Attentat gegen den Ersten Weltkrieg

Vor genau 100 Jahren hat der Sozialdemokrat Friedrich Adler den Ministerpräsidenten Stürgkh erschossen. Die eigentlichen Ziele des Attentats waren aber die Gräuel des Ersten Weltkriegs und die „kriegsfreundliche“ Haltung seiner eigenen Partei.

„Ich habe gestern nachmittags gegen halb drei Uhr gegen den Ministerpräsidenten Graf Stürgkh in der Absicht ihn zu töten drei oder vier Schüsse aus einer Pistole, System Browning abgefeuert, welche Pistole seit eineinhalb Jahren mit sechs Patronen geladen war.“ So beschrieb Friedrich Adler am 22. Oktober 1916 seine Tat bei einer Vernehmung. Geplant hat er sie bereits Tage vorher.

Unmittelbarer Anlass war die Weigerung Karl Graf Stürgkhs, den Reichsrat wiedereinzuberufen: Seit Kriegsbeginn 1914 war das Parlament des Habsburgerreichs nicht mehr zusammengekommen, es herrschte de facto ein „Kriegsabsolutismus“. Als Stürgkh eine Versammlung verbot, die sich mit der Wiedereinberufung des Reichsrats beschäftigen sollte, war für Adler das Fass übergelaufen.

Buch und Lesungen

Das Buch „Friedrich Adler: Vor dem Ausnahmegericht“, herausgegeben von Michaela Maier und Georg Spitaler, ist im Verlag Promedia erschienen. Zum 100. Jahrestag des Attentats finden am 21. Oktober 2016, zwei Lesungen in Wien statt.

Doch die Vorgeschichte beginnt viel früher. „Adler fasste den Entschluss zum Attentat schon im Frühjahr 1915. Damals war noch unklar, gegen wen es sich richten sollte“, erzählt Michaela Maier, Geschäftsführerin des Vereins für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung (VGA) in Wien. Gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Georg Spitaler, ebenfalls vom VGA, hat sie vor Kurzem ein Buch herausgegeben, das nicht nur die Akten des Prozesses gegen Friedrich Adler enthält, sondern auch untersucht, worin die Beweggründe für die Tat lagen und wie sie im Nachhinein beurteilt wurde.

Cover der "Illustrierten Kronenzeitung" vom Tag nach dem Attentat
VGA
Titelseite der „Illustrierten Kronenzeitung“ vom Tag nach dem Attentat

Zwei Ziele: Verantwortlichen treffen …

„Adler hat zwei Ziele verfolgt. Zum einen wollte er eine Person treffen, die repräsentativ und verantwortlich war für alles, was ihm zuwider war: den sinnlosen Krieg; die hunderttausenden Toten, die er schon gekostet hatte; das Leid der Zivilbevölkerung; die Zensur, die freie Publikation verunmöglichte; die mörderischen Kriegsgerichte etc. “, so Georg Spitaler.

„Es gibt dabei eine politische und eine familiäre Komponente“, ergänzt Michaela Maier. „Sein Vater Victor Adler hat die österreichische Sozialdemokratie begründet. Friedrich Adler war aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Front und hat so das Leid der Zivilbevölkerung aus nächster Nähe gesehen. Das Vorhaben der Arbeiterbewegung, die Proletarier und Proletarierinnen aus dem Elend zu holen, wurde durch den Krieg zerstört. Und damit auch das Vorhaben seines Vaters. Das ist der emotionale Hintergrund des Attentats.“

… und in Prozess öffentlich argumentieren

„Das zweite Ziel Adlers war ein Prozess nach dem Attentat, in dem er seine Argumente gegen den Krieg öffentlich vortragen konnte“, so Georg Spitaler. Die größte Sorge Adlers sei es deshalb gewesen, dass es nicht zu einem solchen Prozess kommt. Die Sorge war nicht unberechtigt. Zum einen weil sein Vater alles unternahm, um seine Unzurechnungsfähigkeit zu beweisen – womit er keine Verteidigungsrede hätte halten können. Der Versuch Victor Adlers scheiterte allerdings. Zum anderen weil überhaupt nicht klar war, ob Friedrich Adler während des Kriegs überhaupt ein fairer Prozess gemacht werden würde.

„Das war aber der Fall“, so Spitaler. „Zwischen dem Attentat im Oktober 1916 und dem Prozess im Mai 1917 ist eine Menge passiert. Kaiser Franz Joseph war gestorben, es gab eine neue Regierung, das Parlament sollte wieder einberufen werden.“ Man wollte deshalb einen fairen Prozess für Adler bieten, in dem er über alles sprechen konnte.

Ö1 Sendungshinweis

Dem Attentat widmen sich auch die Dimensionen: „Kriminalfälle der Wissenschaft. Der Fall Adler“, 20.10., 19:05 Uhr.

Das Ergebnis, das sich in den Prozessakten des Buchs nachlesen lässt, ist beeindruckend: Logisch, akribisch und mit nahezu mathematischer Stringenz argumentiert Adler – der ja Physiker war und sich noch im Gefängnis mit Albert Einstein über dessen Relativitätstheorie stritt - gegen den Krieg, gegen die kriegsfreundliche Haltung seiner eigenen Partei und warum er als letzten Ausweg die mörderische Tat wählte. „Adler hat aus seiner Verteidigungsrede eine Anklage gemacht“, sagt Georg Spitaler. „Auch gegen das, was er als ‚österreichische Moral‘ bezeichnet hat – also den Hang zu Kompromiss und Zynismus, die Neigung, Dinge geschehen zu lassen, auch wenn man weiß, dass sie nicht richtig sind.“

Friedrich Adler beim Prozess
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Friedrich Adler beim Prozess

Ein voller Erfolg

„Adlers Auftritt vor Gericht war schon rein körperlich eine Meisterleistung“, ergänzt Michaela Maier. „Denn er war wie sein Vater Victor herzkrank und redete an beiden Verhandlungstagen stundenlang vor Gericht.“ Der Erfolg gab Adler Recht. Zwar wurde er – wie erwartet – zum Tod verurteilt. Schon kurz danach aber wurde das Urteil auf kaiserlichem Befehl in „18 Jahre schweren Kerkers“ umgewandelt. Aus der Sicht von Adler noch viel wichtiger: Er konnte seine Argumente vorbringen und diese fanden – wenn auch in zensurierter Form – über die Zeitungen die breite Öffentlichkeit.

„Adler wurde daraufhin zur Ikone der Arbeiterbewegung, national wie international“, sagt die Historikerin Michaela Maier. „Er bekam Solidaritätsbezeugungen aus aller Welt. Sein Einsatz für einen bedingungslosen Friedensschluss, der bis dahin eine Minderheitenposition der österreichischen Sozialdemokraten war, wurde mehrheitsfähig. Nach dem Krieg luden ihn Trotzki und Lenin ein, die Führung der Dritten Internationalen zu übernehmen.“

Aus Letzterem wurde nichts: Friedrich Adler versuchte zwar, die Spaltung von kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien zu verhindern, aber ohne Erfolg. Er blieb Sekretär der Österreichischen Sozialdemokraten und übernahm später diese Tätigkeit auch bei der Sozialistischen Internationalen.

“Ein Leidender an der Zeit“

Insgesamt war Adler etwas mehr als ein Jahr lang im Gefängnis in Stein an der Donau inhaftiert. Die oft erzählte Geschichte, wonach er bei der Entlassung aus der Haft vom Auto des Kaisers abgeholt wurde, geht auf ein Essay von Anton Kuh zurück. „Das ist eine literarische Zuspitzung“, sagt Michaela Maier. „Historisch bewiesen ist, dass Victor Adler am gleichen Tag der Entlassung seines Sohnes einen Termin bei Kaiser Karl hatte. Kuh hat daraus die Geschichte des kaiserlichen Chauffeurs, der Friedrich Adler abholt, gebastelt.“

Und wie fällt das historische Fazit des Attentats aus? „Adler selbst hat seine Tat nicht als ‚einzig logischen Schritt‘ gesehen. Aber er wurde durch die Situation des Krieges, die Haltung seiner Partei etc. dazu getrieben. Insofern war er ein ‚Leidender an der Zeit‘, wie er vom Historiker Rudolf Ardelt genannt wurde“, so Georg Spitaler. Ob sich das Attentat unmittelbar auf die Regierungspolitik im k.u.k.-Reich auswirkte, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Der Krieg war verloren, die sozialen Unruhen nahmen zu – das wäre auch ohne Adlers Tat geschehen“, meint Michaela Maier. „Aber sie hat sehr gut in die Entwicklungen der Zeit gepasst – und sie möglicherweise auch beschleunigt.“

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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