Zeitreisen mit der Geruchsorgel

Auf Knopfdruck Gerüche erzeugen und sie genauso schnell wieder verschwinden lassen: Die Geruchsorgel – der Smeller 2.0 – von Wolfgang Georgsdorf kann das. Damit schickt der österreichische Künstler sein Publikum auf olfaktorische Reisen durch Raum und Zeit.

Ob dem Nachwuchs etwas noch zum Essen gegeben werden konnte, hing vor der Erfindung des Ablaufdatums von der Nase ab. Was die Nase tatsächlich alles kann, erahnen Menschen heute nur mehr in gewissen Situationen: Man kommt an einen Ort, an dem man noch nie zuvor war, doch trotzdem fühlt man sich sehr vertraut und irgendwie auch wieder wie ein kleines Kind.

Plötzlich fällt es einem ein – es riecht nach dem Waschmittel, das die Großmutter damals benutzt hat. Wenn Waschtag war, roch das ganze Haus der Großeltern danach. Und dann war da noch der Geruch des schweren Aftershaves vom Großvater, unverkennbar.

Auch der spezielle Geruch der Speis, in der es immer nach einer Mischung aus Adventkeksen und nach Erde von den Kartoffeln roch, kommt wieder zurück ins Gedächtnis. Schlussendlich hat man das ganze Haus der Großeltern wieder vor seinem inneren Auge.

Direkte Verbindung zum Gefühlszentrum

„Unsere Nase ist eine Zeitmaschine“, meint Wolfgang Georgsdorf. Der Grund dafür ist der direkte Draht der Nase zum Gehirn. Doch schön der Reihe nach. Die olfaktorische Wahrnehmung, also das Riechen, funktioniert mithilfe von Geruchsrezeptoren in der Nase. Ein gesunder Mensch besitzt rund 400 davon.

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widemt sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell am 17.11. um 13:55.

Mit ihnen können ungefähr 10.000 unterschiedliche Gerüche und Düfte (der Unterschied der Wörter liegt lediglich in der Konnotation: Geruch ist neutral, Duft ist positiv und Gestank negativ) wahrgenommen werden. Und anders als beim Sehen und Hören funktioniert das Riechen nicht mit Licht- oder Schallwellen, sondern mit Molekülen.

Diese werden in den Geruchsrezeptoren verarbeitet, die Information wandert in einen uralten Teil des Gehirns ein: das limbische System. Es ist zuständig für das Triebverhalten und die Entstehung und Verarbeitung von Emotionen. Dementsprechend eng sind Erinnerungen auch mit Gerüchen verbunden. Wenn als Kind bei den Großeltern positive Emotionen ausgelöst wurden, dann werden diese gemeinsam mit Gerüchen abgespeichert. Trifft man Jahre später eben auf einen bestimmten Geruch, kann dieser Emotionen und in Folge auch Erinnerungen aus der Kindheit aktivieren.

Maschine haucht Gerüche aus

Der Künstler Wolfgang Georgsdorf war von dieser Kraft der Nase von jeher fasziniert. Diese Faszination wollte er mit den Menschen teilen. Also baute er 1996 den Smeller 1.0. Er bestand aus 32 Kartuschen, die alle mit unterschiedlichen Gerüchen gefüllt werden konnten. Manuell betätigte Georgsdorf die Kartuschen und konnte es so in einem Raum beispielsweise nach Holz riechen lassen.

Doch bereits 1996 war Georgsdorf mit den Möglichkeiten des Smellers 1.0 nicht zufrieden. Er grübelte, suchte nach Alternativen und versuchte Sponsoren zu finden, um den Smeller 2.0 zu bauen. Die Pläne dafür hatte er bereits damals in der Schublade liegen.

Künstler Wolfgang Georgsdorf vor seiner Geruchsorgel
Philipp Landauer
Wolfgang Georgsdorf und der Smeller 2.0

20 Jahre später steht der Smeller 2.0, Spitzname Geruchsorgel, in Berlin. Da trifft es sich auch ganz gut, dass die Geruchsorgel in einer Kirche steht. Ausgangspunkt sind beim Smeller 2.0 auch wieder die Kartuschen, nur dieses Mal sind es 64. In jeder ist ein eigener Geruch, wie beispielsweise Gras, Teer oder Holz. Mit einem eigens entwickelten Interface können die einzelnen Kartuschen elektro-nisch über ein Notebook angesteuert und so Gerüche freigesetzt werden.

Eine kleine Turbine „bläst“ dann durch das sogenannte Hauchmaul die Gerüche in das Zuschauerzelt aus weißer Fallschirmseide. Und genau da liegt der Trick: Der Geruch wird nicht irgendwie in das Zelt geblasen, sondern die Turbine vermag es, eine Art Luftmauer mit konstant 50 Zentimetern pro Sekunde durch das Zelt zu drücken.

Auf diese Weise kann auf die Sekunde genau berechnet werden, welcher Geruch wann bei einem Zuschauer in einer bestimmten Reihe im Zuschauerraum ankommt. Am Ende des Zeltes ist dann eine Art Abzug, der den Geruch wieder aufsaugt.

Kartuschen, Schläuche, Computer-Interface: der Smeller 2.0
Philipp Landauer
Kartuschen, Schläuche, Interface: Im Inneren der Geruchsorgel

Mit jedem Atemzug ein neuer Geruch - Georgsdorf wäre nicht Georgsdorf, wenn hinter der Geruchsorgel nicht auch noch ein künstlerischer Anspruch stecken würde. Er synchronisiert verschiedene Kunstformen mit Gerüchen: Den niederländischen Kinderbuchautoren Simon van der Geest lässt Georgsdorf aus seinen Büchern vorlesen, während der Zuschauer synchron zu den Textpassagen auch den Geruch des jeweiligen Orts riecht.

Oder er ergänzt die Geräuschkulissen eines Bahnhofs, Flughafens, Cafés usw. mit Gerüchen. So führt er Besucher mithilfe deren Nasen durch die verschiedensten Gebäude. Doch nicht nur das, er kann am Bahnhof dann auch noch eine alte Frau mit einem fast schon unangenehm süßlichen Parfum an einem vorbei gehen lassen. Und so synchronisiert er Performances oder auch Konzerte, alles in Begleitung von Gerüchen.

„Zuriecher“ in der Berghütte

Dank des entwickelten Interfaces kann die Orgel auch an ein Keyboard angeschlossen werden. Synosmie nennt Georgsdorf die Kompositionen aus Gerüchen, die er auf seinem Keyboard spielt. Jede Taste ist dann mit einem bestimmten Geruch gleichzusetzen. Wenn Georgsdorf also einen Akkord aus Heu, Tiergeruch und Holz anschlägt, dann führt er seine „Zuriecher“, wie er sein Publikum nennt, in eine Berghütte.

Mit Akkorden zu je drei Gerüchen kann Georgsdorf aus den 64 verschiedenen Gerüchen in den Kartuschen 41.000 unterschiedliche Mischungen aus Gerüchen entstehen lassen.

Im Prinzip kann er so gut wie jeden Ort oder jedes Gebäude auf der Welt mit Gerüchen nachbauen. Da lag es dann auch nicht fern, einen weiteren Kindheitstraum in Angriff zu nehmen, nämlich Filme mit Gerüchen synchronisiert aufzuführen.

Bislang gibt es erst den Film Continuity von Omer Fast in 2D mit Gerüchen zu sehen. Der Filmemacher dreht zurzeit einen 3D-Film für den Smeller 2.0. Dieser wird dann als erster richtiger 4D-Film aufgeführt, drei Raumdimensionen plus eine Duftdmension.

Vielleicht kann sich Wolfgang Georgsdorf mit den Einnahmen aus dem Film dann den nächsten Traum erfüllen: den Smeller 3.0. Die Pläne hat er schon in der Schublade liegen.

Philipp Landauer, science.ORF.at

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