Vor den „sechs Minuten des Grauens“

Am Mittwoch ist es für die europäisch-russische Mission ExoMars soweit: Mit 21.000 km/h wird das kleine Landegerät „Schiaparelli“ in die Marsatmosphäre eintauchen - um sechs Minuten später stark abgebremst auf der Oberfläche unseres Nachbarplaneten aufzusetzen.

So sieht es jedenfalls der Plan der Missionsingenieure vor. Doch die Landung ist alles andere als Routine, und die entscheidenden sechs Minuten für „Schiaparelli“ dürften dramatisch werden.

Denn das Aufsetzen auf der Marsoberfläche nach einem Ritt durch die dünne, kohlendioxidhaltige Atmosphäre des Roten Planeten zählt zu den schwierigsten Raumfahrtmanövern überhaupt. Bisher gelang es nur den USA, funktionierende Forschungsrover auf dem Mars zu platzieren.

ESA-Video: Simulation der Landung von „Schiaparelli“

Generalprobe für Roverlandung 2020

Zwar ist „Schiaparelli“ kein hochgerüsteter Rover, sondern nur ein Testlandegerät. Dennoch ist das geplante Aufsetzen des kleinen Landers auf dem Mars die Generalprobe für den ersten europäischen Rover, den die europäische Weltraumagentur ESA in vier Jahren auf dem Mars absetzen will.

Dabei war der erste europäische Versuch einer Marslandung vor 13 Jahren missglückt: Im Dezember 2003 verschwand das in Großbritannien gebaute Minilandegerät „Beagle 2“ spurlos, nachdem es sich planmäßig von der ESA-Sonde Mars Express gelöst und zur Landung angesetzt hatte.

Danach herrschte jahrelang Rätselraten um das Schicksal von „Beagle 2“, denn der Lander meldete sich nie wieder. Erst im Januar 2015 gelang es der NASA, das verstummte Landegerät auf der Marsoberfläche zu fotografieren.

Mission nach einigen Tagen vorbei

Nun soll „Schiaparelli“ auf dem Roten Planeten aufsetzen und mehrere Tage lang Technologien erproben, um die spätere Landung des ersten europäischen Rovers zur Erforschung der Planetenoberfläche vorzubereiten. Diesen Rover soll dann der zweite Teil der ExoMars-Mission zum Mars bringen, dessen Start 2020 geplant ist.

„Schiaparelli“ ist unter anderem mit einer kleinen Wetterstation ausgerüstet, die neben Temperatur, Druck und Windgeschwindigkeit auch elektrische Felder auf der Marsoberfläche messen soll. Die Batterie des Testlandegeräts lässt sich nicht aufladen, deshalb wird die Mission von „Schiaparelli“ schon nach wenigen Tagen beendet sein.

Atmosphärensonde soll in Umlaufbahn

Neben dem kleinen Lander umfasst Teil eins der ExoMars-Mission auch eine Atmosphärensonde mit der Bezeichnung TGO (Trace Gas Orbiter). Seit ihrem Start vor sieben Monaten reiste TGO mit „Schiaparelli“ huckepack insgesamt knapp 500 Millionen Kilometer Richtung Mars. Am Sonntag nun löste sich das Testlandegerät planmäßig von der Sonde, seitdem legen „Schiaparelli“ und TGO die letzte Wegstrecke zu unserem Nachbarplaneten getrennt zurück.

Auch TGO wird den Roten Planeten am Mittwoch erreichen und soll dann in eine Umlaufbahn um den Mars einschwenken. Nach einer Serie komplexer Bremsmanöver wird der Orbiter dann ab Ende 2017 die Gase in der Marsatmosphäre untersuchen. Dabei wird er nach Spuren einfachen Lebens auf dem Roten Planeten suchen.

Grafik der "Sechs Minuten des Grauens"
ESA/ATG medialab
Grafik der „sechs Minuten des Grauens“

Sechs Minuten Hochspannung

Doch zunächst soll „Schiaparelli“ auf dem Mars landen - innerhalb von sechs Minuten, die für Höchstspannung im Europäischen Raumflugkontrollzentrum der ESA in Darmstadt sorgen werden. 121 Kilometer über der Marsoberfläche wird der 600 Kilo schwere Lander am Mittwoch in die Atmosphäre eintreten und dann von 21.000 auf zehn Stundenkilometer heruntergebremst - eine ungeheure Belastung für das mit Fallschirm und Schutzschild ausgerüstete kleine Landegerät.

Für solch dramatische Raumfahrtmomente gibt es einen Begriff, der auch die Anspannung in Darmstadt gut beschreiben dürfte: Vor der erfolgreichen Marslandung des NASA-Rovers „Curiosity“ im August 2012 nannten die US-Verantwortlichen die entscheidende letzte Landephase die „sieben Minuten des Grauens“. Kleiner Trost für die ESA in Darmstadt: „Schiaparelli“ stehen immerhin „nur“ sechs schreckliche Minuten bevor.

Richard Heister/AFP

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