Was Bärtierchen (fast) unsterblich macht

Bärtierchen halten alles aus, sie gelten als nahezu „unkaputtbar“. Japanische Forscher haben nun das Erfolgsgeheimnis der kleinen Tiere gelüftet: Ihre Widerstandskraft verdanken sie dem „Dsup“-Faktor.

Unter dem Mikroskop sehen die meist weniger als einen Millimeter kleinen Bärtierchen zart und recht possierlich aus. Doch der Eindruck täuscht. Die achtbeinigen Tiere, weitschichtig verwandt mit Insekten, Spinnen und Stummelfüßern, sind hart im Nehmen.

Forscher haben seit ihrer Entdeckung im Jahr 1777 die verrücktesten Versuche mit ihnen angestellt, sie in Wasser gekocht, sie in flüssiges Helium bei minus 272 Grad getaucht und sie mit 6.000 Bar unter Druck gesetzt. 2008 haben schwedische und deutsche Biologen Bärtierchen gar im Weltraum ausgesetzt. Das Ergebnis war das Gleiche wie bei den vorherigen Versuchen: Selbst die Kombination von Vakuum und kosmischer Strahlung schien ihnen nicht wirklich etwas auszumachen.

Werden die Lebensumstände unangenehm, fallen die Bärtierchen regelmäßig in einen todesähnlichen Zustand, aus dem sie ebenso regelmäßig wieder ins Leben zurückkehren (siehe Video). Was Lazarus, der auferstandene Tote, nur einmal zu Wege brachte, beherrschen die Bärtierchen offenbar in Serie.

Warum gerade sie dazu imstande sind, war bislang unklar. Eine Analyse japanischer Genetiker gewährt nun Einblicke in die Anpassungsstrategien der kleinen Überlebenskünstler. Wie die Forscher um Takuma Hashimoto von der Universität Tokyo im Fachblatt „Nature Communications“ berichten, befinden sich im Erbgut der Art Ramazzottius variornatus einige Hinweise darauf, wie sie und ihre nahen Verwandten mit widrigen Lebensumständen umzugehen vermögen.

Der „Dsup“-Faktor

Als da wären: Bärtierchen haben sich vieler Stressreaktionen, die sich im molekularen Inventar vieler anderen Arten befinden, schlicht entledigt. Und im Gegenzug viele Gene angehäuft, die Schutz vor schädlichen Einflüssen bieten. Das mag noch nicht sonderlich überraschend sein, Hashimoto fand allerdings auch einen völlig unbekannten Erbfaktor: Das Protein „Dsup“ (von „Damage suppressor“) verhindert Schäden an der DNA, dem Hauptangriffspunkt von Strahlung.

Dass das so ist, konnten die japanischen Forscher auch mit folgendem Versuch belegen: Menschliche Zellen, die mit dem „Dsup“-Gen ausgestattet wurden, waren danach ebenfalls deutlich besser vor harter Strahlung geschützt.

Bärtierchen unter dem Elektronenmikroskop
Tanaka S, Sagara H, Kunieda
Hart im Nehmen: Ramazzottius variornatus

Dieses Ergebnis steht im Widerspruch zu einer Studie aus dem Vorjahr. Damals waren amerikanische Forscher zu dem Schluss gekommen, die Bärtierchen hätten ihre Widerstandskraft durch den großzügigen Import fremder Gene („horizontalen Gentransfer“) erhöht.

Für solche genetische Leihgaben finden Hashimoto und sein Team nun keine Anzeichen. Sie vermuten, dass die fremden Gene vielmehr von verunreinigten Proben stammen - und folglich gar nichts mit der genetischen Ausstattung der Bärtierchen zu tun haben. Was „Dsup“ anlangt, zeigt eine Recherche in Datenbaken jedenfalls: Das Protein gibt es sonst nirgendwo im Tierreich. Den „Damage suppressor“ besitzen die Bärtierchen exklusiv.

Robert Czepel, science.ORF.at

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