Großes Gehirn muss viel gähnen

Gähnen kühlt das Gehirn, vermuten Forscher. Ein aktueller Vergleich von Tieren und Menschen liefert dafür einen Beleg: Je größer das Gehirn eines Tieres, desto länger gähnt sein Besitzer.

„Seeing a dog, a horse and a man yawn, makes me feel how much all animals are built on one structure“, schrieb Charles Darwin im 19. Jahrhundert. Gähnen ist ein Verhalten, das wir uns mit zahlreichen Tieren - von Affen bis zu Vögeln - teilen. Warum wir wie so viele andere Lebewesen manchmal reflexartig den Mund aufreißen müssen, um tief Luft zu holen, darüber gehen die Meinungen der Biologen auseinander.

Gähnender Tiger
AFP PHOTO / dpa / Bernd Thissen
Gähnender Tiger

Meist ist es ein Zeichen von Müdigkeit oder auch von Langeweile. Eine These geht davon aus, dass so mehr Sauerstoff in den Blutkreislauf gepumpt wird. Gähnen hat jedenfalls auch eine starke soziale Komponente, wie zahlreiche Studien zeigen: Es ist ansteckend und kann somit als Zeichen für Gruppenzugehörigkeit verstanden werden.

Wintergähnen ist häufiger

Einer neueren These zufolge verbessert Gähnen die Durchblutung des Gehirns und kühlt es gleichzeitig. Denn bei tieferen Temperaturen soll es besser arbeiten können. Vor fünf Jahren haben Forscher um Andrew C. Gallup bereits Belege für diese Vermutung geliefert. Demnach gähnen Menschen im Winter häufiger, da ein Kühleffekt bei sommerlicher Hitze nicht zu erwarten ist.

In ihrer soeben veröffentlichten Studie legen die Forscher nach. Sie gingen von der Beobachtung aus, dass nicht alle Tierarten gleich lang und intensiv gähnen, aus gutem Grund, wie die Forscher meinen: Tiere mit größerem Gehirn müssten für denselben Effekt länger gähnen. Es sollte also einen Zusammenhang zwischen Gähndauer und der Anzahl der Neuronen geben.

Mehr Kühlbedarf

Um das zu überprüfen, analysierte das Team frei verfügbare Videos von 29 verschiedenen Spezies, darunter Mäuse, Katzen, Füchse, Igeln, Walrösser, Elefanten und Menschen (ein YouTube-Zusammenschnitt von gähnenden Tieren).

Gähnender Gorilla
AFP PHOTO / Michal Cizek
Gähnende Gorillamama

Das Ergebnis: Tierarten mit kleinem Gehirn und weniger Neuronen in der Großhirnrinde gähnen im Durchschnitt tatsächlich kürzer als jene mit vielen Gehirnzellen, wie etwa Primaten. Am längsten gähnt der Mensch, nämlich etwas mehr als sechs Sekunden im Schnitt. Elefanten, die ähnlich viele Gehirnzellen haben, holen auch ca. sechs Sekunden lang tief Luft, bei Mäusen sind es weniger als 1,5 Sekunden.

Körpergröße und Anatomie hatten laut den Forschern nichts mit den gemessenen Unterschieden zu tun. Die Resultate stützen ihre Vermutung, schreiben die Forscher. Ein größeres Hirn brauche eben mehr Frischluft, um gekühlt zu werden.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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