Ist das eine neue „Völkerwanderung“?

Erleben wir wirklich gerade eine neue „Völkerwanderung“? Diese und andere brennende Fragen der Zeit mit Forschern und Forscherinnen aus den Geisteswissenschaften diskutieren: Das ist das Ziel des Vienna Humanities Festival von 23. bis 25. September in Wien.

„Ein intellektueller Salon für jedermann“ soll dabei entstehen, der Probleme von heute neu denkt - auch mit Hilfe eines Blicks auf die Menschheitsgeschichte. Das sagen die beiden Organisatoren des Festivals: Matti Bunzl, seit einem Jahr Direktor des Wien Museums, und Shalini Randeria, Rektorin des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM).

science.ORF.at: Es gibt schon viele Veranstaltungen, die versuchen, Wissenschaft in die Öffentlichkeit zu tragen: Warum nun dieses neue Festival, und warum „nur“ Humanities?

Matti Bunzl: Humanities sind ein großer Bereich. Ziel ist es, die Bandbreite des Menschlichen abzubilden: Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch Kunst und Literatur. Bisher hat es in Wien noch kein Festival gegeben, wo man sich ein Wochenende lang dem Reich der Ideen, die in akademischen Schreibstuben entstehen, hingeben und lustvoll genießen kann. Ich bin mit Leib und Seele Geisteswissenschaftler, mir macht das unglaublich viel Spaß. Und das würde ich gerne mit anderen teilen.

Wenn man „Humanities“ betont, setzt man sich zumindest im angelsächsischen Sinn in Gegensatz zu den „Sciences“, also zu den Naturwissenschaften. Warum diese Betonung?

Shalini Randeria: Ich möchte die „Humanities“ nicht auf einen engen Begriff von Geisteswissenschaften verkürzen. Am IWM tragen wir schon im Namen beides: sowohl „human“ als auch „sciences“ – Letzteres aber nicht technisch positivistisch verstanden. Wir verstehen das als ein weites Spektrum mit Literaturwissenschaft, Soziologie, Ethnologie, Politikwissenschaft etc.

Es gibt aber keine Chemiker oder Physiker bei dem Festival?

Bunzl: Einer der Vortragenden ist Christian Lamm, ein hervorragender Neuropsychologe, der das Menschliche erkundet. Physiker sind toll, aber Physik ist keine Wissenschaft vom Menschen, sondern von der unbelebten Natur. Wir verstehen Humanities als Wissen über die Essenz des Menschen. Dazu haben wir die spannendsten Denker, Schriftstellerinnen und Künstler eingeladen. Ziel war es, die unglaubliche Breite an spannenden Ideen und spannenden Wissenschaftlern, die es in Wien gibt, abzubilden. Wir laden Besucher und Besucherinnen ein, in die Wiener intellektuelle Szene einzutauchen und Teil dieser Szene zu werden.

Randeria: Das Festival ist ein politischer und intellektueller Salon, in dem jeder und jede an einem kritischen Dialog mit den Vortragenden und miteinander teilhaben kann. Er ist eine Einladung, Wien anders kennenzulernen, wir wollen den Wienern ein kosmopolitisches Wien präsentieren.

Unter den rund 40 Veranstaltung befindet sich auch eine syrisch-orthodoxe Messe in der Karlskirche: Wie passt das zu einem Humanities Festival?

Bunzl: Dabei geht es nicht direkt um die Flüchtlingskrise, sie ist aber die dringendste soziale und politische Frage der Zeit. Viele der Flüchtlinge aus Syrien sind Christen. Deshalb waren wir sehr glücklich, dass die Karlskirche unsere Idee – eine syrisch-orthodoxe Messe abzuhalten – gut gefunden hat. Sie ist ein Versuch, die kosmopolitische Realität Wiens neu zu erfahren.

Das Festival heißt „Andernorts“ - warum?

Bunzl: Der Titel stammt vom gleichnamigen Roman von Doron Rabinovici. Der Roman erzählt nicht nur eine wunderbare Geschichte, sondern reflektiert auch sehr profund, worum es uns geht: um den Gedanken, dass Heimat nie vollständig sein kann, dass alle Orte und Verortungen immer Spuren von anderen Orten beinhalten. Das alles steckt in dem Wort „andernorts“ drinnen, deshalb halte ich es als Titel für unser Festival ideal.

Matti Bunzl (Wien Museum), Shalini Randeria (IWM) und Dessy Gavrilova (Time to Talk) bei der Pressekonferenz
Wien Museum
Matti Bunzl (Wien Museum), Shalini Randeria (IWM) und Dessy Gavrilova (Time to Talk) bei der Pressekonferenz

Gibt es eine Veranstaltung, die besonders gut trifft, was Sie mit dem Festival erreichen wollen?

Bunzl: Ja, das Gespräch mit dem Mittelalterspezialisten Walter Pohl über Völkerwanderung – denn das ist ein Wort, das im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise immer wieder gebraucht wird. Die klassische Festivallogik ist zu sagen: Okay, Völkerwanderung ist ein historisch besetzter Begriff, es gab im Mittelalter eine, also reden wir darüber – aber nicht nur über die Geschichte, sondern auch darüber, wie der Begriff heute verwendet wird und wie er heute besetzt ist. Das ist genau, was wir versuchen: Etwas Heutiges durch ein Verständnis der Menschheitsgeschichte neu zu denken.

Man kann so eine Veranstaltung nicht durchführen, ohne sich politisch zu positionieren: Was tun Sie, um nicht zu einem abgehobenen Intellektuellenevent zu werden, das mit den realen Sorgen vieler – oft auch migrationsfeindlichen – Menschen nichts zu tun hat?

Randeria: Es ist immer schwierig, Leute zu erreichen, die das nicht interessiert. Was wir versuchen, ist ein sehr breites Themenspektrum anzubieten. Nehmen wir zum Beispiel die Panama-Papers: Da geht es um Geld, das „andernorts“ ist und deshalb hier nicht versteuert werden kann – das Thema geht jeden etwas an. Das Gleiche betrifft den Klimawandel oder grundlegende Fragen wie: „Wie entsteht Mitgefühl?“ und „Gibt es Grenzen von Solidarität?“ Darüber denken wir nicht nur mit Intellektuellen nach, sondern auch mit Künstlern, Journalisten etc. Und generell soll der Ablauf dazu beitragen, dass es keine abgehobenen Intellektuellengespräche werden. Denn es handelt sich nicht um klassische Vorträge, sondern immer um kurze Gespräche auf der Bühne mit einem Gesprächspartner, dann folgt die Öffnung ins Publikum.

Die Vermittlung ist bei solchen Veranstaltungen immer ein Thema, könnten Sie sich in Zukunft da noch mehr vorstellen?

Bunzl: Absolut, in Chicago läuft das Festival ja seit 1990, da gibt es viel Erfahrung. Wir haben zum Beispiel Initiativen in Nachbarschaften mit Latinos bzw. African American gemacht. Wenn das Festival in Wien ein Erfolg werden sollte und wir unsere Sponsoren weiter begeistern können, gibt es eine Reihe guter Ideen, wie wir die „Bildungsfernen“ ansprechen können.

Randeria: Am IWM haben wir dazu vor Kurzem ein neues Format ausprobiert und in einem Kabarett einen ganzen Abend lang nur politische Witze erzählt. Im Herbst probieren wir wieder etwas aus: Wir gehen zum Heurigen, unter dem Motto „Der gemischte Satz“. Zehn Visiting Fellows werden dabei dem Publikum für Einzelgespräche zur Verfügung stehen.

Was sicher abschreckend ist, sind Eintrittspreise – so wie das beim Festival in Chicago der Fall ist …

Bunzl: Ja, im Gegensatz dazu ist Wien komplett gratis. Chicago wurde in gewisser Weise Opfer seines Erfolgs. Ziel war es, möglichst viele Menschen zu erreichen. Das ist auch gelungen, hat aber dazu geführt, dass manche gar nicht hineingekommen sind. Um das ein bisschen auszugleichen, haben wir bescheidene Ticketpreise eingeführt.

Was erhoffen Sie sich von der Premiere – auch im Vergleich zu Chicago?

Bunzl: Wir übernehmen die Grundidee, die Stadt in einen Salon zu verwandeln – nicht passiv einem Vortrag zuzuhören, sondern das Gespräch auf der Bühne und mit den Zuschauern und Zuschauerinnen zu suchen. In den USA ist das mittlerweile weit verbreitet, in Europa ist das meines Wissens der erste Versuch. In Chicago kommen mittlerweile in drei Wochen 50.000 Menschen. Für das erste Mal in Wien hoffe ich natürlich auf volle Häuser und dass die Wiener nachher sagen: Das ist ein spannendes Format, und ich kann es gar nicht erwarten, was ihr nächstes Jahr macht!

Das Gespräch führte Lukas Wieselberg, science.ORF.at