NS-Gedenken im Zeitalter der Migration

Ist mit den muslimischen Flüchtlingen auch eine neue Portion Antisemitismus „importiert“ worden? Michael Rothberg glaubt das nicht. Der US-Kulturforscher untersucht, wie Migranten mit dem Holocaust umgehen - dem wichtigsten „Erinnerungsort“ Europas.

Rothberg ist Gast des Humanities Festival Vienna, das am Wochenende erstmals in Wien stattfindet. Ein Interview über neuen und alten Antisemitismus, Erinnerungskulturen, die im Wettbewerb stehen, und erstaunliche Kulturprodukte.

science.ORF.at: Sie haben die vergangenen zehn Jahre viel Zeit in Deutschland verbracht, vorwiegend in Berlin. Wovor haben Sie heute mehr Angst: vor dem Islamhass der Rechtsradikalen oder vor dem Antisemitismus, den die Migranten und Flüchtlinge mit sich bringen?

Die Gefahr der Rechtsradikalen ist viel größer als jede Art von Antisemitismus, die unter den neuen Migranten existieren mag. Darüber wird viel geredet, aber ich kenne keine empirische Studie, die zeigt, dass der Antisemitismus bei ihnen stärker verbreitet ist als bei den durchschnittlichen europäischen Bürgern - bzw. sind diese Studien oft unzuverlässig, weil sie fragwürdige Definitionen von Antisemitismus verwenden.

Porträtfoto des Holocaustforschers Michael Rothberg
Michael Rothberg

Michael Rothberg ist Holocaust-Forscher und Literaturwissenschaftler an der University of California in Los Angeles.

In Deutschland werden laut Polizeistatistiken 90 Prozent der antisemitischen Taten von Rechtsradikalen begangen. Unter den restlichen zehn Prozent sind auch einige sogenannte muslimische Immigranten. Die überwältigende Mehrheit an Gewalttaten gegen Juden oder jüdische Symbole wird also von ganz „normalen Europäern“ rechtsradikaler Gesinnung verübt. Aktuell, mit Ankunft der neuen Flüchtlinge, ist die Zahl rassistischer Angriffe dramatisch gestiegen, speziell in Ostdeutschland: Wo die wenigsten Flüchtlinge leben, gibt es die meisten Übergriffe.

Viele Flüchtlinge kommen aus Ländern mit einer langen antisemitischen Tradition, wo schon in Schulbüchern Israel dämonisiert wird. Glauben Sie nicht, dass das in Zukunft zu Problemen führen wird?

Es ist schwierig, etwas über die Zukunft zu sagen. Entscheidend wird sein, wie stark die Akzeptanz der neuen Bürger sein wird, welche Möglichkeiten sie haben werden, sich in die Gesellschaft zu integrieren, unter welchen ökonomischen Bedingungen sie leben werden. Ich will nicht leugnen, dass es im arabischen Raum Antisemitismus gibt und dass einige Flüchtlinge antisemitische Einstellungen haben. Aber ich denke, das ist nicht die richtige Frage, die wir uns jetzt über diese Menschen stellen sollten, die vor Krieg fliehen, oft traumatische Erlebnisse hatten und jetzt einfach in Frieden leben wollen. Antisemitismus oder Israel ist nicht das erste, was ihnen jetzt einfällt.

Ich frage Sie das, weil Sie in den vergangenen Jahren zu der Frage geforscht haben, wie wichtig die Erinnerung an den Holocaust unter Migranten in Deutschland heute ist. Ist sie das?

Zum einen: Migranten sind in Deutschland in eine Gesellschaft eingewandert, für deren Identität die Erinnerung an den Holocaust grundlegend ist. Man kann nicht in Deutschland oder Europa leben, ohne sich in irgendeiner Weise mit dem Holocaust zu beschäftigen.

Veranstaltung

Von 23. bis 25. September findet an mehreren Orten am Wiener Karlsplatz das erste Vienna Humanities Festival statt. Unter dem Motto „Andernorts/Out of Place” wollen Wissenschaftler, Künstler und Publizisten mit dem Publikum über die Flüchtlingskrise diskutieren - und darüber hinaus. Veranstalter sind das Wien Museum und das Institut für die Wissenschaften vom Menschen.

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Zum anderen: Viele der Einwanderer sind als Gastarbeiter aus Ländern gekommen, die selbst im Zweiten Weltkrieg beteiligt waren und ihre eigenen Erfahrungen gemacht haben, auch mit dem Holocaust; aus Jugoslawien, Italien, Griechenland. Die meisten stammen allerdings aus der Türkei, das nicht direkt am Zweiten Weltkrieg beteiligt war, weshalb es auch nicht persönliche Verbindungen dazu wie in anderen Ländern gibt. Aber auch sie kamen in ein Land, das sich spätestens seit der Wiedervereinigung gegen den Hintergrund des Holocaust neu definierte. Nun gibt es aber ein Problem: Migranten wird oft gesagt „Das ist nicht eure Geschichte, das ist nicht eure Erinnerung.“ Sie befinden sich dadurch in einer paradoxen Situation. Einerseits sollen sie, um Deutsche oder Europäer zu werden, an der kulturellen Erinnerung des Holocaust teilhaben. Andererseits wird ihnen immer wieder gesagt, dass das nicht ihre Geschichte ist. Das führt bei vielen von ihnen zu Spannungen.

Wie versuchen Sie die Frage konkret zu erforschen?

Gemeinsam mit meiner Kollegin Yasemin Yildiz untersuche ich, wie sich Migranten an der Produktion von Kultur beteiligen, die sich mit NS- und Holocaust-Erinnerung beschäftigt. Und trotz der Auseinandersetzungen, ob sie überhaupt Teil dieser Geschichte sind, haben wir eine große Menge an Schriftstellern, Künstlern, Schauspielern etc. gefunden, die das tun. Wir sagen nicht, dass sie repräsentativ sind für die Migranten an sich. Aber das wäre bei der Mehrheitsgesellschaft auch nicht anders: Auch dort beschäftigt sich nicht jeder und jede mit der Erinnerung an die Shoa. Wir haben jedenfalls einiges gefunden, das man sich wirklich anschauen sollte.

Wie zum Beispiel?

Den – sehr provokanten – Kabarettisten Serdar Somuncu, der auf einer jahrelangen Tournee aus „Mein Kampf“ vorgelesen hat. Das klingt sehr seltsam und antisemitisch, ist aber das Gegenteil. Somuncu hat sich lustig über Hitler gemacht und so das Tabu in Deutschland gebrochen, das rund um das Buch und eine vermeintliche Heraufbeschwörung Hitlers existiert. Somuncu ist mittlerweile zu einem Experten für die Geschichte des Texts geworden: Er taucht in Zeitungsartikeln auf, in Talkshows etc. Neben Somuncu haben wir junge Autoren gefunden wie Hakan Savaş Mican oder Menekşe Toprak, die das Erbe des Holocaust für Migranten in Deutschland reflektieren.

Die Migranten könnten interessanterweise zu einem Vorläufer einer allgemeinen Entwicklung werden. Denn wir erleben in Europa gerade einen Übergang der Generationen, die meisten haben keinen unmittelbaren Bezug mehr zum Zweiten Weltkrieg und zum Holocaust. Migranten könnten ein Modell für diese neue Generation werden, denn sie hatten diesen unmittelbaren Bezug niemals.

Sie untersuchen das Thema kulturtheoretisch, es gibt aber auch Fragen, die alle betreffen, etwa bei der Schulbildung: Wie soll die Erinnerung an den Holocaust in Zukunft gelehrt werden, speziell die neuen Migranten?

Ich bin gegen Lehrpläne, die sich speziell an Migranten richten. Die Frage, wie man Bildung in einer Migrationsgesellschaft neu ausrichtet, ist generell wichtig, und davon ist auch die Erinnerung an den Holocaust betroffen. Das Antwort führt mich zu meinem letzten Buch, in dem ich versucht habe folgendermaßen zu argumentieren: Erinnerungen konkurrieren miteinander nicht in der Art eines Nullsummenspiels. Anders gesagt: Weil wir uns an den Holocaust erinnern, schließt das nicht aus, dass wir auch über den Genozid an den Armeniern sprechen oder über Rassismus, Sklaverei und Kolonialismus.

Deshalb würde ich für Schulpläne plädieren, die die Verschiedenartigkeit der Geschichte und Erinnerung aller Schüler und Schülerinnen respektieren. Daraus könnten sich Dialoge ergeben, und zwar nicht in dem Sinne, dass alle Geschichten gleich sind, sondern um sie kennenzulernen und nach möglichen Anknüpfpunkten zu suchen. Und auch wenn der Holocaust in Europa eine fundamentale Erinnerung bleiben muss, kann sie nicht die einzige sein.

Europa muss sich auch mit den anderen dunklen Kapiteln seiner Geschichte auseinandersetzen - die Rolle beim Kolonialismus, beim Sklavenhandel – und dies verknüpfen mit den Fragen der Gegenwart: Warum kommen gerade jetzt so viele Flüchtlinge? Welche Rolle hat Europa historisch im Nahen Osten oder in Afghanistan gespielt? Wir sind nicht getrennt von diesen Orten, auch wenn wir das oft glauben. Die Schulen sollen anerkennen, dass sie sehr heterogene Schüler haben. Wenn man sie erreichen will, muss man den Geschichtsunterricht öffnen und ihn nicht auf einen engen, nationalen Begriff der Vergangenheit reduzieren.

Erinnerungen stehen oft in Wettbewerb zu anderen. Die Neigung von ethnischen oder sonstigen Gruppen, ihre eigene Geschichte als die schlimmste von allen zu betrachten, ist groß: Was kann man tun, um das zu vermeiden – und etwa auch Solidarität zwischen jüdischen und muslimischen Gemeinschaften in Deutschland und Österreich zu erreichen?

Das ist eine ganz wichtige Frage. Natürlich gibt es Konflikt und Wettbewerb der Erinnerungen. Aber vor allem dann, wenn sehr asymmetrische Verhältnisse vorliegen. Wenn Kinder aus Minderheiten merken, dass ihre eigene Geschichte aus der öffentlichen Debatte ausgeschlossen ist, dass sie an der Schule nicht gelehrt wird, dann schlagen sie natürlich zurück und behaupten, dass ihre eigene Geschichte viel wichtiger ist. Wenn wir in diesem Sinn mehr Offenheit im Umgang mit Geschichte hätten, könnte man einige dieser Konflikte entschärfen. Man muss die Leute einfach zu Wort kommen lassen, anstatt sie von oben zu belehren, was wichtig ist oder sein sollte.

Was das Verhältnis von Juden und Muslimen betrifft: Es gibt weltweit Entwicklungen, die sie trennt, wie den Konflikt zwischen Israel und Palästinensern. Es gibt aber auch Entwicklungen, die sie näher zusammenbringt. Etwa das Erstarken der Rechtsextremen oder das Pochen auf christliche Traditionen gegenüber jüdischen oder muslimischen. Ich erinnere an die Diskussion um die Beschneidung in Deutschland, wo jüdische und muslimische Standpunkte durch den christlichen marginalisiert wurden.

In unserem Projekt haben wir einige sehr interessante Projekte gefunden, wo Juden mit Muslimen oder Migranten zusammenarbeiten. Eines der spannendsten ist sicher das Musikprojekt der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano, die gemeinsam mit der migrantischen Hip-Hop-Band Microphone Mafia auftritt. Sie singen antirassistische und antifaschistische Lieder für junge Hörer und Hörerinnen – meiner Ansicht nach ein Produkt ähnlicher Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung, die sie als Juden oder Migranten gemacht haben.

Sie sind Gast beim Humanities Festival Vienna: Kann eine Veranstaltung wie diese, die Fragen von Migration und Flucht öffentlich diskutiert, etwas Positives bewirken?

Ich denke schon - und freue mich sehr auf das Gespräch mit Matti Bunzl, dem Direktor des Wienmuseums, das ich im Rahmen des Festivals führen werde. Die Human- und Geisteswissenschaften können viel zu der öffentlichen Diskussion beitragen, sie vertreten andere Standpunkte als Politik, Sozialwissenschaft oder Journalismus. Und zwar weil die Kultur, die wir untersuchen, andere Blickwinkel liefert. Dinge wie Trauma, Krieg, Rassismus, Ausschluss, Staatsbürgerschaft etc. haben eine kulturelle Dimension, über die oft nicht gesprochen wird. Migration hat viel mit Identität zu tun, mit Fragen nach Geschichte und Erinnerung, und die Migranten fordern solche Fragen heraus. Sich diesen Frage kulturell zu nähern, halte ich heute in Europa für absolut essenziell.

Das Gespräch führte Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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