Die ideale Wissenschaftsstadt

Gute Wissenschaft lässt sich planen, davon ist der Architekt Gerhard Schmitt von der ETH Zürich überzeugt. Seine Devisen: alles so normal wie möglich halten, Mitarbeiter und Anrainer einbinden und kein Luxus – der sei für gute Ideen hinderlich.

2003 initiierte der Schweizer Architekt Gerhard Schmitt die Entwicklung einer idealen Wissenschaftsstadt am Stadtrand von Zürich. Und zwar am alten Standort Hönggerberg, wo bereits 5.000 Menschen arbeiteten. 2008 waren die ersten Gebäude fertig bzw. umgebaut und gingen in Betrieb, damit kamen zu den dort bereits angesiedelten Natur- und Technikwissenschaften auch Sport-, Lebens- und Informationswissenschaften hinzu.

Mittlerweile ist der Campus auf 15.000 Menschen angewachsen. Ab September dieses Jahres ziehen zudem erstmals 1.000 Studenten auf den Hönggerberg. Ein wichtiger Schritt, so Schmitt, denn der Campus war stets dafür gedacht, „Menschen zu verbinden – Wissenschaftler untereinander und mit der Bevölkerung vor Ort.“ Buchläden, Sportplätze, Bistros usw. sind im Hochschulbetrieb eingegliedert.

Zur Person

Gerhard Schmitt ist Professor für Informationsarchitektur, Gründungsdirektor des Singapore-ETH Centre und Delegierter des Präsidenten für ETH Global. Von 1998 bis 2008 wirkte er als Vizepräsident für Planung und Logistik in der ETH-Schulleitung mit. Seine Forschungs- und Lehrgebiete: die Simulation von Zukunftsstädten, Knowledge Visualization und räumlich verteiltes Collaborative Design.

Mit einem angelsächsischen Campus hat das aber wenig zu tun, betont der ETH-Architekt, „es ist für alle offen, und es gibt keine Campuspolizei.“ Nach acht Jahren zieht nicht nur der Architekt ein positives Resümee, auch die Forscher melden zurück, dass sich ihre Produktivität deutlich gesteigert hätte. Stellt sich die Frage:

1. Was macht den Standort so besonders?

Die Science City befindet sich zwar am Stadtrand von Zürich, „es ist aber kein Satellitencampus, dagegen habe ich mich gewehrt, denn es macht wenig Sinn, Wissenschaft zu isolieren.“ Bevor Schmitt das Projekt startete, befragte er alle Studierenden und Mitarbeiter der ETH Zürich, wo sie gerne studieren bzw. forschen und lehren wollen. „Sie haben sehr präzise rückgemeldet, wo in Zürich und auch wo am Campus sie arbeiten und wohnen wollen.

Dieser Prozess steht seither am Beginn all seiner Projekte. "Denn es geht nicht darum, einen Campus zu planen, wie wir ihn uns vorstellen, auch nicht darum, wie technologisch intelligent der Standort ist, nicht mal, dass er perfekt ist für die Wissenschaft. Vielmehr muss man den Ort lebendig halten, was nur geht, wenn man stets die Bedürfnisse der dort tätigen Menschen rückfragt - wir nennen das ‚Responsiveness‘. Dieses Prinzip gilt auch für die Städteplanung.“

Auch die Menschen in der Umgebung des Campus hat Schmitt mit an Bord geholt und ist ihnen ein Jahr lang Rede und Antwort zum Projekt gestanden. Das Ergebnis: keine Einsprüche. „Das ist für Zürich sehr selten. Dafür waren aber auch über 3.000 Gespräche notwendig, weil die Bewohner von Hönggerberg und Umgebung natürlich Vorbehalte hatten.“

Luftbild Hönggerberg Science City ETH Zürich
Alessandro Della Bella
Die Science City in Zürich aus der Luft

2. Wie sieht eine Science City aus?

Technologiegespräche Alpbach

Von 25. bis 27. August fanden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Ein Fachplenum widmete sich der Forschung an der ETH in Zürich, an dem auch Gerhard Schmitt teilnahm.

Auch wenn Schmitt betont, es ginge nicht um Perfektion, so sind die Gebäude bewusst funktional gestaltet und darauf ausgerichtet, sowohl die Denkleistung zu steigern als auch die Menschen zusammenzubringen. Architekturdenkmäler sucht man am Campus jedoch vergeblich, so Schmitt. „Die Architektur muss sehr fortschrittlich sein, kann in ihrer Form aber durchaus bescheiden bleiben. Im Inneren müssen die Gebäude jedoch eine ideale Arbeitsumgebung bieten.“

Als Beispiel nennt er das Bauwerk des österreichischen Architekten Dietmar Eberle, in dem die Lebenswissenschaften untergebracht sind: Zentral ist ein großer Raum, lichtdurchflutet, dennoch strukturiert, die Fenster kann man öffnen, um das Gebäude laufen große Balkone im Kreis. Sie dienen gleichzeitig als Sonnenschutz, wodurch es beinah zum Null-Energie-Haus wird.

3. Wie arbeitet man in einer Science City?

Am Standort Hönggerberg sind die Wissenschaften nicht in „Department-Silos abgefüllt“, wie Schmitt es ausdrückt, sondern die Gebäude bleiben teilweise flexibel benutzbar, sodass unterschiedliche Forschungsrichtungen für bestimmte Projekte und somit für eine begrenzte Zeit zusammenarbeiten können. „Es muss immer Platz für spontane Veränderungen sein“, so Schmitt. Aufgrund der offenen Struktur des Uniareals kommt es immer wieder vor, dass auch neugierige Nicht-Wissenschaftler in seinem Büro stehen und fragen, was dort passiert. „Zum Teil kann man von diesen Begegnungen profitieren. In Labors ist das natürlich anders.“

4. Kann man gute Forschung planen?

„Ja, kann man“, ist Schmitt überzeugt. „Wissenschaft wird befördert, wenn Menschen in einer offenen Umgebung zusammenarbeiten und unterschiedliche Denkweisen aufeinandertreffen – das heißt, mit unterschiedlichen kulturellen und nationalen Hintergründen, aus verschiedenen Disziplinen.“ Extreme - wie kleine abgegrenzte Arbeitszellen oder totale Großraumbüros - funktionieren nicht.

Auch legt der Architekt großen Wert auf Fußwege: „Sie sind die physische Verbindung zwischen den Menschen, wissenschaftlichen Disziplinen usw.“ Auf Luxus hingegen verzichtete Schmitt in der Planung bewusst. „Sieht man sich Nobelpreisträger an, so haben viele in nicht perfekten Arbeitsräumen gearbeitet.“

Bisher sei zwar noch keinem Forscher der neuen ETH Wissenschaftsstadt der Nobelpreis verliehen worden, monatlich entstehen aber zwei Spin-offs, so Schmitt. Das heißt, kleine Unternehmen, die aus Forschungsideen am Unicampus entstehen und „in der wirklichen Welt“ umgesetzt werden. „Diese tragen jährlich 20 bis 30 Millionen zum Steuerbudget der Stadt bei“, so Schmitt.

Wohneinheit am Campus der ETH Zürich Science City
Alessandro Della Bella
Wohneinheit des Campus für Studierende

5. Muss eine Science City auch nachhaltig sein?

„Es muss eine klare Verbindung geben zwischen dem, was man forscht und lehrt, und dem Ort, an dem man das tut. Es kann nicht sein, dass man im Bereich der Lebenswissenschaften oder sogar zu Nachhaltigkeit forscht und in einer CO2-Schleuder sitzt“, so Schmitt.

So lautet das Ziel des ETH-Campus, bis zum Jahr 2020 kein Kohlendioxid mehr in die Luft zu blasen. Im Moment befindet sich der Hochschulstandort auf bestem Wege, sein Ziel zu erreichen. So speichert er beispielsweise die Wärme aus dem Sommer im Boden und verwendet die überschüssige Energie im Winter. „Zudem sind unsere Gebäude miteinander verbunden, sodass ein Haus, das wenig Energie verbraucht oder sogar Energie erzeugt, ein anderes mitversorgen kann.“

Weiters gibt es kaum Parkplätze am Uniareal, dafür umso mehr Radabstellplätze und eine ausgebaute Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der individuelle motorisierte Personenverkehr beträgt dadurch weniger als vier Prozent. Auf diese Weise konnte der Campus seit der Inbetriebnahme 2008 im Vergleich zum alten Campus bereits die Hälfte CO2 einsparen, erklärt Schmitt. „Solche Optionen werden international aber leider noch immer zu wenig mitbedacht.“

Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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