Ein Leben „unter fremdem Himmel“

1966 schlossen Österreich und das sozialistische Jugoslawien ein Abkommen zur Anwerbung von Arbeitskräften ab: Aus den Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern von einst sind Österreicherinnen und Österreicher geworden. Eine Ausstellung im Volkskundemuseum Wien erzählt von ihrem Leben.

„Ich bin zwar in Bosnien geboren, aber ich lebe seit dem 5. Mai 1971 in Wien“, erzählt der ehemaligen Gastarbeiter Niko Mijatović. Er kam ursprünglich nach Österreich, um seinen bereits hier lebenden und arbeitenden Vater zu sehen. Aus einem Besuch in Wien ist ein ganzes Leben in Österreich geworden.

Niko Mijatović, ehemaliger Gastarbeiter
Verein JUKUS
Niko Mijatović hat auch zwei Fotoalben aus den 1970er und 1980er Jahren zur Ausstellung beigesteuert.

Die Ausstellung des Grazer Verein JUKUS im Volkskundemuseum Wien illustriert die Geschichte der jugoslawischen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter in Österreich unter anderem am Beispiel von Niko Mijatović und seiner Familie. Sie ist in fünf Stationen gegliedert: Ankunft, Arbeit und Wohnen, Selbstorganisation, Diskriminierung und Mobilität, also das Pendeln zwischen zwei Heimaten.

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Über dieses Thema berichtet heute auch „Wissen aktuell“, 1.9.2016, 13.55 Uhr

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Im Fall von Niko Mijatović waren das Wien und Brčko in Bosnien: „Wir haben die Reise Freitagnacht gestartet, Sonntag Mitternacht oder Montagfrüh waren wir wieder in Wien und sind dann arbeiten gegangen. Ich habe zu diesem Zeitpunkt bei einer Spedition gearbeitet – oft 20 Stunden ohne Schlaf.“ Dank seines jugoslawischen Reisepasse durfte Niko Mijatovićs Arbeitgeber ihn auch in der Tschechoslowakei und in Rumänien beschäftigen, Österreicher hätten dafür ein Visum gebraucht.

Sündenböcke während der Ölkrise

Niko Mijatović fiel die sprachliche Eingliederung leicht, er hatte in Bosnien bereits vier Jahre lang Deutsch gelernt: „In Wien angekommen, habe ich mich dann gefragt, was habe ich für Deutsch gelernt? Ein älterer Wiener hat mir dann erklärt, dass es wichtig sei, Wiener Slang zu lernen und auf keinen Fall Hochdeutsch zu sprechen.“

Österreich schloss das Anwerbeabkommen mit Jugoslawien in Folge eines rasanten Wirtschaftswachstums, es mangelte an Arbeitskräften. Als 1973/74 Ölkrise und Rezession einsetzen, werden die jugoslawischen Gastarbeiter zu Sündenböcken abgestempelt. Repräsentative Umfragen aus jener Zeit zeugen von großen Ressentiments der Österreichischen Mehrheitsbevölkerung gegen die Gastarbeiter. So lehnten 1972 37 Prozent jedwede Nachbarschaft mit Gastarbeitern ab und 1974 wollten nur 17 Prozent einer Verehelichung des Sohnes mit einer jugoslawischen Ehepartnerin akzeptieren.

Plakat der Ausstellung: "Unter fremdem Himmel"
Verein JUKUS
Die jugoslawischen Arbeitskräfte waren u.a. in der Bekleidungsindustrie und am Bau beschäftigt, errichteten etwa die Uno City und die Wiener U-Bahn.

Selbstorganisation als Schüssel zur Teilhabe

Jede Station der Ausstellung wird durch Medienberichte von damals ergänzt. Joachim Hainzl vom Verein JUKUS, der gemeinsam mit Handan Özbaş die Ausstellung kuratiert hat, erklärt, was ihm dabei aufgefallen ist: „Damals gab es wirklich einen Journalismus, der noch sehr empathisch war. Wenn ich die heutige Situation mit Zuwanderung und Flucht anschaue, suche ich schon sehr krampfhaft nach Artikeln, wo wirklich auch die Sicht der Flüchtlinge dargestellt wird.“

Rückblickend erweist sich die Selbstorganisation der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter in mehr als 100 Vereinen alleine in Wien als wesentlicher Schlüssel zu mehr sozialer Teilhabe. Niko Mijatović war Mitglied des bis heute bestehenden Klubs „Jedinost“ (dt. Einheit) – als Fußballer, Läufer und politischer Aktivist. Was die österreichische Mehrheitsgesellschaft aus dem Umgang mit den Gastarbeitern von einst für die Gegenwart lernen kann, beantwortet Niko Mijatović so: „Man sollte vor allem die Menschen so nehmen, wie sie sind. Ohne Vorurteile. Wenn man wissen will, was das für ein Mensch ist, muss man ihn kennen lernen.“

Die Ausstellung des Grazer Vereins JUKUS macht nach dem Volkskunde Museum Wien noch in Graz Klagenfurt und Kapfenberg Station.

Tanja Malle, Ö1-Wissenschaft

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