Utopien – 500 Jahre nach „Utopia“

Sind Weltkalifat und ethnisch reine Gebiete, wie sie Islamisten und Rechtsextreme fantasieren, die einzigen Utopien der Gegenwart? Nein, meint der Kulturwissenschaftler Thomas Macho. Eine Standortbestimmung, 500 Jahre nachdem „Utopia“ von Thomas Morus erschienen ist.

Der englische Staatsmann und Humanist Morus beschreibt darin, wie eine ideale Gesellschaft aussehen könnte. Seit 1516, als „Utopia“ in der belgischen Stadt Löwen veröffentlicht wurde, hat es zahllose weitere Versuche gegeben, eine bessere Welt literarisch zu imaginieren. Allerspätestens mit dem Scheitern des realen Sozialismus – dem bisher größten Versuch, eine Utopie Wirklichkeit werden zu lassen – ist dieses Genre in Verruf geraten.

Die Zeit ist heute aber wieder reif, zumindest nachzudenken über utopische Gesellschaftsentwürfe. Dieser Meinung ist eine Tagung, die von heute bis Sonntag an der Kunstuniversität Linz stattfindet. Morus’ Werk erweist sich dabei als erstaunlich aktuell, sagt Thomas Macho, der Organisator der Tagung.

science.ORF.at: Der Untergang der Sowjetunion ist jetzt 25 Jahre her: Ist die Zeit wieder reif für politische Utopien?

Thomas Macho: Zumindest für die Diskussion darüber, ja. Wir leben ja in einer Zeit, in der sich die schlechten Nachrichten häufen, jeden Tag hört man von Kriegen, Hungersnöten oder klimabedingten Naturkatastrophen. Die Frage von Utopien stand seit 1989 im Hintergrund. Damals bestand kurz die Hoffnung, das Ende der Geschichte sei erreicht und wir könnten nun selbstbewusst in ein neues Zeitalter von Freiheit und Demokratie eintreten. Diese Utopie war sehr kurzlebig, denn kaum hatte Francis Fukuyama sein Buch über „The End of History“ publiziert, begannen die Kriege am Balkan.

Es gab eine Art „Utopie der Utopielosigkeit“?

Ja, das ist ein sehr schöner Begriff, weil er genau den Punkt trifft, an dem man dachte, dass es nichts mehr zu tun gebe, als die erreichte Situation zu verbessern.

Was kann man für die Diskussion von Utopien lernen, wenn man den 500 Jahre alten Text von Thomas Morus heute liest?

Porträtfoto des Kulturwissenschaftlers Thomas Macho
Jan Dreer für IFK

Thomas Macho ist Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien.

Erst einmal kann man verblüfft sein über die Aktualität vieler Gedanken. Etwa Morus’ Votum dafür, den Einfluss der Reichen auf die Regierung zu begrenzen. Das war offenbar damals ein großes Thema – die Reichen und Adeligen hatten großen Einfluss auf die Regierung und ihre Berater – und ist heute noch aktuell. Oder: das Plädoyer für eine moderate Form von Sterbehilfe.

Auf Morus’ Utopia kommen Priester zu einem leidenden Kranken und fragen ihn, ob sie ihn von seinen Leiden erlösen sollen. Wenn er einverstanden ist, wird das mit Hilfe von Betäubungsmitteln gemacht. Diese Menschen werden geschätzt und geehrt – aber auch jene, die diese Behandlung ablehnen, darauf wird ausdrücklich hingewiesen. Auch das wird heute diskutiert.

Ein drittes Thema betrifft Bevölkerungspolitik: Jede Stadt besteht aus ein paar tausend Familien, aber die Gesamtzahl der Bewohner bleibt gleich. Wenn also eine Familie zu viele Mitglieder hat und eine andere zu wenige, dann gleicht man das einfach aus. Verwandtschaft ist also kein politisches Organisationsprinzip. Das ist in einer Zeit, in der der Adel regiert und auf seine Stammbäume stolz ist, eine gewagte Utopie. Und sie ist auch heute noch nicht erledigt. Wenn man an die Wiederkehr der nationalistischen Fantasien denkt, dann ist eine Politik, die eher auf Gleichheit achtet und weniger auf Verwandtschaftsverhältnisse, aktuell geblieben.

Wie sieht das Geschlechterverhältnis bei Morus aus?

Es ist positiver, als man sich das für das frühe 16. Jahrhundert vorstellen könnte: Es gibt eine Art Vernunftreligion, in der auch Frauen Priester sein können. Paare, die heiraten wollen, sollen sich vor der Hochzeit nackt sehen – Morus betont, dass das auch für die Frau gilt. Auch sie sollen den Zukünftigen unter Beschau nehmen, bevor sie sich auf das Abenteuer der Ehe einlassen. Diese Passagen in seinem Werk haben auch einen humoristischen Aspekt.

Die Morus-Forschung diskutiert bis heute, ob Teile von „Utopia“ nicht satirisch gemeint sein könnten. Ein Verdacht, der sich etwa daraus ergibt, wie Morus die Gesprächspartner seiner Erzählung genannt hat. So heißt der Haupterzähler Raphael Hythlodeus, und das heißt so viel wie Schwätzer oder Aufschneider.

Gibt es auch Passagen, die aus heutiger Sicht überholt sind?

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 13.10., 19.05 Uhr.

Ja, Morus ist etwa deutlich gegen die Todesstrafe – er hält sie speziell bei Dieben, die aus Not oder Hunger stehlen, für ungerecht und widersinnig. Das hat sich in unseren Breitengraden erledigt, aber nicht in allen Ländern. Heute gibt es dort, wo wieder archaisches Recht eingeführt werden soll, auch etwa die Idee, Dieben die Hände abzuhacken etc. Interessant bei den Passagen gegen die Todesstrafe ist auch die Standhaftigkeit von Morus selbst: Er war nicht bereit, die Eide auf Heinrich VIII. zu schwören, die man hätte schwören müssen, um weiter politische Karriere zu machen.

Dafür ist er am 6. Juli 1535 hingerichtet worden. Noch am Schafott soll er gesagt haben: Der Henker möge den Bart sorgsam legen, damit er nicht beschädigt wird, weil der habe ja schließlich keinen Verrat begangen.

Also Galgenhumor?

Ja, buchstäblich. Wobei sich der damals durchgesetzt hat, als man den Hinzurichtenden erlaubt hat, eine „dying declaration“ zu verfassen, die gelegentlich sogar in Zeitungen abgedruckt wurde. Das war eine Möglichkeit, einen Protest oder eine Entschuldigung zu formulieren, aber auch etwas Ironisches zu hinterlassen – und Thomas Morus hat das getan.

Marx hat sinngemäß gesagt: Das Reich der Freiheit beginnt jenseits der materiellen Produktion. Wie sah die Wirtschaft auf Utopia aus?

Die Utopier arbeiten, aber nicht viel. Muße und Unterhaltung, Essen und Trinken sind ihnen sehr wichtig. Sie betreiben eine Art ökologische Subsistenzwirtschaft, produzieren nur, was sie brauchen. Es gibt kaum große Überschüsse, und wenn es sie gibt, werden sie verteilt.

Zurück in die Gegenwart: In der Populärkultur dominieren seit Jahren eher Dystopien, also negative Entwürfe der Zukunft. Warum?

Die Krise der Utopien besteht schon lange. Der Utopie-Klassiker von Ernst Bloch „Das Prinzip Hoffnung“ ist Ende der 50er Jahre erschienen. Bereits in den 70er Jahren gab es fast nur noch technische Zukunftsentwürfe, die meisten von ihnen erzählen vom Scheitern der Technik, von Unfällen oder der Machtübernahme der Maschinen wie bei Terminator.

Ein gutes Beispiel ist die Atomkraft: Noch in den 50er Jahren war die Begeisterung für sie groß, sie hatte durchaus komische Aspekte, weil man dachte, dass man damit alles machen kann: die Arktis aufheizen …

… auch Ernst Bloch hat das gedacht …

Ja, er wollte damit die Arktis in eine Art Riviera verwandeln und die Wüste zum Blühen bringen. Noch in den 60er Jahren gab es aus heutiger Sicht irrsinnige Projekte, wie Atomkraft zu Grabungszwecken zu verwenden. Man wollte auf diese Weise etwa einen zweiten Panamakanal herstellen. Das ist alles lange vorbei, heute dominiert ein dystopisches Bewusstsein von den Gefahren der Technik.

Es zeichnet sich allerdings ein kleiner Umschwung ab, vielleicht auch angeregt durch den 500. Geburtstag von „Utopia“. Mehrere historische und kulturwissenschaftliche Bücher sind zu dem Thema erschienen, darunter das gewagte Buch „Homo Deus – a brief history of tomorrow“ des israelischen Universalhistorikers Juval Noah Harari.

Er stellt einleuchtende Thesen auf, wonach wir die drei größten Probleme der Menschheitsgeschichte überwunden haben: Kriege, Hunger und Seuchen. Heute sterben wesentlich mehr Menschen an Übergewicht als an Hunger, es sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Krieg und Gewalt, und heute sind Seuchen kein Thema mehr. Selbst die gefährlichsten Seuchen wie Ebola haben Todesraten im fünfstelligen Bereich, kein Vergleich etwa mit der Spanischen Grippe 1918 bis 1920, die mehr Tote gefordert hat als der gesamte Erste Weltkrieg davor. Das ist alles überwunden, aber wir sind nicht recht glücklich, so die These von Harari. Und das habe damit zu tun, dass wir nicht recht wissen, ob es eine neue Human Agenda gibt. Eine davon nennt Harari die Utopie der Unsterblichkeit, die insbesondere in Silicon Valley genährt wird.

Unterschätzt man damit nicht die Religionen, die nach dem Scheitern des realen Sozialismus ein erstaunliches Comeback gefeiert haben und gerade in Form islamistischen Terrors die Welt in Atem halten?

Da ist Harari erstaunlich distanziert. Religion interessiert ihn eher in einer anderen Hinsicht: Er meint, wir leben im Zeitalter einer neuen Religion, eine, die an die neuen Informationstechnologien glaubt. Dazu gehört die Utopie des ewigen Lebens. Harari hält Religion für Vergangenheit, Terror für eine Strategie der Schwachen, die Aufmerksamkeit erzielen will, aber wenig Effekte hat. Terror ist für ihn eine grausame Show, die drastische Reaktionen von Staaten hervorrufen kann. Mit der Geschichte der Gewalt und der Kriege zuvor könne das aber nicht verglichen werden.

Ist das Ziel, ein weltweites Kalifat zu errichten, nicht auch eine Utopie?

Utopien haben immer versucht, etwas Neues zu entwerfen, etwas, das man noch nicht ausprobiert hat. Die Idee eines weltweiten Kalifats oder die Züchtung einer neuen Herrenrasse durch die Nationalsozialisten sind keine Utopien, weil sie auf die Restitution eines bereits vergangenen Zustands abzielen.

Die Idee vom Kalifat greift zurück auf alte, schon damals umstrittene Vorstellungen, die Weltherrschaft der Germanen auf Mythen. Utopien hingegen – gleichgültig ob von Marx oder anderen – gehen davon aus, dass wir ein anderes Stadium der Geschichte erreichen, in dem etwas verwirklicht wird, das es bisher noch nicht gegeben hat.

Auch die Idee der Identitären, die von ethnischen reinen Gebieten träumen, ist keine Utopie?

Nein, das halte ich für eine besonders problematische Form von Imagination, weil es diese Reinheit nie gegeben hat, sie wird in die Vergangenheit projiziert - als ob man die Nation in ein Dorf verwandeln könnte, in dem man alle kennt.

Damit sind die Identitären also unbewusste Utopiker?

Ja, aber sie verkaufen keine Zukunft, sondern Mythen von einem Ursprung, den es nie gegeben hat. Insofern sind sie doch keine Utopiker, weil sie behaupten, dass sie einen vergangenen Zustand wieder einführen wollen.

Wo sehen Sie in der Gegenwart in diesem Sinne echte Beispiele für Utopien?

Eine ökonomische Utopie, die ich interessant finde, ist das Grundeinkommen. Ernsthaft umzusetzen wäre es nur im globalen Maßstab. Und wenn man darüber konstruktiv nachdenkt, kommt man schnell in utopische Gefilde: eine Art Begrüßungsgeld fürs Auf-die-Welt-Kommen, das finde ich einen schönen Gedanken. Von der Unsterblichkeitsutopie, die Harari nennt, halte ich nicht so viel, denn der Preis dafür wäre der Verzicht auf Gleichheit.

Das sagt auch Harari: Equality is out, immortality is in. Wenn nur eine kleine Gruppe in Silicon Valley unsterblich wird, ist der Menschheit vermutlich gar nicht gedient. Die klassischen Utopien haben immer versucht, für die gesamte Menschheit zu denken.

Abschließend: Worin liegt für Sie der größte Wert von Thomas Morus’ „Utopia“ heute?

Vielleicht nicht in den Inhalten, sondern in der Form. Jack Hexter, der Herausgeber der kritischen Edition von „Utopia“, hat vermutet, dass das Werk im Kontext eines heute vergessenen Spiels zu sehen sei. Morus hat es mit einem engen Freund gespielt, dem Humanisten Peter Gilles. Sie führten längere Gespräche und stellten sich spielerisch die Frage nach dem Bestmöglichen: Was wäre die beste Musik, was wäre der beste Staat, was wäre die beste Erziehung für einen Höfling? Es ist wie beim Schachspiel, der eine äußert eine Idee, der andere darf sie überbieten.

„Utopia“ ist in dem Sinn eher ein Gesellschaftsspiel als ein doktrinärer Traktat. Speziell den linken Utopien wurde ja immer der Vorwurf des Totalitarismus gemacht, wonach es immer totalitäre Institutionen sind, die Utopien umsetzen wollen. Wenn man das spielerisch sieht, finde ich es viel interessanter: als einen Imaginationsraum zwischen Wissenschaften und Künsten, in dem es darum geht, die soziale Kreativität zu fördern. Es macht gar nichts, wenn Blödsinn herauskommt, aber es ist wichtig, das künftige Leben, jenseits der Schrecken der Gegenwart, miteinander zu imaginieren und auszumalen.

Ein sokratischer Dialog ohne Sokrates?

Ja, denn bei den platonischen Dialogen haben die Gesprächspartner oft nur die Funktion von Stichwortgebern, sie sagen stets „Gewiss, Sokrates“ oder „Wie denn auch anders“ oder so, und das wäre in einem utopischen Dialog sinnlos.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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