„Wir brauchen bessere Abstimmung“

Universitäten und Fachhochschulen sollen ihre Studienangebote besser abstimmen, fordert Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP). Mehr desselben - das sei nicht die Zukunft, meint er in einem E-Mail-Interview.

science.ORF.at: Welche Studienrichtungen, die heute von Universitäten angeboten werden, würden Sie gerne an den FHs sehen bzw. welche Angebote der FHs könnten zu den Universitäten wandern?

Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner
APA/Roland Schlager

Reinhold Mitterlehner ist Vizekanzler und Bundesminister für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft.

Reinhold Mitterlehner: Österreichweit gibt es sowohl an Universitäten als auch an Fachhochschulen ein reichhaltiges Studienangebot, das einerseits vom jeweiligen Ausbildungsprofil gekennzeichnet ist und anderseits von den Studierenden in unterschiedlichem Ausmaß genutzt wird. Bis jetzt war die Idee immer, dass man mehr desselben wollte. Das sehen wir anders. Wir müssen uns überlegen, was das Angebot in Zukunft sein soll. Dafür brauchen wir die Fächerabstimmung. Es geht aber nicht ums Streichen, sondern um eine bessere Abstimmung zwischen Fachhochschulen und Universitäten, aber auch zwischen den Universitäten untereinander. Davon könnten sowohl Studierende als auch Vortragende im Sinne von Auslastung und Qualität in der Lehre profitieren.

FHs haben den Nimbus, „praxisnahe“ zu sein und für die Wirtschaft „passgenaue“ Absolventinnen und Absolventen zu „produzieren“: Bedeutet Praxisferne in diesem Sinne automatisch Universität, Praxisnähe Fachhochschule?

Diese Definition der hochschulischen Ausrichtung von Universitäten und Fachhochschulen ist zu pauschal. Für beide Einrichtungen gibt es aber klare gesetzliche Aufträge bzw. Missionen, die auch in der Ausgestaltung der jeweiligen Lehrpläne zum Ausdruck kommen. Beiden Hochschulen geht es darum, wie die beste Justierung und Arbeitsteilung für die Ansprüche der Wirtschaft und Wissenschaft sichergestellt werden kann. Damit ist auch eng die fortschreitende Akademisierung der Wissensgesellschaft verbunden. Beide Systeme haben ihre Stärken und die sollten sie auch leben.

Was bringt Studierenden eine Studienplatzbewirtschaftung? Steht dahinter nicht eine Ausdehnung der Zugangsbeschränkungen und den damit verbundenen Folgen (sinkende Akademikerquote, stärkere soziale Selektion …)?

Veranstaltung

Der Zukunft der Hochschulen widmet sich die Konferenz „Differenzierung im Hochschulsystem: Notwendigkeiten, Chancen und Risiken“ am 21.10.2016 - weitere Informationen.

Die „kapazitätsorientierte Studienplatzfinanzierung“ ist nicht nur ein neues Finanzierungsmodell, sondern auch der Sammelbegriff für regulierende Maßnahmen zur Erhöhung der Abschlussorientiertheit der Studierenden durch bessere Betreuungsrelationen und damit verbundener Steigerung der Prüfungsaktivität. Ziel wäre einerseits mehr Verbindlichkeit, andererseits auch eine bessere Betreuungssituation für Studierende und Lehrende. Vorbild sind hier die Fachhochschulen, wo die Studiendauer kürzer und die Abschlussquote höher ist und das trotz Zugangsregelungen. Im Übrigen haben die bisherigen Erhebungen keine soziale Selektion durch Zugangsregelungen ergeben, Nachholbedarf haben wir lediglich bei der Medizin. Generell konzentrieren wir uns derzeit stark auf die Zahl der Studienanfänger, der bloße Beginn eines Studiums nützt aber weder den einzelnen Studierenden noch der Akademikerquote.

Wie sieht das Gesamtbudget der FH/Universitäten in Österreich aus? Wie viel kostet ein Studierender pro Studienplatz an FH bzw. Universitäten? Und wie würde sich das mit einer Studienplatzbewirtschaftung ändern – sprich: wieviel wäre dem Ministerium in Zukunft ein Studierender „wert“?

Zukunft der Hochschulen

Anfang 2016 hat das Wissenschaftsministerium einen Strategieprozess rund um die Frage gestartet, wie der Hochschulsektor in Österreich zukünftig organisiert und finanziert sein soll. Welche inhaltlichen Vorstellungen gibt es dazu? Welche Ziele verfolgen die Hauptakteure in diesem Prozess, der bis Ende 2017 abgeschlossen sein soll? science.ORF.at geht diesen Fragen in einer Serie nach.

Bisher erschienen:

In budgetär angespannten Zeiten haben wir einen Schwerpunkt auf das Wissenschaftsbudget legen können. In der aktuellen Leistungsvereinbarungsperiode erhalten die öffentlichen Universitäten in Summe über drei Jahre bis 2018 knapp zehn Milliarden Euro - das entspricht einer Steigerung von 6,8 Prozent zur Periode 2013-2015. Im internationalen Vergleich mit 29 Ländern hat Österreich die öffentliche Finanzierung der Universitäten zwischen 2008 und 2015 inflationsbereinigt sogar um 16,5 Prozent erhöht und ist eines von neun Ländern gewesen, wo es zuletzt steigende Budgets für die Universitäten gab. Die Fachhochschulen haben derzeit ein jährliches Budget von knapp 290 Millionen Euro, wobei wir diesen Bundesbeitrag noch spürbar um die Beträge aus der Bankenabgabe erhöhen und somit einen weiteren Studienplatzausbau vor allem im MINT-Bereich sicherstellen können. Was die Kosten pro Studienplatz betrifft, so gibt es unterschiedliche Berechnungsvarianten, denen der grundsätzliche Unterschied zwischen reinen Bücherwissenschaften und Studien mit hohen Praxisanteilen oder technischer Ausstattung gemein ist.

Wie sieht Ihre Vorstellung des Wissenschaftsstandorts Österreich in 20 Jahren aus, speziell was das Verhältnis von Universitäten/Fachhochschulen betrifft?

Für die fortschreitende Akademisierung der Wissensgesellschaft und damit verbundenen Herausforderungen von Industrie 4.0 und der Digitalisierung ist ein differenziertes Hochschulsystem mit entsprechenden Schwerpunktsetzungen nötig. Derzeit ist die bestehende Ausdifferenzierung noch nicht optimal. Was fehlt, ist etwas ein größerer FH-Sektor, der auch zur Entlastung der Universitäten dient. Das hat übrigens auch das gesetzlich verankerte Beratungsgremium des Wissenschaftsministers und des Parlaments, der Österreichische Wissenschaftsrat, entsprechend empfohlen. Diese Empfehlung bzw. Vision setzen wir unter anderem mit dem FH-Ausbau im MINT- & Digitalisierungsbereich mit 100 Millionen Euro um. Gleichzeitig wollen wir, dass die Universitäten ihre Stärken leben können. Künftig wird nicht die Anzahl der Fächer an einem Standort, sondern die angebotene Qualität entscheidend sein.

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