Schon wieder: Gletscherschwund

Die Schneefälle seit Anfang Oktober haben den „Bilderbuchherbst“ mit Rekordtemperaturen beendet. Die „Winterruhe“ für die Gletscher hat begonnen. Der Gletscherschwund setzt sich fort, berichten Heinz Slupetzky und Andrea Fischer in ihrem Tagebuch.

Im 2. Gletschertagebuch 2016 vom 5. Juli hieß es: „Kommen heuer keine längeren Hitzephasen, und gibt es einige sommerliche Schneefälle von Juli bis September, könnte die Bilanz noch positiv werden. Im gegenteiligen Fall ist eine mehr oder weniger stark negative Bilanz zu erwarten“. Das „zweite Szenario“ ist eingetreten.

Porträt von Heinz Slupetzky und Andrea Fischer
Slupetzky/Fischer

Biografien und Links der Autoren

Heinz Slupetzky ist Professor i. R. am Fachbereich Geografie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte.

Andrea Fischer ist Gletscherforscherin am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck. Ihr Hauptforschungsgebiet sind Gebirgsgletscher und deren Änderung im Klimawandel.

Für science.ORF.at führen Heinz Slupetzky und Andrea Fischer seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

Das allgemeine Ende der sommerlichen Abschmelzung ist nur dann gegeben, wenn ergiebige Schneefälle bis weit unter die Gletscherenden herab das Haushaltsjahr beenden und damit die Akkumulationszeit des nächsten Bilanzjahres beginnt.

Die Schneefälle in der ersten Septemberhälfte 2016 waren zu wenig, die Neuschneegrenze lag relativ hoch, sodass nur in den Nährgebieten der Gletscher im Osten Österreichs größere Schneemengen liegen blieben. An den tiefer herabreichenden Gletscherzungen war die Eisabschmelzung noch nicht zu Ende. Die kalte Wetterphase in der ersten Oktoberwoche mit Schnee bis in höhere Tallagen (1.000 bis 1.400 Meter) hat für alle Gletscher die Ablationszeit beendet.

Das Stubacher Sonnblickkees in den Hohen Tauern mit Neuschnee am 21. 9.16
M. Maislinger
Das Stubacher Sonnblickkees in den Hohen Tauern mit Neuschnee am 21. 9.16

Bilanz des Stubacher Sonnblickkees

Schon am Grad der Ausaperung mit nur mehr kleinen Altschneeflecken (in der Jahresbilanz: die Akkumulation) und einer unverhältnismäßig großen Eisfläche (In der Jahresbilanz: die Ablation) ist zu erkennen, dass die Bilanz negativ sein muss.

Eine Gletscherbilanz hängt von einer Kombination unterschiedlicher Faktoren ab, wie von der Gesamtschneehöhe am Ende der winterlichen Akkumulationszeit, dem Witterungsverlauf im Sommer, ob es zu warm ist, es Hitzeperioden gibt, es öfter schneit oder hoch hinauf regnet. Hinzu kommen noch z.B. Wüstenstaubfällen im Winter, die die Abschmelzung beschleunigen.

Trotz der unterdurchschnittlichen Schneedecke am Stubacher Sonnblickkees im Mai und im Juni und der starken Schneeschmelze im überdurchschnittlich warmen Juni (ZAMG) war der Gletscher Mitte Juli noch nicht sehr ausgeapert; die freiliegenden Eisflächen – damit beginnt die Eisablation und es geht an die Substanz – waren noch flächenmäßig gering.

Ein Vergleich 18. Juli - 18. September. Nach dem späten Beginn der Eisabschmelzung war der Gletscher nach zwei Monaten stark ausgeapert
H. Wiesenegger
Ein Vergleich 18. Juli - 18. September. Nach dem späten Beginn der Eisabschmelzung war der Gletscher nach zwei Monaten stark ausgeapert

Wettergeschehen bestimmt Bilanzen

Der Sommer war österreichweit zu warm (ZAMG), in den zwei Monaten Juli und August gab es in den Hohen Tauern nur drei Mal Schneefälle, die jedoch beim Stubacher Sonnblick nicht besonders wirksam waren, da er rasch abschmolz. Bis in den September hinein war der Gletscher blank. An dem hochgelegenen kleinen Gletscher - von 2.650 bis 3.000 Meter – genügten die Schneefälle um den 18. September, um das Haushaltsjahr zu beenden.

Es hat sich wieder gezeigt, dass nicht so sehr mehrere Tage mit großer Hitze – das hat heuer weitgehend gefehlt - wirksam sind, sondern die Summen langandauernder Wärmeperioden, wie im August. Heuer hat noch dazu die „Verschmutzung“ durch Wüstenstaub – von Ende März/Anfang April - sobald er nach dem Abschmelzen des darüber liegenden Schnees an der Altschneeoberfläche lag, das Schmelzen beschleunigt.

Schneeschacht am Jamtalferner mit dem Wüstenstaub-Horizont, 22.09.2016
A. Fischer
Schneeschacht am Jamtalferner mit dem Wüstenstaub-Horizont, 22.09.2016

Nach dem extremen Massenabbau im Vorjahr gab es folglich heuer wieder ein negatives Haushaltsjahr; auch wenn die Bilanz beim Sonnblickkees „moderat“ ausfiel, vor allem im Vergleich zum Vorjahr. Der Verlust betrug 750.000 Kubikmeter, das ist eine auf den 0,9 Quadratkilometer großen Gletscher gleichmäßig verteilt gedachte Eischicht von nahezu einem Meter.

Damit geht der Substanzverlust des Sonnblickkeeses seit 1981 weiter, insgesamt sind 30 Millionen Kubikmeter Eis geschmolzen. Das entspricht bei einer derzeitigen Gletscherfläche von knapp einem Quadratkilometer einer Säule Eis von 40 Metern Höhe; das entspricht bei einer Stockwerkshöhe von vier Metern einem zehnstöckigen Hochhaus.

Gletscherbilanz in Westösterreich

Die im Mittel überdurchschnittlichen Temperaturen des Hochsommers und der zu warme September führten wieder zu starken Ausaperungen, wobei die Gletscher im Westen Österreichs, wie z. B. am Jamltalferner in der Silvretta, besonders betroffen waren. Außergewöhnlich stark war die Schmelze im August.

Der Jamtalferner war Ende September fast völlig schneefrei. Am untersten Pegel der Zunge sind 2016 bis zu fünf Meter Eis geschmolzen, und somit nahezu gleich viel wie im Rekordsommer 2015. Allerdings gab es - im Unterschied zu 2015 - im Nährgebiet noch Rücklagen von etwa einem halben Meter Schnee im obersten Schneeschacht. Die Kaltluft am 4. Oktober hat hier wie allgemein bei den Gletschern Westösterreichs die Abschmelzung beendet.

Der neuschneebedeckte Jamtalferner, 22.09.2016
A. Fischer
Der neuschneebedeckte Jamtalferner, 22.09.2016

Das Jahr 2016 zeigte somit wieder überdurchschnittliche Ausaperungen, wobei allerdings die Expositionsdauer des ungeschützten Gletschereises – mit Beginn Mitte Juli - heuer relativ kurz war, weshalb der Schmelzbetrag des Gesamtgletschers etwa im Mittel der letzten Dekade von einem Meter liegt.

Der Gesamtverlust liegt heuer im Bereich von einem Meter Wassersäule, gemittelt über den Gletscher. Das Jahr 2016 zeigte somit wieder überdurchschnittliche Ausaperungen, wobei allerdings die Expositionsdauer des ungeschützten Gletschereises – mit Beginn Mitte Juli - heuer relativ kurz war, weshalb der Schmelzbetrag des Gesamtgletschers etwa im Mittel der letzten Dekade von einem Meter liegt.

Bilanzberechnungen im Gange

Die Messungen an den österreichischen Gletschern stehen zum Großteil noch bevor, da bei den meisten Gletschern das Hydrologische Jahr verwendet wird, das jeweils am 30. September endet. Zu diesem Stichtag werden die Ablationspegel abgelesen und Schneeschächte gegraben.

Pegelstange im Eis am Jamtalferner
A. Fischer
Pegelstange im Eis am Jamtalferner

Es ist jetzt schon absehbar, dass auch alle Gletscher in Westösterreich das Haushaltsjahr 2015/16 mit einer negativen Massenbilanz abgeschlossen haben. Die fast ununterbrochene allgemeine Phase des Gletscherschwundes seit 1981 setzte sich auch heuer fort.

Die Autoren bedanken sich, wie in den früheren Tagebüchern zitiert, bei allen, die zu diesem zweiten Beitrag des Gletschertagebuchs 2016 beigetragen haben. Im Besonderen beim Hydrographischen Landesdienst Salzburg, DI Hans Wiesenegger und dem Hydrographischen Landesdienst Tirol.

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