Südeuropa könnte zur Wüste werden

Die Artenvielfalt des Mittelmeer-Raums ist einzigartig. Damit das so bleibt, muss das Pariser Klimaabkommen eingehalten werden, fordern Forscher in einer neuen Studie. Ansonsten könnte etwa der Süden Spaniens und Portugals bald schon eine Wüste sein.

Schon bei einer Erderwärmung von mehr als 1,5 Grad würde sich die Natur bis Ende des Jahrhunderts so sehr verändern wie in den vergangenen 10.000 Jahren nicht, schreiben Joel Guidot und Wolfgang Cramer von der Universität Aix-en-Provence in Frankreich.

Bei einer Erwärmung von mehr als 2,0 Grad prognostizieren sie noch gravierendere Änderungen: Große Teile Südeuropas und Nordafrikas werden wegen Wasserknappheit zur Wüste, an Trockenheit angepasste Hartlaubgewächse breiten sich in der Ebene aus, dort verschwinden Laubwälder, die wiederum in höheren Lagen wachsen und Gebirgswälder verdrängen.

Prognosen basieren auf Pollenuntersuchungen

Im vergangenen Dezember hatten sich 195 Staaten bei der Pariser Klimakonferenz darauf geeinigt, die Erderwärmung durch den Treibhauseffekt auf „deutlich unter zwei Grad“ Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Sie wollten sich aber anstrengen, sie bei 1,5 Grad zu stoppen.

Der Mittelmeer-Raum erwärmt sich besonders schnell. Die Temperatur liegt der Studie zufolge jetzt schon 1,3 Grad höher als zwischen 1880 und 1920. Im weltweiten Durchschnitt stieg die Erdtemperatur seit Aufzeichnungsbeginn um rund ein Grad.

Inselgruppe Lavezzi zwischen Korsika und Sardinien
Daniel Pavon, IMBE, Universität Aix-en-Provence
Inselgruppe Lavezzi zwischen Korsika und Sardinien

Die Forscher untersuchten Pollenablagerungen, die Erkenntnisse über die Veränderungen von Klima und Ökosystemen der Region während des Holozäns zulassen. Das Holozän ist der jüngste Zeitabschnitt der Erdgeschichte und reicht 11.700 Jahre zurück. Auf dieser Grundlage schätzten die Forscher die Auswirkungen auf Klima und Vegetation für verschiedene Temperaturanstiege ab.

Idealziel: „Nur“ 1,5 Grad plus

Ein Großteil der Szenarien in der Studie geht von Wasserknappheit für den Mittelmeer-Raum in den kommenden Jahrzehnten aus. Daraus folge ein Verlust der mediterranen Ökosysteme und ihrer Artenvielfalt. Das sei besonders kritisch, weil die Mittelmeer-Region ein Hotspot weltweiter Artenvielfalt sei.

Außerdem böte die Region den Menschen etlichen Nutzen - sauberes Wasser etwa, Hochwasserschutz und Raum zur Erholung. Diese Faktoren würden ohne ambitionierten Klimaschutz in Zukunft stark zurückgehen.

Verhindert werden könnten derlei Folgen den Forschern zufolge nur, indem der Temperaturanstieg auf maximal 2,0 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter begrenzt werde. In den Grenzen der vergangenen 10.000 Jahre blieben die Auswirkungen des Klimawandels nur bei Erreichen des Idealziels von 1,5 Grad.

Inselgruppe Île de Porquerolles vor der französischen Mittelmeerküste
Wolfgang Cramer, IMBE, CNRS, Universität Aix-en-Provence
Inselgruppe Ile de Porquerolles vor der französischen Mittelmeer-Küste

Kritik von Forscherkollegen

„Die vorliegende Veröffentlichung ist die erste umfassende flächendeckende Studie zu den ökosystemaren Auswirkungen des Klimawandels im Mittelmeer-Gebiet“, sagte der Geoökologe Carl Beierkuhnlein von der Universität Bayreuth. Die Konsequenzen für die gesamte Artenvielfalt seien jedoch unklar, weil eine Pollenanalyse nur bestimmte Gattungen abdecken könne. „Es gibt aber keine bessere Methode zur Rekonstruktion von Vegetationsveränderungen in der Vergangenheit“, so der nicht an der Studie beteiligte Forscher.

Eine Schwachstelle der aktuellen Studie, auf die die Autoren auch hinweisen: Prognosen des menschlichen Einflusses auf die Ökosysteme wurden nicht berücksichtigt. Auch Brände kommen bei den Modellen nicht vor, kritisiert die Geoökologin Kirsten Thonicke vom Institut für Klimafolgenforschung in Potsdam.

„Brände waren schon immer ein integraler Bestandteil der mediterranen Ökosysteme.“ Sie könnten in Zukunft zu mehr Steppen auf Kosten von Waldflächen und stärkerem Verlust von nicht an Feuer angepasste Waldtypen führen „und dies umso mehr, je stärker der Klimawandel wäre“.

science.ORF.at/dpa

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