Ölkrise auf Italienisch

Die EU plant künftig stärkere Einfuhrkontrollen für Pflanzen und Samen. Denn eingewanderte Schädlinge können Nutzpflanzen übel zurichten. Anlass dafür ist unter anderem Xylella fastidiosa: Das Bakterium rafft die Olivenbäume Süditaliens dahin.

Büschelweise vertrocknete Blätter, kahle Baumkronen, ausgebleichte Olivenbaumskelette: Im Südwesten der Region Apulien am italienischen Stiefelabsatz prägt Xylella fastidiosa bereits ganze Landstriche. Das Bakterium hat dort bereits zehntausende Bäume auf dem Gewissen. Vermutlich sind Millionen infiziert.

Tote Olivenbäume
Anna Masoner/ORF
Elend der Olivenbäume in Apulien

Die EU will nun gegen Bioinvasoren vorgehen. Darauf zielt eine Verordnung ab, die das Europaparlament gestern verabschiedet hat. Die neuen Vorschriften sehen stärkere Einfuhrkontrollen für Pflanzen und Samen sowie Quarantänezonen vor. Mit diesen Maßnahmen will die EU verhindern, dass eingeführte Schädlinge heimische Pflanzen vernichten.

Xylella setzt sich an den Wasserleitungsbahnen der Bäume fest, verschleimt sie regelrecht. Dadurch wird der Wassertransport gehemmt, die Bäume verdursten langsam. Xylella gilt weltweit als einer der zehn am stärksten gefürchteten Pflanzenschädlinge.

Ein probates Mittel gegen den Mikroorganismus gibt es bisher nicht. Von ihm bedroht ist nicht nur Italiens wichtigstes Olivenanbaugebiet. Für den in Italien wütenden Bakterientyp sind 24 Wirtpflanzen bekannt, darunter Oleander, Rosmarin, Kirsch- und Mandelbaum. Das macht ihm EU-weit zum Alptraum.

USA bekämpft Xylella seit 120 Jahren

Beschrieben wurde Xyllella fastidiosa erstmals in den 1890er Jahren in Kalifornien, bis heute sind vier Unterarten des Bakteriums bekannt. Alle haben ihren Ursprung in Mittel- und Südamerika. Die in Kalifornien verbreiteten Xylella-Typen befallen neben Eichen und Ziergehölzen vor allem Weinreben. In manchen Gegenden ist der Weinbau daher verboten.

„Die USA hatte bisher nur mit gentechnisch veränderten Sorten Erfolg“, sagt der Pflanzenpathologe Giovanni Martelli von der Universität Bari. In Europa ist das ein No-Go.“

Von Costa Rica nach Italien

Offiziell gemeldet hat Italien den Schädling im Oktober 2013. Ins Land gekommen ist er wohl ein paar Jahre früher. Vermutlich als blinder Passagier auf einer Kaffeepflanze aus Cosa Rica, wie Genomanalysen nahelegen.

Im Klima Süditaliens fand er ideale Bedingungen um sich zu verbreiten, sagt Giovanni Martelli. Und einen idealen Verbündeten, ein braunes unscheinbares Insekt mit einer enormen Sprungkraft: die Wiesenschaumzikade. Sie ernährt sich vom Pflanzensaft.

Olivenhain und Straßenschild mit Aufschrift "Lecce"
Anna Masoner/ORF
Der Schädling wandert per Autostopp

Einmal mit dem Bakterium in Berührung gekommen, transportiert das sechs Millimeter große Tierchen das Bakterium von einem Baum zum nächsten. Per Biss. Die Zikade krallt sich auch gern auf T-Shirts fest und verbeitet sich als Passagier auf Windschutzscheiben von Autos. Die meisten erkrankten Bäume findet man daher am Rand von stark befahrenen Straßen, sagt Martelli. So wandert das Bakterium jedes Jahr zig Kilometer Richtung Norden.

Bekämpfung all´italiana

Die Bekämpfung von Xylella ist äußerst schwierig. Die befallenen Bäume bleiben monatelang symptomlos, weshalb sich das wahre Ausmaß der Seuche kaum einschätzen lässt. Der erste Plan zur Bekämpfung des Bakteriums sah vor, den Absatz des Stiefels mit verschiedenen Zonen vom Rest Italiens abzuschneiden.

Während die Behörden die südlichste Zone, die Provinz Lecce als hoffnungslos verseucht aufgaben, sollte die Ausbreitung nach Norden verhindert werden. Mit Fäll-Aktionen und Insektiziden. Doch Proteste und Gerichtsklagen von Bauern und Umweltschützern blockierten die Arbeiten.

Detail: Blätter eines Olivenbaums
Anna Masoner/ORF
Manche Bäume scheinen resistent zu sein

Im Dezember 2015 stoppt die Staatsanwaltschaft Lecce die von der EU angeordneten Quarantänemaßnahmen und ermittelt gegen mehrere von führenden apulischen Xylella-Experten an der Universität Bari. Der Grund? Es sei nicht eindeutig bewiesen, dass das Killerbakterium tatsächlich für das Baumsterben verantwortlich ist, hieß es. Die Bekämpfungspläne seien daher möglicherweise übertrieben.

Die Olivenverschwörung

Sendungshinweis

Diesem Thema widmen sich heute auch die Ö1-Dimensionen, 27.10., 19:05 Uhr.

Vorausgegangen waren der Aktion der Staatsanwaltschaft heftige Proteste gegen das Fällen der bis zu 1.500 Jahre alten gesetzlich geschützten Olivenbäume. In den sozialen Medien verbreiteten sich alternative Erklärungen für das plötzliche Sterben der Bäume. Luftverschmutzung, Klimawandel, die jahrelange Zerstörung des Bodens durch Pestizide.

Es gibt Berichte von Spontanheilungen. Andere glauben an Verschwörungen, das Bakterium sei aus einem Labor entwichen oder ausgesetzt worden, um die apulische Olivenölindustrie zu zerstören. Manche halten Xylella überhaupt für eine Erfindung der Mafia, mit deren Hilfe sie geschützte Bäume roden will, um dort Hotels bauen zu können.

Resistente Sorten?

Ein wenig Hoffnung für die Bauern im infizierten Gebiet kommt von den Wissenschaftlern an der Universität Bari. Von jenen, gegen die immer noch ermittelt wird. Nicht alle Olivenbaumsorten scheinen dem Bioinvasor gleich ausgeliefert. So haben die Wissenschaftler bereits Sorten identifiziert, die über natürliche Abwehrmechanismen gegen die Krankheit verfügen und sie suchen weiter. Wissenschaftler und Bauern wollen mit der anscheinend resistenten Sorte jene jahrhundertalten Bäume retten, die das Landschaftsbild ausmachen.

Seit einigen Wochen durchstreifen Mitarbeiter des italienischen Pflanzengesundheitsdienstes wieder Apuliens Olivenbaumhaine. Wird ein infizierter Baum gefunden, wird er gefällt. Solange das Bakterium über den Absatz des Stiefels nicht hinauskommt, lässt sich die Seuche noch eindämmen, glauben Pflanzenpathologen.

Vor einer Woche wurde Xylella in Ostuni gemeldet, einem schmucken Städtchen zwischen Brindisi und Bari. Die Gegend ist bekannt für den intensiven Olivenanbau. Xylella fastidiosa hat es also mehr als 100 Kilometer nach Norden geschafft. Viel Zeit bleibt nicht mehr.

Anna Masoner, Ö1-Wissenschaft

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