir Beziehungen organisieren. Marginalisierte Welten eröffnen neue Wissenshorizonte, Randerscheinungen treten ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Wir sollten daher strategisch umdenken und den Blick von Außen durch den Blick von Innen ersetzen. Dazu müssen wir Loyalitäten neu konfigurieren, trotz der Risiken, die in der alten Konstitution lauern.

Wir brauchen Verräter und Verräterinnen

Hier kommt ein Begriff ins Spiel, aus dem sich eine Arbeitshypothese entwickeln lässt: Der englische Begriff „resolution“ ist durch ein semantisches Feld gekennzeichnet, das eine enge Verwandtschaft zwischen Sichtbarmachung, Wissensproduktion, Entscheidungskompetenz und gemeinsame Entschließung aufzeigt (wie in der deutschen „Resolution“) – und der dadurch Brüche in diesem Bedeutungsfeld erkennbar macht.

Ö1 Hinweise

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2016 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen und bei der Kinderuni.

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Ein als aesthetics of resolution beschreibbares Arbeitsprogramm bietet sich somit zur Analyse von Ereignissen an, die sich unserer Wahrnehmung entziehen. Es braucht dazu aber noch eine zusätzliche Figur, die Aufklärung als intelligence einbringt. Denn niemand kann Daten aus der Blackbox herausspielen, der nicht über die Zugangscodes verfügt. Ich bezeichne diese Figur als „renegade“. Sie ist ambivalent, da sie ihrem System in seinem Selbsterhalt schadet, gleichzeitig aber eine im demokratiepolitischen Sinne wirkmächtige aufklärerische Position verkörpert. Sie geht größte Risiken ein, um den Schritt über Kritik und Dissens hinweg zu konkreten Formen der Aufklärung und des Widerstands zu wagen.

Das heißt nicht mehr und nicht weniger, dass wir – um es provokativ auszudrücken – Verräter und Verräterinnen brauchen – Menschen, die bereit sind, sich gegen ein altes, sklerotisches und ungerechtes – wenn auch nicht unrechtes – System zu stellen, das nur wenigen hilft und die Mehrheit in neue Formen von Knechtschaft zwingt (um Hayeks Ausdruck gegen einen überzogenen Marktkonformismus zu wenden).

Pakistanische Börsenmakler von der Börse in Karachi bei einer Ruhepause
APA/AFP/Rizwan Abassum
Pakistanische Börsenmakler von der Börse in Karachi bei einer Ruhepause

Eine neue Form der Subjektivität

Mittels dieser aesthetics of resolution, die den Begriff der Aufklärung mehrdimensional begreift, könnten wir zu einem neuen Verständnis gesellschaftlicher Gestaltung gelangen. Und sie betont einen Moment, den wir heute als Verlust wahrnehmen: In der Figur des „renegade“ erhält das zum Dividuum verwandelte Individuum wieder Handlungsmacht gegen seine Zurückdrängung als eigenständiger Akteur durch Algorithmen, Automatisierung und Big Data.

Subjektivität entsteht hier im solidarischen Verbund mit anderen Technologien – die zumindest das Potenzial in sich tragen, die eigentumsbasierte Rechtslage zu revolutionieren (etwa mittels smart contracts); die aus der Noise an Information Daten und damit konkretes Wissen herausfiltern; die Protokolle produzieren, durch die Werte („Universes of value“) neu und vielfältig konfiguriert werden (wie durch die Blockchain). Derivate können uns helfen, Risiko als verteiltes Gut positiv zu besetzen, indem sie volatile Situationen austarieren und reziproke Beziehungen entstehen lassen.

Derart adaptive Systeme könnten die eigentliche Aufgabe des Finanzmarkts „gesellschaftsfähig“ machen: die Sorge um die Zukunft so zu organisieren, dass die Bedürfnisse, Hoffnungen, Interessen, Wünsche und Ängste der Menschen in ihrer vielfältigen Mitwelt abgebildet werden. Das ist die gestalterische Aufgabe – die poietics of resolution – die nur im Zusammenspiel technologischer, ökonomischer, organisatorischer, ethischer und ästhetischer Kompetenzen verwirklicht werden kann.

Dazu braucht es ein Interesse – d.h. eine Anteilnahme – die sich in diversesten Formen des Miteinanders engagiert – und wenn sie wollen, investiert. Und es braucht Menschen, die sich der Peinlichkeit ihrer selbstverschuldeten Unterwerfung bewusst sind, um zum Schluss Kant zu paraphrasieren. Potenziell sind das viele. Bitte vortreten.

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