Nicht nur Frage der Menschenwürde

Menschliche und tierische Zellen kreuzen, um Krankheiten besser zu erforschen: Das könnte in den USA bald staatlich gefördert werden – und ist heftig umstritten. Dabei steht nicht nur die Menschenwürde auf dem Spiel, sondern auch der Tierschutz, meint der Bioethiker Ulrich Körtner in einem Gastbeitrag.

In den USA zeichnet sich ab, dass das bestehende Moratorium in der Chimärenforschung – also der Forschung an Mensch-Tier-Mischwesen – schon bald beendet werden könnte. Die US-Gesundheitsbehörde NIH lässt über einen entsprechenden Vorschlag in den nächsten Wochen diskutieren.

Unter strengen Auflagen soll die Forschung an Chimären oder Zybriden, die tierische und menschliche Gene besitzen, mit staatlichen Geldern gefördert werden. Privat finanzierte Forschung ist in den USA ohnehin nicht verboten. Überhaupt ist die Forschung an Chimären international auf dem Vormarsch.

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Ulrich Körtner

Der Autor

Ulrich H.J. Körtner ist Direktor des Instituts für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie sowie des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien.

Über die Forschung soll ein Kontrollgremium wachen, dem auch Ethiker angehören sollen. Doch vor allen ethischen Abwägungen im Einzelfall steht die Frage, wie man sich grundsätzlich zur Chimärenforschung stellt, ob der Zweck – nämlich die Hoffnung auf neue Durchbrüche bei der Erforschung von Krankheiten wie Krebs, Alzheimer oder Parkinson – jedes erdenkliche Mittel heiligt und auf welcher ethischen Basis ein Urteil über Chimärenforschung möglich ist.

Transgene Tiere sind schon üblich

Grundsätzliche Bedenken gegen die Erzeugung und Beforschung von Mensch-Tier-Mischwesen werden zumeist damit begründet, dass sie eine Verletzung der Menschenwürde darstellen. Auch wenn es sich bei Chimären oder Zybriden nur um Embryonen in der Petrischale handelt, die nicht zum Zweck der Fortpflanzung erzeugt werden, sondern nach wenigen Tagen vernichtet werden, sehen manche Kritiker in solchen Forschungen einen Verstoß gegen die Menschenwürde, weil sie bereits den frühen menschlichen Embryo ab der Befruchtung als Person mit Menschenwürde betrachten.

Wer diesen Standpunkt nicht teilt, wird die Forschung an Embryonen mit tierischen und menschlichen Genen für weniger problematisch halten.

Eine neue Qualitätsstufe wird allerdings erreicht, wenn menschliche Gene oder menschliche Stammzellen nicht mehr nur in tierische Eizellen oder Embryonen transferiert, sondern in lebende Tiere eingeführt werden. Nun ist dergleichen in der Forschung bereits längst üblich. Mäusen werden menschliche Krebsgene implantiert, um an den Tieren die Entwicklung von Tumoren zu erforschen. Schon lange wird auch mit transgenen Tieren experimentiert, in der Hoffnung, auf diesem Wege eines Tages Organe gewinnen zu können, die Menschen transplantiert werden können.

Tierethik in den Vordergrund?

Solche Forschungen sind freilich nicht nur eine Frage der Medizinethik und der Menschenwürde, sondern sie berühren auch elementare Fragen der Tierethik und des Tierschutzes. Das gilt auch für die aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet der Chimärenforschung.

Der amerikanische Bioethiker Insoo Hyun von der Case Western Reserve University vertritt in einem aktuellen Debattenbeitrag die Ansicht, in der laufenden Debatte über die Chimärenforschung sollten überhaupt die tierethischen Fragen im Vordergrund stehen. Die entscheidende Frage laute, ob die so erzeugten Mensch-Tier-Mischwesen einem besonderen Leiden ausgesetzt seien.

Viele Kritiker der Forschung warnen davor, dass Tiere, denen menschliche Gene oder Stammzellen im Gehirn eingesetzt werden, Ansätze von menschlichem Bewusstsein entwickeln und damit einen menschenähnlichen Status gewinnen könnten. Insoo Hyun sieht dagegen auch dann schon einen möglichen Verstoß gegen Tierrechte, wenn die genetisch veränderten Tiere unter neurologischen Funktionsstörungen leiden.

Tierexperimente vermindern

Der deutsche Ethikrat und der deutsche Tierschutzbund haben bereits 2011 davor gewarnt, dass die Chimärenforschung die Tür zu neuen belastenden Tierexperimenten öffnet. Mit Recht wurde schon damals darauf verwiesen, dass es sich bei solchen Experimenten um Grundlagenforschung handelt, deren möglicher Nutzen für die Medizin noch völlig im Dunkeln liegt.

Zu bedenken ist, dass sich Ergebnisse aus Tierexperimenten häufig nicht – oder nicht ohne weiteres – auf den Menschen übertragen lassen. Was sich beispielsweise in einem Mäusegehirn abspielt, muss beim Menschen noch lange nicht der Fall sein. Sowohl unter humanmedizinischen als auch unter tierethischen Gesichtspunkten besteht daher seit Langem die Forderung, die Zahl an Tierexperimenten zu vermindern und nach Alternativen zu suchen.

Ethik darf kein Feigenblatt sein

Gerade die Stammzellforschung ist auch mit solchen Argumenten in den letzten Jahren ethisch begründet worden. Arzneimittelversuche an menschlichen Stammzellen sind aussagekräftiger als Tierversuche. Auch die Erforschung von Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson lässt sich an Stammzellen oder aus embryonalen Stammzellen gezüchteten Miniorganen – Organoide genannt – erforschen.

Vielversprechend ist zum Beispiel das Minigehirn, das der Biologe Jürgen Knoblich und sein Team am Wiener Institut für molekulare Biotechnologie (IMBA) an indizierten pluripotenten Stammzellen entwickelt haben.

Die beabsichtige Aufhebung des Moratoriums für Chimärenforschung in den USA läuft in die gegensätzliche Richtung. Das ist tierethisch wie menschenrechtlich bedenklich. Der zweifelhafte Nutzen solcher Experimente wiegt die ethischen Bedenken und Risiken nicht auf. Mögen auch Ethiker in der geplanten Kontrollkommission vorgesehen sein, Ethik als bloßes Feigenblatt der Forschung ist nur – eine Chimäre.

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