Einmal fast im Weltall

25 Jahre Austromir: Für die österreichisch-russische Weltraummission wurden aus Hunderten Bewerbern zwei ausgewählt. Geflogen ist nur Franz Viehböck. Clemens Lothaller musste zusehen. Dennoch ist er dankbar für diese Erfahrung - und würde noch immer sofort ins All fliegen.

Clemens Lothaller ist heute Oberarzt in der neurochirurgischen Abteilung am Sozialmedizinischen Zentrum Ost - Donauspital. Im Gespräch mit science.ORF.at erzählt er über seine damalige Bewerbung, das aufwendige Trainingsprogramm und seine Sehnsucht nach dem All, die ihm bis heute geblieben ist.

science.ORF.at: Wie haben Sie damals von der Mission erfahren und warum haben Sie sich beworben?

Clemens Lothaller: Ich hatte Nachtdienst in der Rudolfstiftung, als Turnusarzt, und habe in der Zeitung ein eher lapidares Inserat entdeckt: Kosmonaut gesucht. Dort stand, dass 1991 oder ’92 ein Raumflug durchgeführt werden wird und sie zwei Leute dafür suchen. Sie sollten zwischen 30 und 40 Jahren alt sein, ein wissenschaftliches Studium absolviert haben oder Pilot sein und möglichst Russisch können. Ich war zu jung, kein Pilot und konnte kein Wort Russisch.

Clemens Lothaller in Astronauten-Montur
BMBWK, Wien
Clemens Lothaller als Kosmonaut

In den Weltraum wollte ich gar nicht unbedingt. Aber es war von Fallschirmspringen die Rede, von Flügen in Bundesheerdüsenjägern und von Testprogrammen - das hat mich einfach gereizt. Also habe ich einfach hingeschrieben und gedacht, wahrscheinlich wird es nichts werden.

25 Jahre Austromir

Am 2. Oktober 1991 war es so weit: Um 6.59 Uhr MEZ hob eine Sojus-TM 13 von der Rampe des russischen Weltraumbahnhofs in Baikonur, Kasachstan, ab. Mit an Bord war der Österreicher Franz Viehböck. Sein Ersatzmann Clemens Lothaller blieb auf der Erde.

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Das war der Anfang. Aber wenn man dann dabei ist, von den ersten dreihundert zu den letzten 110 und dann zu den letzten 30 kommt usw., dann entwickelt man immer mehr Ehrgeiz. Und der Plan, vielleicht doch in den Weltraum zu fliegen, wird konkreter, obwohl er am Anfang nicht da war.

Als der Plan dann konkreter wurde, hatten Sie nicht Angst?

Nein, Angst hatte ich eigentlich nie. Wenn man so genau lernt, wie das funktioniert und die vielen Sicherheitsmechanismen kennt, hat man keine Angst mehr. Wir haben ja zwei Jahre dort gelebt.

Und mit den russischen Raketen, dem Raumschiff und der Raumstation Mir war es wie mit vielen russischen Autos: Die sind zwar teilweise recht altertümlich und technisch nicht so hochgerüstet wie das amerikanische Shuttle, aber es hat einfach immer funktioniert. Sie hatten zwar nur zwei redundante Computer, aber dafür eine super Handsteuerung. Wir hatten sehr viel Vertrauen in dieses System. Es gab auch „nur“ wenige Katastrophen.

Start der Sojus TM 13 am 2. Oktober 1991
APA/Robert Jäger

Was wurde getestet? Warum waren Sie besser als so viele andere?

Von den knapp 300 Bewerbern hat man zuerst einmal die komplett Wahnsinnigen aussortiert. Da waren welche dabei, die in den Weltraum fliegen wollten, um ihre Depressionen loszuwerden oder um mit Außerirdischen Kontakt aufzunehmen. Vor allem musste man aber körperlich geeignet und völlig gesund sein. Z.B. durfte die Scheitel-Steiß-Länge 90 Zentimeter nicht überschreiten, weil die Liegen in dem russischen Raumschiff nicht länger sind. Bei mir waren es 90,5. Ich hab mich daher beim Abmessen immer etwas schief hingesetzt.

Das war das eine und dann gab es sehr, sehr viele psychologische Tests, weniger Intelligenztests, sondern eher Belastungstest, wie z. B. 48 Stunden Schlafentzug. So wollte man feststellen, wie jemand in Ausnahmesituationen reagiert. Aber die extrem Ehrgeizigen wurden auch hier aussortiert. Da waren Kandidaten dabei, wo ich mir gedacht habe, da habe ich nie eine Chance: Physiker, die den Pilotenschein hatten, perfekt Russisch konnten etc. Aber vielleicht waren die zu verbissen.

Waren da schon russische Psychologen beteiligt?

Nein, das hat das österreichische Bundesheer gemacht, die Abteilung, die auch Militärpiloten aussucht. Es gab aber zusätzliche Auflagen der Russen. Die letzten sieben sind nach Russland geflogen und dort endgetestet worden, mit Zentrifuge, Unterdruckkammer, Drehstuhl - all die Dinge, die es bei uns nicht gibt. Nach zwei Wochen erfolgte die Endauswahl.

Und dann hat man Ihnen beiden eröffnet, dass Sie dabei sind?

Ja, es hat geheißen: Viehböck, Lothaller, Ihr zwei fliegt’s! Das war ganz schön überraschend für mich. Dann war plötzlich alles anders. Bei unserer Rückkehr waren überall Blitzlichter und Kameras. Ich bin noch einmal in die Arbeit gefahren, am nächsten Tag habe ich schon gekündigt und war dann beim Wissenschaftsministerium beschäftigt.

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmete sich auch ein Beitrag im Mittagsjournal, 29. 9., 12.00 Uhr.

Es hat Ihr Leben also massiv verändert?

Ja, schon sehr. Wenn man bedenkt, ich bin sozusagen ein verwöhnter Hietzinger, komme aus einer Medizinerfamilie - habe also eine nicht sehr außergewöhnliche Laufbahn eingeschlagen. Von heute auf morgen bin ich dann in eine sowjetische Militärkaserne übersiedelt, noch dazu im Jänner. Man versteht kein Wort und soll in den Weltraum fliegen - das ist dann schon anders.

Das heißt, das hat Ihnen vorerst mal mehr Angst gemacht als die Möglichkeit, ins All zu fliegen?

Ja, man wusste nicht, wie das sein wird. Es war ja noch nicht so wie jetzt, dass man frei reisen konnte oder immer telefonieren. Wir wurden auch permanent bewacht. Am Anfang sind wir immer gefahren worden, in schwarzen Wolgas (sowjetische Automarke, Anm.). Die haben uns immer vom Sternenstädtchen nach Moskau und zurück gebracht. Sie haben gesagt: Wir passen auf euch auf! Was natürlich auch stimmt, denn es wäre schon peinlich gewesen, wenn uns etwas passiert wäre.

Transport der Sojus TM13-Rakete zur Startrampe in Baikonur am 30. September 1991
APA/Robert Jäger
Transport der Sojus-TM13-Rakete zur Startrampe am 30. September 1991

Ansonsten hat man uns alles gezeigt, aber es gab nie schriftliche Unterlagen, über nichts. Wir haben dort alles gelernt: den Aufbau des Raumschiffs, wie funktioniert das Lebenserhaltungssystem, wie funktioniert das Klo, wie funktioniert die Wasseraufbereitung, der Strom etc., aber ohne schriftliche Unterlagen. Es wurde auf Russisch an die Tafel geschrieben oder erklärt und wir haben mitgeschrieben und gezeichnet.

Sie haben dann also doch Russisch gelernt bzw. lernen müssen?

Die ersten vier Monate haben wir acht Stunden am Tag Russisch gehabt, also zuerst hieß es nur Russisch lernen, Russisch lernen und Sport. Erst dann kam der Rest. Das Russischlernen ging daher irrsinnig schnell. Auch weil rundherum alle nur Russisch konnten.

Können Sie es noch?

Ja. Erst im Dezember waren wir im Sternenstädtchen, innerhalb von ein, zwei Tagen kommt man wieder rein.

Wie lange waren Sie insgesamt im Sternenstädtchen?

Fast zwei Jahre: von Jänner 1990 bis Ende Oktober 1991.

Sie waren dann beide fit für die Mission. Wie wurde dann entschieden? Ist eine Münze geworfen worden?

Noch heute werden in Russland für einen Raumflug immer zwei Mannschaften parallel ausgebildet. Wenn einer von der Mannschaft krank wird, gibt es einen kompletten Wechsel. Die Teams sind sehr aufeinander eingespielt. Immer gibt es einen Kommandanten, einen Bordingenieur und einen Wissenschaftskosmonauten. Und es ist immer so, dass die Reservemannschaft beim nächsten Flugtermin die erste Mannschaft ist. Die Mannschaftszuteilung erfolgte schon im Mai 91.

Bis dahin hatten wir beide alle Prüfungen gemacht. Und die Russen haben dann gesagt: Die Befugnis ist für beide okay, die Österreicher sollen es entscheiden. Entschieden hat dann eine Kommission, bestehend aus unserem Arzt, unseren Psychologen und dem damaligen Wissenschaftsminister Erhard Busek. Und ursprünglich sollte es ja mehrere Flüge geben.

Franz Viehböck nach der Landung am 10. Oktober 1991 in der Steppe von Kasachstan
APA/Wolfgang Wagner
Franz Viehböck nach der Landung am 10. Oktober 1991 in der Steppe von Kasachstan

Jedenfalls wurde dann Franz (Viehböck) der ersten Mannschaft zugeteilt und ich der zweiten - so war es halt. Aber ich dachte, ich werde dann eben irgendwann später fliegen. Ich war mittlerweile schon sehr fixiert auf diesen Beruf. Bis zum Start habe ich dann alles weiter parallel gemacht, noch am letzten Tag ist ein kompletter Tausch möglich. Ist aber nicht passiert. Und dass es dann keinen weiteren Flug gegeben hat, lag daran, dass Minister Busek das Geld schlicht und einfach nicht mehr zur Verfügung stellen konnte.

Die Enttäuschung kam dann etwas zeitversetzt?

Na ja, Enttäuschung. Es war schon an sich toll. Ich habe Dinge gesehen, die niemand anderer so leicht zu Gesicht bekommt. Klar wäre ich gerne drin gesessen, aber ich habe mir auch nicht gedacht: Jetzt bin ich der große Verlierer.

Wie ging es nach der Rückkehr aus der Sowjetunion weiter?

Nach der Rückkehr fuhren wir dann im Auftrag des Wissenschaftsministeriums zwei Jahre lang in Schulen und verschiedenste Lehreinrichtungen und hielten Vorträge. Danach habe ich für die European Space Agency (ESA) und bei einem Simulationsexperiment für Langzeitweltraumaufenthalte bei der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DLR) mitgemacht. Ich wollte in dem Job bleiben, habe mich auch als Astronaut bei der ESA beworben.

Leider zahlt Österreich dort nur kleine Mitgliedsbeiträge und beteiligt sich eher an unbemannten Missionen. Das Hauptbudget zahlen Franzosen, Deutsche und Italiener und die haben maßgeblich mitzureden, welche Astronauten fliegen. ESA-Leute haben zu mir gesagt: Du hast einfach den falschen Reisepass. Dann kam noch die Columbia-Katastrophe und man hat sämtliche Programme um Jahre verschoben. Dann hatte ich irgendwie keine Lust mehr, ewig am Boden zu trainieren und bin in meinen Beruf zurückgekehrt.

Was macht einen Astronauten aus?

Ich denke, so wahnsinnig schwierig ist das nicht. Jeder, der halbwegs körperlich fit ist und im Kopf nicht ganz dämlich, kann so eine Ausbildung machen und in den Weltraum fliegen. Man muss wahrscheinlich relativ durchschnittlich sein. Klingt komisch, ich weiß. Aber die Kosmonauten, die ich kenne, sind alle ganz normale Typen, nehmen sich selbst nicht zu wichtig und sind sehr entspannt.

Wovon profitieren Sie noch heute?

Man nimmt natürlich ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein mit, wenn man von so vielen Leuten übrig bleibt. Also ich bin mit einem gestärkten Rücken aus Russland zurückgekommen.

Bedauern Sie heute, nicht oben gewesen zu sein?

Also es gibt schon Momente, z. B. wenn so ein schöner Sternenhimmel ist, dass man das gerne gesehen hätte, oder wenn man sich Filme wie „Gravity“ anschaut. Da denke ich mir schon: Scheiße! Da hättest du drinnen sitzen und dir das auch anschauen können. Ich hätte es wahnsinnig gern gemacht. Und wenn mich jemand fragen würde, würde ich morgen einsteigen. Aber es wird mich glaub ich niemand fragen, vor allem wird es niemand zahlen.

Also mit Ihrer Auswahl ist der Wunsch, in All zu fliegen, eher entstanden, als dass er verschwunden ist?

Ja, das muss schon toll sein. Wenn man rauffliegt, dann ändert sich die Farbe des Himmels von Blau in Schwarz und dann wird man in die Schwerelosigkeit gekickt. - Das ist schon extrem geil.

Interview: Eva Obermüller, science.ORF.at

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