Was Flüchtlinge denken und können

Seit 2015 wird viel diskutiert über Flüchtlinge und Asylwerber - ob ihr Wertebild zu unserem passt, wie gebildet sie sind, etc. - allein man wusste bisher nicht viel. Jetzt präsentieren Wiener Forscher die europaweit erste Studie.

Besser gebildet und liberaler als viele annehmen – so das Ergebnis zur Studie über Asylwerberinnen und Asylwerber in Österreich von 2015. 80 Prozent, also der größte Teil von ihnen, kommt aus drei Ländern: dem Irak, Syrien und Afghanistan. Und nur um diese drei Nationalitäten geht es in der Studie des Wittgenstein Zentrum für Demographie und Humankapital in Wien.

Man hat mehr als 500 Menschen aus Syrien, Irak und Afghanistan, die im Jahr 2015 einen Asylantrag gestellt haben, zu Bildung und Werten befragt - immerhin 1,2 Prozent aller betroffenen Asylwerber– also immerhin prozentual sogar weit mehr als bei vielen Umfragen zu Österreich.

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Wittgensteinscenter

Was mit Humankapital gemeint ist, erklärt Studienkoautorin Isabella Buber-Ennser: „Es geht jetzt nicht mehr so sehr darum die Köpfe zu zählen, sondern darum, zu schauen was in diesen Köpfen steckt!“ Bildungsgrad und das Wertebild der Asylwerber und Asylwerberinnen sollte erhoben werden und man sehe in der Studie, dass offensichtlich eher „weniger traditionell eingestellte Menschen“ nach Österreich gekommen seien.

Arbeit für Männer?

Eine Frage zum Wertebild beispielsweise war, ob bei Arbeitsplatzmangel Männer eher ein Recht auf einen Arbeitsplatz haben sollten als Frauen. Gut die Hälfte der Befragten lehnt diese Aussage entweder ab oder stimmt ihr nicht zu. Das sind zwar etwa zwanzig Prozent weniger als in Österreich - aber es ist ein deutliches liberaleres Ergebnis als in den Heimatregionen der Befragten - wo rund 70 Prozent finden, ein Mann eher einen Arbeitsplatz erhalten sollte.

Die Studien-Co-Autorin erklärt, dass Bildung oft mit einer offeneren Einstellung korreliert. Etwa zwei Drittel der Befragten haben zumindest die Pflichtschule absolviert. Jene aus dem Irak und Syrien sind noch besser gebildet - mehr als ein Viertel haben Matura oder Uni-Abschluss.

Mehr höhere Schichten

Offenbar seien 2015 viele Menschen aus höheren sozialen Schichten ihrer Länder nach Österreich gekommen, sagt Buber-Ennser: „Es liegt auch die Vermutung nahe, dass Menschen, die sehr viel zu verlieren hatten - Unternehmen hatten, Besitz hatten - relativ lange zugewartet haben, bis sie sich dann entschieden haben zu fliehen.“

Und diese Menschen seien eben ein Teil der Welle 2015 gewesen. So habe man einen höher gebildeten und weltoffeneren Durchschnitt als die jeweiligen Heimatländer insgesamt.

Ob das überall so ist oder nur in Österreich - weil sich vielleicht eher gebildete für ein kleines, weniger bekanntes Land interessieren - kann man nicht sagen, sagt die Demographin. Denn Daten dazu gab es bisher nirgendwo in Europa. Man lege hiermit die erste im Feld mit Befragungen durchgeführte Studie vor. Man könne mit geprüften, validen Daten und einem Fachartikel an die Öffentlichkeit, sagt Buber-Ennser, während sich sonst alle an unfertigen Zwischenberichten orientieren müssen.

Studien über Flüchtlinge aufwändig

Dass es schwierig sei eine „repräsentative“ Studie an einer so schwer fassbaren Gruppe wie „Flüchtlingen“ zu machen, stimme wohl, sagt Buber-Ennser – dennoch: das Sample sei recht groß, die Studie durch einen sehr langen Peer Review-Prozess gegangen

Und natürlich wisse man, dass eher höher gebildete bei solchen Befragungen mitmachen - und dem wollte man auch beikommen, erklärt Buber-Ennser. Man habe die Interviews in den jeweiligen Muttersprachen durchgeführt, vor Ort in den Notunterkünften und Heimen die Leute angesprochen und die Fragen vorgelesen – niemand musste lesen oder schreiben oder Fremdsprachen können, um an der Befragung teilzunehmen.

Zudem habe man die Teilnehmer auch nach ihren Angehörigen befragt – so habe man Daten von insgesamt sogar etwa 1.400 Betroffenen gesammelt. Die Wertebilder natürlich konnte man nicht über zwei Ecken abfragen.

Isabella Ferenci, Ö1 Wissenschaft

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